Wunderkind Europas jüngstes Frühchen geht jetzt in die Schule

Bei ihrer Geburt wog sie nur 460 Gramm. Inzwischen ist Frieda acht Jahre alt und hat ihre ersten Wochen in der Schule gut gemeistert - auch wenn sie dort einige Schwierigkeiten hat.

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Als Frieda im November 2010 zur Welt kam, war sie Europas jüngstes Frühchen. Sie wurde nach nur 21 Wochen und fünf Tagen geboren. Normalerweise dauern Schwangerschaften 40 Wochen.

Damals wog sie 460 Gramm - also weniger als zwei Päckchen Butter - und war 26 Zentimeter groß. Inzwischen wurde Frieda eingeschult und ihre ersten Wochen in der Schule hat sie gut gemeistert. "Die Schule macht Spaß. Ich liebe den Sportunterricht", sagt sie. Frieda fährt Inline-Skates, im Winter Ski und flitzt auf Schlittschuhen übers Eis. Auch das Seepferdchen hat sie geschafft. "Für solch ein kleines Kind hat sie viel Kraft. Und einen starken Willen hat sie auch", sagt Mutter Yvonne.

Anfang November feierte das Mädchen seinen achten Geburtstag. "Ich habe eine Werkbank mit richtigem Werkzeug bekommen", erzählt sie, "und Puppenkleider, eine Schultafel und noch mehr."

Frieda wiegt zurzeit knapp 17 Kilogramm und misst 115 Zentimeter. "Damit ist sie leicht unter der Normalgrenze", sagt Reinald Repp, der Direktor der Fuldaer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Große gesundheitliche Probleme gebe es nicht, aber Besonderheiten. In der Schule bereite es ihr Mühe, still zu sitzen und konzentriert zu bleiben, sagt die Mutter. Doch sprachlich, sozial und intellektuell bringe sie alles mit, sagt Repp.

"Bis heute gibt es in Europa laut der Forschungsliteratur kein jüngeres Frühchen als Frieda", sagt Repp. In den USA sei ein Kind 2014 noch einen Tag früher zur Welt gekommen.

Solche extrem unreifen Kinder sind kaum lebens- und entwicklungsfähig. Friedas Geburt galt bereits als außergewöhnlich. Und mit einem gesunden Aufwachsen rechneten selbst die kühnsten Optimisten nicht. Aber die Kleine hat den Sprung ins Leben gemeistert. "Frieda geht's gut", sagt die Mutter. "Sie ist ein aufgewecktes und fröhliches Kind, das uns viel Freude macht."

Allerdings esse sie wenig, lange Zeit war das eine lästige Pflicht für sie. Mit Deftigem könne sie ihrem Kind eine Freude machen. "Sie isst gern Bratwurst mit Rotkraut."

Ess- und Aufmerksamkeitsprobleme sind nichts im Gegensatz dazu, was extrem unreifen Frühchen sonst droht. Lunge, Darm, Gehirn und Netzhaut können geschädigt sein. Es drohen Hirnblutungen und bleibende Behinderungen. "Aber die Medizin macht immer weiter Fortschritte, so dass die Chancen für Frühchen steigen", sagt Repp.

Prognosen für Frieda aufzustellen, ist allerdings schwierig. Die Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin erklärt, verlässliche Aussagen etwa über die Bedingungen für eine Schullaufbahn könnten nicht getroffen werden.

Von einer Frühgeburt spricht man, wenn ein Baby vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Das betrifft fast jedes zehnte Kind in Deutschland - insgesamt sind das rund 60.000 Babys im Jahr.

Wegen der nicht abgeschlossenen Entwicklung drohen vor allem extremen Frühchen gesundheitliche Probleme. Häufigste Spätfolgen sind Entwicklungsverzögerungen, Atemwegserkrankungen, motorische Störungen und Aufmerksamkeitsprobleme. Betroffen sind Studien zufolge rund ein Drittel dieser Kinder.

Extrem junge Frühchen kommen in Deutschland immer wieder zur Welt. Die kleine Paulina Emily wurde 2011 in Greifswald in der 23. Schwangerschaftswoche mit 490 Gramm und 27 Zentimetern geboren. In Rostock kam im selben Jahr ein Kind in der 23. Woche mit 33 Zentimetern und 650 Gramm zur Welt.

In Dortmund überlebte 2010 ein Baby mit einem Geburtsgewicht von lediglich 280 Gramm, allerdings in der 24. Schwangerschaftswoche. Und das Klinikum Fulda hat derzeit einen Jungen auf der Station, der seine Entbindung nach genau 22 Wochen überlebte, mit einer nur um zwei Tage längeren Schwangerschaftsdauer als bei Frieda.

Friedas Mutter Yvonne war mit Zwillingen schwanger gewesen. Zwillingsbruder Kilian überlebte damals allerdings nicht. Er starb sechs Wochen nach der Entbindung an Herz- und Darmproblemen. Frieda schaffte es, weil sie weniger Komplikationen in der ersten, fragilen Phase des Lebens hatte, sagt Repp. Seine Beobachtung mit dem Frühstart ins Leben: "Nicht alles ist erklärbar. Es fehlen Langzeit-Beobachtungen in der Forschung. Daher scheint vieles schicksalhaft. Im Fall von Frieda hat es das Schicksal gut gemeint."

Im Video: Die Babyretterin - Notfälle am Beginn des Lebens

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kha/dpa



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