Frühförderung Kind, lernsüchtig, sucht Bildung

Was sollen kleine Kinder ab wann lernen? Die Einschulung mit sechs Jahren komme zu spät, findet Bundesbildungsministerin Annette Schavan und fordert bessere Frühforderung. Deutschland experimentiert mit Vorschulen, manche Nachbarländer schicken schon Vierjährige zur Schule.

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Erst forderte sie den Einsatz von Forschern an Schulen als Mittel gegen den Lehrermangel, dann weitere Anstrengungen, die nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft in den Lehrplänen zu verankern. Nun ist die Frühförderung dran: Annette Schavan (CDU), Noch-Ministerin für Bildung und Forschung, mischt sich noch einmal ein - auch wenn es meist um Kompetenzen der Länder geht und sie gar nichts zu entscheiden hat.

Frühes Lernen: Die Förderung im Vorschulalter kann für den Bildungsweg entscheidend sein
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Frühes Lernen: Die Förderung im Vorschulalter kann für den Bildungsweg entscheidend sein

Um die frühe Förderung von kleinen Kindern zu verbessern, wirbt sie in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" für eine "viel stärkere Verbindung von Kindergarten und Grundschule". Zudem dürfe es "keinen starren Stichtag" für die Einschulung geben, sagte Schavan: "Die Altersgrenze von sechs Jahren führt dazu, dass viele Kinder in Deutschland für ihre Verhältnisse zu spät in die Schule kommen." Mit dem Lernen solle früher begonnen werden, "etwa im Alter von vier statt erst mit sechs Jahren".

Schavan greift damit am Ende der Legislaturperiode ein Thema auf, das Angela Merkel (CDU) schon in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD im Herbst 2005 angesprochen hatte, als sie ankündigte, "die frühkindliche Bildung zu verstärken".

"Das kindliche Gehirn ist von Natur aus lernsüchtig"

Doch die Regelungen und die Qualität vorschulischer Aktivitäten bleiben hierzulande höchst unterschiedlich. Frühförderung wird von privaten, öffentlichen und kirchlichen Trägern angeboten. Viele Kindergärten haben Vorschulgruppen eingerichtet, dazu gibt es mancherorts Vorschulklassen an den Schulen. Bisweilen herrschen Dünkel und Rivalitäten zwischen den Institutionen. So halten viele Sozialpädagogen und Grundschullehrer die mehrheitlich nicht studierten Erzieher in den Kindergärten für unterqualifiziert; diese wiederum lehnen verschultere Angebote oft als kinderfeindlichen Pauk-Zwang ab.

Dabei ist nach den Erkenntnissen von Pädagogen und Hirnforschern eine frühe Förderung für den späteren Bildungsweg verantwortlich: Mittlerweile kann als gesichert gelten, dass entscheidende kognitive Weichen schon vor dem sechsten Lebensjahr gestellt werden.

"Kinder, die länger als ein Jahr eine vorschulische Einrichtung besucht hatten, erreichten in der vierten Klasse eine höhere Lesekompetenz", heißt es beispielsweise im Nationalen Bildungsbericht 2008. Um die Weichen zu stellen, bedarf es nicht einmal eines besonders großen Aufwands. Das kindliche Gehirn sei "von Natur aus lernsüchtig", sagt etwa die Magdeburger Neurobiologin Katharina Bauer.

Doch was Kinder wann lernen sollen, ist umstritten: Sollen die sie Zahlen nur erkennen oder damit schon kleine Rechenaufgaben lösen? Sollen sie nur einen Stift halten können oder damit Buchstaben aufmalen? Ist eine Schulvorbereitung erst ab dem fünften Lebensjahr sinnvoll oder schon früher?

Die Nachbarländer legen Wert auf Frühförderung

Europäische Nachbarländer sind da schon weiter. In Frankreich etwa gehört die "Ecole maternelle" zum republikanischen Selbstverständnis: Ab dem Alter von drei Jahren schicken Eltern ihre Kinder in die Ganztagsvorschule. Deren Lernziele werden zentral und verbindlich vom Erziehungsministerium festgelegt, die Lehrer durchlaufen dieselbe Ausbildung wie Grund- oder Realschullehrer.

In den Einrichtungen werden die Kleinen mit schulischen Fertigkeiten vertraut gemacht, sie sollen beispielsweise im Zahlenraum bis zehn rechnen können. Die Freiwilligkeit existiert eher auf dem Papier: Französische Schulen gehen in ihren Lehrplänen davon aus, dass ein Erstklässler bereits die Vorschule besucht hat und dort vorbereitet wurde.

Auch in Großbritannien besucht die Mehrzahl der Drei- bis Vierjährigen die Nursery School, eine freiwillige Vorschule, mit fünf beginnt die Schulpflicht. Die Niederlande haben den Kindergarten abgeschafft, bereits im Alter von vier Jahren gehen die Kinder in eine integrierte Schule, die bis zum zwölften Lebensjahr reicht.

"Psychologische Entwicklungen nicht endlos beschleunigen"

Deutschland tut sich hingegen schwer mit verbindlichen Standards, die Kooperation zwischen Kindergärten und Schulen ist häufig mangelhaft. Weitergehende Forderungen nach einer Vorschulpflicht, wie sie etwa der Aktionsrat Bildung, ein aus namhaften Forschern zusammengesetztes Gremium, bereits ab dem vierten Lebensjahr gewünscht hat, sind schwer durchzusetzen.

So erntet auch Schavan mit ihrer Forderung nach einer früheren Einschulung und einer Verbesserung der Frühförderung Widerspruch. "Man kann psychologische Entwicklungen nicht endlos beschleunigen", sagte Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Schavans Vorstoß sei "unglaublich weit weg von der Realität" und das durchschnittliche Einschulungsalter in den letzten Jahren bereits auf 6,4 Jahre gesunken. "Für die persönliche Entwicklung, für die Entfaltung der Kreativität muss in der Vorschulzeit Platz sein", so Kraus. Der FDP-Bildungspolitiker Patrick Meinhardt warnte davor, Kinder "im Galopp" durch Kindergarten und Schule zu "pauken".

Ähnlich erging es vor rund zweieineinhalb Jahren Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU): Nachdem sie vorschlug, "das letzte Jahr vor der Schule wie ein verpflichtendes Vorschuljahr zu gestalten", protestierten Bundesländer und Kindergartenträger. Eine Ministeriumssprecherin musste klarstellen, dass das geforderte Jahr "möglichst verbindlich, aber nicht verpflichtend" sein solle.

Kinder aus bildungsfernen Schichten bleiben außen vor

Solche Erfahrungen machte jüngst auch Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU): Eigentlich sollten im Freistaat künftig Kinder eines Jahrgangs gemeinsam eingeschult werden. Die Folge wäre, dass sehr viele Kinder schon mit fünf Jahren eingeschult würden, auch wenn sie erst im Dezember ihren sechsten Geburtstag feiern. Eltern zürnten und ließen ihre Kinder zurückstellen - die seien noch nicht schulreif. Spaenle kündigte nun an, keine sogenannten Dezemberkinder einzuschulen.

So bleibt es in Deutschland bisher weitgehend den Eltern überlassen, darauf zu achten, dass ihre vier- und fünfjährigen Kinder ausreichend Hirnfutter bekommen. Das hat zur Folge, dass vor allem die Kinder, die am meisten von einer Frühförderung profitieren könnten, häufig außen vor bleiben: Kinder aus den sogenannten "bildungsferneren Schichten". Ein Viertel dieser Kleinkinder, schätzt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, wird kaum mit Lernangeboten versorgt und würde von Vorschulangeboten profitieren. Besonders Kinder aus Migrantenfamilien verlieren den Anschluss, bevor die Schule überhaupt begonnen hat.

Dass neben Sprachrückstand auch andere nachteilige Faktoren durch frühkindliche Bildung abgemildert werden können, belegen mehrere Langzeitstudien. Glaubt man etwa den Ergebnissen des "Perry Preschool Project" im US-Bundesstaat Michigan, das in den sechziger Jahren begann, entwickeln vorschulische Einrichtungen bei einer sozial schwachen Klientel wahre Wunderkräfte.

Die Auswertung der Lebenswege von Vorschulkindern aus diesem Milieu mit einer Vergleichsgruppe ohne Vorschulerziehung zeigte: Wer aus benachteiligtem Umfeld kommt und eine Vorschule besucht, wird seltener kriminell, lebt seltener von Sozialhilfe, verdient mehr Geld, lebt in stabileren Partnerbeziehungen und bekommt selbst später eher Kinder.

Mit Material von AFP und dpa

Forum - Frühförderung: welches ist der beste Weg?
insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
sysop 24.07.2009
1. Frühförderung: welches ist der beste Weg?
Es gilt längst als erwiesen, dass Frühförderung besonders Kindern aus sozial schwächerem Umfeld zugute kommt. Dennoch hinkt Deutschland in diesem Bereich hinterher, es fehlt an Standards. Wie kann die Frühförderung im Land verbessert werden?
Klo, 24.07.2009
2.
Zitat von sysopEs gilt längst als erwiesen, dass Frühförderung besonders Kindern aus sozial schwächerem Umfeld zugute kommt. Dennoch hinkt Deutschland in diesem Bereich hinterher, es fehlt an Standards. Wie kann die Frühförderung im Land verbessert werden?
Mit mehr Geld und Stellen. Gerade die Frühförderstellen haben ja in den letzten Jahren massiv an Personal verloren, weil die Stellen trotz Bedarf gestrichen wurden. Das haben diese Einrichtungen mit den deutschen Universitäten gemeinsam. Kinder und Bildung, das sind die großen Streichkonzerte der Republik. Daher kommen ja die Zukunftsprobleme. Das Klo.
Paulina, 24.07.2009
3. Kinderstube des Homo oeconomicus
Durch Drill, Drill, Drill. Man stiehlt den Kindern die Kindheit und den Eltern die Kinder...........
kleiner-moritz 24.07.2009
4.
Zitat von KloMit mehr Geld und Stellen. Gerade die Frühförderstellen haben ja in den letzten Jahren massiv an Personal verloren, weil die Stellen trotz Bedarf gestrichen wurden. Das haben diese Einrichtungen mit den deutschen Universitäten gemeinsam. Kinder und Bildung, das sind die großen Streichkonzerte der Republik. Daher kommen ja die Zukunftsprobleme. Das Klo.
Was verstehen Sie denn unter frühkindlicher Förderung und wo sind denn da genau die Stellen gestrichen worden?
Knippi2006 24.07.2009
5.
Zitat von sysopEs gilt längst als erwiesen, dass Frühförderung besonders Kindern aus sozial schwächerem Umfeld zugute kommt. Dennoch hinkt Deutschland in diesem Bereich hinterher, es fehlt an Standards. Wie kann die Frühförderung im Land verbessert werden?
Durch Berieselung mit den Thesen der INSM ab dem 3. Tag nach der Geburt?
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