Lehrer über Klima-Proteste Dürfen Schüler schwänzen, wenn sie demonstrieren wollen?

Wenn Schüler freitags gegen den Klimawandel kämpfen, bleiben in der Klasse Plätze leer. Können Schulen das gutheißen? Drei Lehrer erzählen, was sie von den jungen Protestlern halten.

Leeres Klassenzimmer (Symbolbild)
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Leeres Klassenzimmer (Symbolbild)

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Sie hören nicht auf, ihre Sorgen und ihre Forderungen in die Welt zu tragen. Seit Wochen gehen Schüler in vielen Ländern auf die Straße, um sich für mehr Klimaschutz einzusetzen. Auch an diesem Freitag wieder.

Die Mehrzahl der Demos findet während der Unterrichtszeit statt. Doch: Dürfen Schüler schwänzen, um zu demonstrieren?

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Protestierenden lobten, kommt aus aus den Reihen der CDU auch Kritik. Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner sagte, Schülern mangele es an der notwendigen Kompetenz, um beim Thema Klimaschutz mitzureden. Wissenschaftler hingegen sind anderer Meinung: Mehr als 12.000 Forscher unterstützen in einer gemeinsamen Stellungnahme die Bewegung.

Was sagen jene, die freitags vor Klassen stehen, um zu unterrichten? Drei Lehrkräfte haben dem SPIEGEL berichtet, ob sie es richtig finden, wenn ihre Schüler bei den "Fridays For Future" mitmachen.

Arne Ulbricht, Lehrer und Autor in Wuppertal

"Politikern in Deutschland scheint es nur darum zu gehen, Fahrverbote zu verhindern. Ihnen ist das Klima nicht nur egal, nein, sie fahren den Planeten bei vollem Bewusstsein gegen die Wand. Viele Wähler sind ihnen dafür dankbar. Verzicht aufs Auto? Undenkbar!

Sind Schüler wirklich anders? Wie viele lassen sich von ihren Eltern mit dem SUV zum Handballtraining fahren, anstatt den Bus oder das Fahrrad zu nehmen. Sie sind auch begeistert, wenn die Eltern den Skiurlaub planen. Sie könnten ihnen ja auch sagen, dass sie keine Lust mehr haben, gerodete Pisten runterzurasen.

Aber was ist mit den Schülern, die es ernst meinen? Die sollen unbedingt auf die Straße gehen! Und nicht nur sie, sondern alle Menschen. Dafür muss aber nicht während der Unterrichtszeit gestreikt werden, sondern es sollte Montagsdemos wie in der ehemaligen DDR geben. Ab 17 Uhr. Jede Woche. Auf diese Weise ist die DDR gestürzt worden. Vielleicht gelingt es so auch, die Klimapolitik zu einer richtigen Klimaschutzpolitik zu verändern."

Michaela Brandt, Grundschullehrerin in Hamburg

"Ich finde die Proteste gut. Wir brauchen keine eingeschweißten Gurken, doch wenn die Politik und die Wirtschaft keinen Druck bekommen, ändert sich nichts. Es ist deshalb super, wenn sich Schüler für die Umwelt und den Klimaschutz engagieren.

Ich sehe jedoch auch die Bedrängnis, in die die Schulbehörden dadurch geraten. Sie sind verpflichtet, auf die Schulpflicht zu pochen. Sonst kann ja jeder kommen, der während des Unterrichts gegen den Brexit oder gegen Ausländerfeindlichkeit protestieren oder eine Kuh retten will. Das geht einfach nicht.

Es ist jedoch schwach, wenn die Behörden den Schulen die Entscheidung überlassen, ob sie die Schüler sanktionieren wollen. Sie sollten konsequent durchgreifen: Jeder, der dem Unterricht fernbleibt, um zu einer Demo zu gehen, sollte einen Eintrag ins Klassenbuch bekommen.

Gleichzeitig sollten Behörden und Lehrer ihren Schülern aber auch konkrete Alternativen anbieten. Sie könnten sagen: "Wir unterstützen euer Anliegen, aber lasst uns doch gemeinsam samstags demonstrieren. Dann sind in den Städten sowieso viele Menschen unterwegs, die wir erreichen.

Lehrer könnten mit ihren Schülern auch überlegen: Was genau kann jeder einzelne im Alltag für den Umweltschutz tun? Wie kann man diese Ideen publik machen und umsetzen? Sie könnten zum Beispiel Schülerausschüsse gründen, die mit Politikern konkrete Maßnahmen erörtern oder mit Firmenvertretern besprechen, wie die Wirtschaft den Umwelt- und Klimaschutz stärker beachten kann.

Auf jeden Fall sollte man die Energie der jungen Menschen nutzen, anstatt nur dafür oder dagegen zu sein und sich hinter Floskeln, Regeln und scheinbaren Unmöglichkeiten zu verstecken."

Georg Hengst, Schulleiter am Katholischen Berufskolleg in Essen

"Bei sehr vielen Schulleiterinnen und Schulleitern schlagen in diesen Tagen zwei Herzen in einer Brust. Zum einen ist da die E-Mail der Bezirksregierung, die eindeutig die Genehmigung von angekündigter, wöchentlicher Teilnahme an Demonstrationen untersagt. Zum anderen ist da die Notwendigkeit, für den Klimaschutz aufzustehen, damit diese eine Welt erhalten und geschützt wird.

Klar ist: Die wöchentliche Teilnahme an Demonstrationen verletzt die Vereinbarungen im Schulvertrag und kann daher von den Schulleiterkollegen nicht genehmigt werden. Sie führt zu Konsequenzen für die Schüler, die regelmäßig dem Unterricht fernbleiben.

Wahrscheinlich hat der ein oder andere Schulleiter selbst Erfahrung mit der Teilnahme an Demonstrationen und hat früher selbst Unterricht oder Seminare versäumt oder unentschuldigt gefehlt, würde die Fehlzeiten der demonstrierenden Schüler also entschuldigen.

Unbestritten ist, dass die Anliegen beider Seiten berechtigt sind. Doch wie kann man Schülern die Teilnahme ermöglichen, ohne dass sie ihre Pflichten verletzen?

Für meinen Berufskolleg in Essen hat die Dienstanweisung der Bezirksregierung rechtlichen Bestand. Das ist den Schülern über eine außerordentliche Sitzung bekannt gemacht worden.

Bei uns steht die Frage im Raum, aus welchem Grund die Demonstration nicht auf den frühen Nachmittag verlegt wird oder gemeinsame Aktionen von Klassen und Kursen mehrerer Schulen an einem Aktionstag geplant werden.

Der negative Beigeschmack des Schulschwänzens wäre dann vom Tisch und würde in den vielfältigen Diskussionen den dringenden Bedarf von Maßnahmen zum Klimaschutz wieder in den Vordergrund rücken.

'Wenn nicht jetzt, wann dann?', hat Herbert Grönemeyer neulich noch mit einigen Tausend Konzertbesuchern in der Kölner Lanxess-Arena gesungen und er hat dabei absolut Recht, die Zeit drängt."

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
bedireel 15.03.2019
1.
Eine große Alterskohorte friedens- und wohlstandsgelangweilter, geschichtsignoranter, durch grünlinke Bildungspolitik sturmreif verblödeter Millenial-Jahrgänge, die für dieses Zeug empfänglich war, ist in Multiplikatoren-Berufe hineingewachsen – während eine liberalere Alterskohorte aus diesen Berufen herausgewachsen ist und der Rest alles treudoof mitgemacht hat.” Genau so sehe ich das wie viele andere auch. Es handelt sich um eine ganz neue Stufe von Dekadenz, der man nur schwer etwas entgegensetzen kann, weil sie mit dem Gefühl arbeitet , sogar vom Gefühl lebt, statt von der Vernunft. M.f.G
Der Sheldon 15.03.2019
2. Chemie!
Die Kiddies sollten mal ihre Chemielehrer fragen, wie es sich mit der Löslichkeit von Kohlendioxid in Wasser und der Temperatur verhält... Vielleicht demonstrieren sie dann am Donnerstag gegen das Gendersternchen, schwänzen am Montag die Schule für mehr Sonnenschein im Winter. Gründe fürs Schuleschwänzen gibt es genügend in dieser durchgeknallten Gesellschaft, in der eine hilflose schwedische Göre benutz wird, um eine Bewegung zu starten.
BoMo_UAE 15.03.2019
3. Duerfen sie das?
Ob die Schueler schwaenzen duerfen oder nicht ist doch nicht die Frage. Sie machen es einfach. Um Aufmerksamkeit zu erregen, um zu protestieren und den "Erwachsenen" endlich klarzumachen, dass es um die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder geht. Da spielt das Schwaenzen keinerlei Rolle. Vielmehr sollte man die Erwachsenen und vor allem die Regierenden fragen: DUERFEN DIE DAS?
Rationator 15.03.2019
4. Kein Schuleschwänzen!
Das Engagement der Schüler beruht natürlich auf einem Hype, den Medien und die öffentliche Aufmerksamkeit hiermit befeuern. Bewirken tut dies nichts, es ist so, als ob ein Sack Reis in China umfällt. Im übrigen sind die Schüler auch nicht authentisch. Sie gehören einer ferngesteuerten Facebook-Bewegung an, sie wollen einfach eine Show abziehen, und das Klima bietet sich vortrefflich an. Bestimmt gibt es mehrere oder auch viele Teilnehmer, die den Schulunterricht sehr dröge finden, da ist ein öffentlichkeitswirksamer Protest mehr prickelnd. Wenn Schüler erst mal Opfer bringen und ihre Demos in der Freizeit abhielten, dann würden sie ungleich authentischer rüberkommen. So aber, ist das alles Hype, ohne es ernst zu nehmen, gesponsert von freundlichen Medien, die solche Jugendstreiche gerne unterstützen.
achim21129 15.03.2019
5. Was für eine ...
... kleinkarierte Diskussion, typisch Deutsch! Meine Generation (1961) und 'echte Profis' wie Herr Lindner hinterlassen unseren Nachkommen eine desaströsen Umwelt, das haben wir total verbockt! Die Kids müssen auf die Straße, eigentlich müssen sie wochenlang die Schulen schwänzen um Politik und Gesellschaft richtig unter Druck zu setzen. Deren Zukunft und die Zukunft der folgenden Generation ist doch ein viel, viel höheres Gut als ein paar (hochtheoretische) Schulstunden. Kids geht auf die Straße!!!
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