Erkenntnisse einer Lehrerin Hätte ich doch bloß die Eltern angerufen

Die Hausaufgaben vergessen, rauchend auf dem Klo erwischt - Lehrer könnten ständig ihre Schüler bei den Eltern verpetzen. Frau Freitag tut es. Sie hat gelernt: Lieber nachfragen als später bereuen.

"Versuch dich mit den Eltern zu verbünden"
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"Versuch dich mit den Eltern zu verbünden"


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Frau Freitag (Jahrgang 1968) unterrichtet seit mehr als zehn Jahren Englisch und Kunst. Über ihre Erlebnisse als Lehrerin hat sie mehrere Bücher geschrieben. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Sie lebt in einer deutschen Großstadt.
"Wissen Sie noch, wie Sie uns damals beim Rauchen erwischt haben, Frau Freitag?", fragt Marcella und schiebt sich eine Handvoll Chips in den Mund. Dilay und Esra kichern. Sie sind erwachsen geworden. Richtige kleine Damen. Außer Marcella, die sieht immer noch genauso aus wie vor vier Jahren.

Auf Facebook haben wir uns zu einem Klassentreffen verabredet. Jetzt sitzen wir in der kleinen Wohnung von Marcella vor Unmengen von Chips, Pizza und Bier. Dilay hat Bulgur gemacht, alle rauchen. Wir rauchen, als gäbe es kein Morgen.

"Ich weiß nicht…" Die Erinnerungen an meine erste eigene Klasse haben sich auf ein paar Fetzen reduziert: Immer war es laut, die Mädchen saßen immer auf dem Hof, anstatt zum Unterricht zu gehen, und dann war da noch das große NICHTS, das ich von ihnen zum Abschied bekam. Sang- und klanglos sind wir auseinandergegangen. Das war wirklich traurig. Aber dass ich sie beim Rauchen erwischt haben soll…

"Ja! Sie sind ins Mädchenklo gekommen, und wir haben uns in einer Kabine versteckt. Und Sie…" Marcella fängt an zu kichern. "Sie sind hochgeklettert und haben von oben reingeguckt." Dilay verschluckt sich vor Lachen an ihrem Bier: "Wir haben uns sooo erschreckt, als Sie plötzlich von oben runtergeguckt haben."

Dunkel erinnere ich mich jetzt doch. Die drei Mädchen zusammengepfercht, die Kabine voller Rauch.

Marcella nimmt sich eine Zigarette aus der Packung auf dem Tisch, Dilay gibt ihr Feuer. Marcella inhaliert, pustet den Rauch gekonnt an mir vorbei: "Frau Freitag, wir hatten solche Angst, dass Sie unsere Eltern anrufen."

Eltern anrufen, denke ich. Eltern anrufen… Ich gucke von Marcella zu Dilay und wieder zu Marcella. "Und, habe ich angerufen?" Was für eine Frage! Wie gern würde ich jetzt hören, dass ich sofort, nachdem ich sie erwischt habe, zum Hörer gegriffen habe. Aber an derartige Telefonate kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Obwohl das ja nichts heißt, ich erinnere mich ja eh nicht mehr an viel. Vielleicht…

Marcella grinst: "Neeein, haben Sie nicht. Sie haben ja nie angerufen. Aber, Frau Freitag, wenn Sie das damals meinen Eltern erzählt hätten, ich schwöre, ich würde heute nicht rauchen."

"Ich schwöre, ich würde heute nicht rauchen."

Dieser Satz läuft in Endlosschleife in meinem Kopf. Oh Mann, hätte ich doch damals einfach zum Telefonhörer gegriffen und Marcellas Mutter angerufen. Und Dilays Mutter. Die war doch immer so nett bei den Elternabenden. Und Esras Eltern, die habe ich nie kennengelernt. Vier Jahre lang Esra - ohne Kontakt zu ihren Eltern. Kein Bild habe ich im Kopf von einer Esra-Mama oder einem Esra-Vater. In meiner Erinnerung haben einige Schüler meiner ersten eigenen Klasse gar keine Eltern. Warum habe ich eigentlich nie den Kontakt gesucht? Wovor hatte ich denn damals Angst?

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Was hat mich daran gehindert, ins Lehrerzimmer zu gehen, bei den Mädchen zu Hause anzurufen und schnell mal den Erziehungsberechtigten mitzuteilen, dass ihre lieben kleinen Mädchen heimlich in der Toilette geraucht haben? Siebtklässler. Zwölf, dreizehn Jahre alt. Die Eltern hätten sich bedankt und abends ihre Töchter zur Rede gestellt. Wahrscheinlich hätten sie Ärger bekommen, und ich wäre schuld gewesen. So habe ich damals gedacht: Wenn ich bei Schülern zu Hause anrufe und petze, dass sie in der Schule was angestellt haben, dann bekommen die tierisch Ärger. Vielleicht nur Anmeckern, aber vielleicht werden sie sogar geschlagen. Daran wäre ich dann schuld.

Deshalb habe ich damals nicht angerufen. Manchmal dachte ich: Ach, das mache ich dann in Ruhe von zu Hause, oder ich warte bis zum nächsten Tag. Ich bin jetzt gerade zu müde, muss noch was kopieren und dann wieder in den Unterricht. Ein Teil von mir hatte auch Angst, dass die Eltern mir irgendwie die Schuld an den Vergehen ihrer Kinder geben könnten:

"Frau Freitag, Sie sind doch auch dafür verantwortlich, dass Emre unerlaubt das Schulgelände verlassen hat."

"Meinen Sie nicht, dass Sie in gewisser Weise besser dafür sorgen könnten, dass Samira ihr Arbeitsmaterial nicht immer wieder zu Hause vergisst?"

Das ist natürlich Quatsch. Eltern würden wahrscheinlich nie so etwas sagen. Aber wenn man jeden Tag im Unterricht so dermaßen nicht klarkommt, dann hat man die ganze Zeit das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, der irgendwann auffliegt.

Manche Schüler meiner Klasse kamen mir so autonom vor, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass sie mit irgendwelchen Eltern zusammenwohnen könnten. Andere flehten mich an: "Bitte, bitte, Frau Freitag, rufen Sie nicht meinen Vater an. Er schlägt mich tot, wenn Sie anrufen." Und diese ungute Mischung aus "Bringt ja eh nichts, wenn ich mich mit den Eltern kurzschließe" und "Auweia, die werden meinetwegen solche Schläge kassieren, das kann ich doch nicht verantworten" hielt mich vier Jahre davon ab, die Väter und Mütter meiner Schüler über die Fehltritte ihrer Kinder zu unterrichten.

Frau Freitag hat nicht gepetzt. Ha!

Frau Freitag hatte Schiss vor den Eltern.

Und heute, heute muss nur einer seinen Bleistift vergessen, schon zücke ich mein Handy. Nicht gemachte Hausaufgaben: Frau Freitag kommt unangemeldet zum Hausbesuch.

Es bringt gar nichts, mit der Kontaktaufnahme zu warten. Heute habe ich die Handynummern aller Eltern und schreibe eine schnelle SMS, wenn ihre Kinder schwänzen oder Stress gemacht haben. Wenn ein Schüler sagt: "Rufen Sie ruhig an, meinem Vater ist das egal", dann glaubt das bloß nicht! Lieber die Eltern einmal zu viel informieren, als sich später von Marcella sagen zu lassen, dass sie niemals mit dem Rauchen angefangen hätte, wäre ich damals nicht so feige gewesen.

Also zögert nicht, die Eltern über das Fehlverhalten ihrer Kinder zu informieren. Versuch dich mit den Eltern zu verbünden, und besorge dir schnell die Handynummer von dem strengeren Elternteil. Schreck nicht davor zurück, die Eltern per SMS zu kontaktieren. Lieber nachfragen, ob der Sohn wirklich mit Bauchschmerzen zu Hause liegt, als sich später zu ärgern, dass man zu wenig gegen das Schwänzen unternommen hat. Wenn du eine 7. Klasse hast, dann versuch im ersten Jahr alle Eltern persönlich kennenzulernen. Manche Kinder brauchen eine engmaschige Überwachung, und die Eltern bedanken sich auch sehr oft bei mir, dass ich sie über das Fehlverhalten ihrer Kinder informiere.

"Frau Freitag, rufen Sie bitte sofort an, wenn Frank wieder fehlt."

"Ist doch seltsam, dass er immer nur dienstags nicht zur Schule kommt."

"Nein, das ist gar nicht seltsam, denn ich muss dienstags immer sehr früh zur Arbeit, und das nutzt er dann aus und bleibt im Bett."

"Ah, verstehe. Gut. Dann warten wir mal den nächsten Dienstag ab."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
schokohase123 24.03.2016
1. Richtig so
Ausgehend von der Tatsache das Eltern in vielen Fällen die Erziehungsverantwortung heutzutage fälschlicherweise bei den Lehrern sehen, ist es nur richtig diese Verantwortung zurück zu spiegeln. Das hat nichts mit Petze zu tun, sondern verweist die Verantwortung dahin zurück, wo sie grundsätzlich liegen sollte.
dosmundos 24.03.2016
2.
Tja, ist halt zeitaufwändig - und jetzt komme bloß keiner mit dem Blödsinn um die Ecke, Lehrer würden ja ohnehin nur den halben Tag arbeiten... Wobei sicher auch hier gilt: "Wehret den Anfängen". Wenn sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Schwänzen, Rauchen auf der Schultoilette, üble Beleidigungen etc. den Eltern bekannt wird, dürfte es auch schnell deutlich seltener vorkommen, oder? Doch wenn es dann 95% der Eltern egal ist oder sie eher noch genervt sind, wenn dauernd die Lehrerin sie daran erinnert, dass sie sich eigentlich mehr um ihre Kinder kümmern müssten, dann dürfte schnell eine Frustrationsgrenze erreicht werden.
Atheist_Crusader 24.03.2016
3.
"Neeein, haben Sie nicht. Sie haben ja nie angerufen. Aber, Frau Freitag, wenn Sie das damals meinen Eltern erzählt hätten, ich schwöre, ich würde heute nicht rauchen." Das ist aber auch ein ziemliches Armutszeugnis: die eigenen Unzulänglichkeiten erkennen... aber statt dass man heute versucht sie loszuwerden, beschuldigt man lieber Andere dass sie einen gestern nicht davon abgehalten haben. Hätte die Lehrerin natürlich tun sollen. Aber Jahre später dann noch solche Sprüche klopfen "Ich bin nur so, weil Sie mit nicht daran gehindert haben" funktioniert vielleicht für Teenager. Aber wer als Erwachsener betrachtet und ernst genommen werden will, sollte sich solche Aussagen mal besser sparen. Irgendwo kommt der Punkt, an dem man selbst für sich verantwortlich ist.
anarchonda 24.03.2016
4. Perfekt!
Beim Lesen des ersten Teisl des Textes habe ich innerlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen vor soviel Selbstzweifel und Unsicherheit. Ich dachte: "Um Himmels Willen, wie kann man so einem schwachen Individuum 25 Kinder anvertrauen." Ich hatte Frau Freitag wohl nicht zugestanden, sich anfangs wie ein Anfänger verhalten zu dürfen. Lehrer müssen den nunmal den"Arsch in der Hose haben" Gegenwind von Schülern und deren Eltern auszuhalten. Viele Regeln sind eben nicht verhandelbar und dies klar und deutlich zu machen ist neben der Wissensvermittlung auch Aufgabe des Lehrers. Frau Freitag hat gelernt, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Perfekt! Lehrer mit Rückgrat sind ein absoluter Gewinn für die Gesellschaft.
cobaea 24.03.2016
5. Angst vor Liebesentzug
Eigentlich glaube ich eher, dass die ausbleibende Information der Eltern am Anfang einer Lehrerkarriere vor allem damit zusammenhängt, dass die Junglehrerin/der Junglehrer fürchtet, von ihren/seinen Schüler/innen als reaktionär abgelehnt oder als "fiese Möpp" nicht geliebt zu werden. In der ersten Zeit sind Lehrkräfte gewöhnlich über ihre eigene Rolle verunsichert und wollen von den Unterrichteten gemocht werden. Sie brauchen Zeit, um zu lernen, dass Schülerinnen und Schüler diese quasi Solidarität weder schätzen noch wollen. Sie wollen klare Ansagen von jemanden, der zu den vermittelten Grundsätzen auch selber steht.
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