Dauerstreit ums Abi "Die Schüler haben den G8-Vorteil konterkariert"

Rolle vorwärts, Rolle rückwärts: Deutschland macht sich wieder auf den Weg zum Abitur nach 13 Jahren. In Niedersachsen gilt G9 längst. Ein Schulleiter über seine Erfahrungen mit beiden Systemen - und unberechenbare Schüler.

Schüler im Gymnasium (Symbolbild)
DPA

Schüler im Gymnasium (Symbolbild)

Ein Interview von


Ob Schüler nach acht oder neun Jahren am Gymnasium Abi machen sollen, ist in Deutschland ein Dauerstreit - und immer wieder legen Politiker die Regeln neu fest: Baden-Württemberg verkündete vergangenen Dienstag, es wolle G9 an 44 Modellschulen für fünf Jahre als Schulversuch beibehalten. Bayern hatte kurz zuvor die vollständige Rückkehr zu G9 beschlossen - und folgte damit Niedersachsen. Hier greift die Reform der Reform seit dem Schuljahr 2015/16.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 18/2017
Der große SPIEGEL-Vergleich: Deutschlands ungerechte Schulen

Nachdem die Behörde die Schulzeit an den niedersächsischen Gymnasien 2004 um ein Jahr verkürzt hatte, kehrte sie nach ähnlich erbitterten Diskussionen wie in Süddeutschland 2015 als bis dahin einziges Bundesland flächendeckend zu G9 zurück. Alexander Stracke ist Schulleiter am Johannes-Althusius-Gymnasium in Emden und hat die diversen Wechsel miterlebt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stracke, wie haben sich die Reformen von G8 und G9 auf den Schulalltag ausgewirkt?

Stracke: De facto macht das eine Schuljahr nach meiner Erfahrung keinen gravierenden Unterschied. Dass darüber so erbittert gestritten wird, finde ich deshalb auch nicht immer angemessen. Andere Themen wären wichtiger. Was ich aber sagen kann: Die Umstellung war jeweils mit erheblichem Aufwand verbunden. Es gab neue Schulbücher, und die Curricula mussten zweimal verändert werden, sodass der Stoff statt in neun in acht beziehungsweise wieder in neun Jahren vermittelt werden konnte. Ich weiß von vielen Kollegen, dass sie dieses Hin und Her genervt hat.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, also ob Sie lieber bei G8 geblieben wären.

Stracke: Nein, unterm Strich sind die meisten Kollegen froh, dass ihre Schüler wieder ein Jahr länger Zeit bis zum Abi haben. Ich selbst denke: Es gibt keinen Grund, G8 als "Turbo-Abi" zu verunglimpfen, schließlich spricht bei G9 auch keiner respektlos vom "Schnecken-Abi". Das achtjährige Gymnasium ist aber auch nicht zwingend das bessere Modell.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit G8?

Stracke: Es gab den merkwürdigen Effekt, dass viele Schüler den Vorteil, der Bildungspolitikern zufolge mit G8 verbunden sein sollte - ein Jahr früher mit dem Studium zu beginnen - konterkariert haben. Sie hatten das Gefühl, man habe ihnen ein Jahr "geschenkt", und sind dann zum Beispiel durch Australien gereist, haben Work and Travel gemacht oder haben im Sinne einer beruflichen Orientierung ein Jahr lang einen Krankenwagen gesteuert. Dieser Effekt wurde durch die Aussetzung der Wehrpflicht noch verstärkt. Ich bin gespannt, ob sich das ändert, wenn die Jugendlichen wieder ein Jahr später Abitur machen.

Zur Person
  • Alexander Stracke ist Schulleiter am Johannes-Althusius-Gymnasium in Emden, Niedersachsen.

SPIEGEL ONLINE: Es wird oft beklagt, dass Schüler in nur acht Jahren bis zum Abitur zu viel Stoff lernen müssen und entsprechend unter Druck geraten. Wie haben Sie das bei Ihren Schülern erlebt?

Stracke: Sehr unterschiedlich. Es gab einen deutlichen Effekt, der die 11. Klasse betrifft. Bei G9 war die Elfte die Vorbereitungsklasse für die Oberstufe und was den zu vermittelnden Stoff betrifft sehr entlastet. Da blieb uns Lehrern viel Zeit, um mit Schülern Dinge zu wiederholen und zu üben. Das war vor allem für viele Realschüler eine große Hilfe, die nach der 10. Klasse zu uns aufs Gymnasium gewechselt sind. Das hat sich mit der G8-Reform stark geändert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Stracke: Mit G8 wurde die 10. Klasse zum Vorbereitungsjahr. Wer von der Realschule zu uns wechselte, musste deshalb die 10. Klasse wiederholen, aber die war stofflich nicht so entlastet wie vorher die Elfte. Der Wechsel fiel damit vielen Realschülern schwerer. Viele haben sich ganz dagegen entschieden. Nach meiner Erfahrung war das Schulsystem mit G8 nicht so durchlässig wie vorher.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, G8 hatte vor allem für Schülern mit etwas mehr Übungs- und Wiederholungsbedarf Nachteile?

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

Wollen Sie mehr Details zum Schulsystem eines Bundeslands erfahren? Wählen Sie eines der Länder aus, indem Sie darauf klicken oder tippen.

Stracke: Nicht nur. Solange wir G9 hatten, haben auch leistungsstarke Schüler von der stofflich entlasteten 11. Klasse profitiert. Viele haben das Jahr genutzt, um es im Ausland zu verbringen. Bei G8 mussten sie nach einem Austauschjahr die 11. Klasse wiederholen und in eine neue Lerngruppe wechseln. Das empfanden sie fast wie Sitzenbleiben. Das wollten viele nicht und haben auf das Auslandsjahr verzichtet, obwohl Jugendliche da oft mit beeindruckenden Erfahrungen wiederkommen. Das finde ich schade.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich all das mit der Rückkehr zu G9 jetzt wieder verändert?

Stracke: Die Rückkehr zu G9 greift bei uns im 11. Jahrgang noch nicht. Die erste wirklich spürbare Veränderung betrifft die Sekundarstufe 1. Bei G8 hatten die Schüler mehr Unterricht und mussten deshalb auch nachmittags öfter in der Schule sitzen. Das ist jetzt nicht mehr so.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das aus?

Stracke: Als G8 eingeführt wurde, haben sich bei mir reihenweise Vereine und Musikschulen beschwert, weil die Kinder und Jugendlichen ihren Aktivitäten nicht mehr wie bisher am Nachmittag nachgehen konnten. Dafür fehlte ihnen schlicht die Zeit. Das ändert sich gerade. Jetzt können die Schüler ihre Zeit wieder freier einteilen. Dazu kommt: Bei vielen Schülern lässt irgendwann die Konzentration nach. Der Unterricht am Nachmittag war deshalb nicht immer so effektiv wie am Vormittag.

SPIEGEL ONLINE: Also ist G9 nach Ihrer Ansicht das bessere Modell?

Stracke: Nein, das würde ich so auch nicht sagen. Ich konnte zum Beispiel nicht feststellen, dass Schüler im achtjährigen Gymnasium tatsächlich zu wenig Zeit zum Lernen haben. Nach meiner Erfahrung mit den Fächern Mathe und Physik kann man sowohl nach G9 als auch nach G8 alle Schüler gut zum Zentralabitur führen. Ich hatte in einem Mathe-Leistungskurs schon gleichzeitig G8- und G9-Schüler sitzen und habe keine Leistungsunterschiede festgestellt. Aber letztlich ist das für die Bewertung, ob man bei G8 oder G9 bleiben sollte, nicht ausschlaggebend.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Stracke: Schüler können sicher nach acht Jahren Abitur machen, ohne dass dies als nachteilig oder falsch empfunden wird. Länder wie Frankreich und die meisten neuen Bundesländer machen es vor. Es kommt aber darauf an, wie die verkürzte Schulzeit umgesetzt wird, also wie beispielsweise Lehrer mit dem veränderten Curriculum umgehen und ob sie Schülern zu viel zumuten - und vor allem ist entscheidend, in welchem regionalen, kulturellen Umfeld G8 umgesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Für ein bestimmtes Umfeld passt besser G9?

Stracke: Wenn die meisten Eltern und Lehrer überzeugt davon sind, dass man Schülern mehr Zeit zum Lernen und für außerschulische Aktivitäten lassen müsse, da dies ihren Vorstellungen von Reifeprozessen in der Erziehung entspricht - ob diese kulturell geprägten Vorstellungen richtig sind, sei dahingestellt - ist es schwierig, gegen diese Haltung G8 erfolgreich umzusetzen. Dann wird das Modell mehrheitlich als stressig und falsch empfunden. Das muss man akzeptieren.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.