G8/G9 in Bayern Freie Wähler scheitern mit Volksbegehren gegen Turbo-Abi

Sie wollten das Gymnasium entschleunigen - doch die Bevölkerung zog nicht mit: Die Freien Wähler in Bayern sind mit ihrer Unterschriftensammlung gegen das achtjährige Gymnasium gescheitert.

DPA

"Da fehlt einiges": Mit diesen Worten räumte der Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, das Scheitern des G8/G9-Volksbegehrens in Bayern gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR) ein. Die Beteiligung liege kurz vor dem Ende der Eintragungsfrist bei etwa drei Prozent, sagte Aiwanger an diesem Mittwochnachmittag. Für ein erfolgreiches Volksbegehren wäre eine Beteiligung von zehn Prozent - knapp eine Million Unterschriften - erforderlich gewesen.

"Trotzdem, ich bin froh, dass wir das Volksbegehren gestartet haben. Ohne dieses Volksbegehren hätten wir die Debatte ums G9 überhaupt nicht hinbekommen", so Aiwanger zum BR. Das Ende der Eintragungsfrist war für den Mittwochabend festgelegt. Aiwanger ist dennoch optimistisch, dass die Freien Wähler sich langfristig durchsetzen werden: "Die CSU wird am Ende um ein G9 kaum herumkommen."

Die Freien Wähler wollten mit dem Volksbegehren die Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium durchsetzen. Die Schulen sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie sowohl das Abitur nach der 12. Klasse (G8) als auch nach der 13. (G9) anbieten oder ob sie sich für eine Variante entscheiden. Etwa 950.000 Unterschriften hätten sie für den Erfolg gebraucht, die endgültigen Ergebnisse werden am Donnerstag vorliegen.

War die WM schuld?

Für ein erfolgreiches Volksbegehren müssen sich binnen zwei Wochen zehn Prozent aller wahlberechtigten Bayern in Unterschriftenlisten eintragen. Wird das Quorum erreicht, kommt es zum Volksentscheid - falls der Landtag die Ziele des Volksbegehrens nicht zuvor direkt umsetzt.

Die Niederlage hatte sich abgezeichnet: "Es wäre eine Sensation, wenn wir die nötigen Stimmen noch zusammenbekämen", hatte Michael Piazolo, Generalsekretär bei den Freien Wählern und Hauptinitiator des Volksbegehrens, bereits am Dienstag gesagt. Er versucht die niedrige Resonanz mit der Fußballweltmeisterschaft zu erklären, die abgelenkt haben könnte. Vielleicht seien die Wähler aber auch des Wählens müde, nach Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahlen. Vielleicht liege es auch am Thema. Schulpolitik sei schließlich komplex und lasse sich nicht einfach mit "Ja" oder "Nein" beantworten.

Die CSU will "Ruhe an der Schulfront"

Bei diesem Volksbegehren erhielten die Freien Wähler allerdings auch wenig Unterstützung, anders war es vor rund eineinhalb Jahren beim erfolgreichen "Volksbegehren gegen Studienbeiträge", das sie ebenfalls initiiert hatten: Dem Bündnis hatten sich damals unter anderem SPD, Grüne, Linke, Piraten und die Gewerkschaften angeschlossen.

Immerhin reagierten die Oppositionsparteien mit eigenen Reformvorschlägen auf das Volksbegehren. Auch Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) will über das Gymnasium reden, berichtet die dpa. Es gehe "nicht so sehr um die ewige Debatte: acht oder neun Jahre", sondern um die individuelle Förderung der Schüler. Eine "große Bildungsreform" oder auch nur eine "Schulreform" werde es aber nicht geben, die CSU wolle "Ruhe an der Schulfront". Freie-Wähler-Generalsekretär Piazolo rechnet sich das als Erfolg an - trotz der Niederlage: "Ohne das Volksbegehren wäre die Debatte nicht so intensiv geführt worden", sagt er.

Nachdem Aiwanger die Niederlange eingestanden hatte, sagte Ministerpräsident Seehofer, er sehe weiterhin Handlungsbedarf beim Gymnasium. Allerdings sei das Ergebnis "keine Watschn für die bayerische Bildungspolitik", wohl aber für den FW-Vorsitzenden Aiwanger. CSU-Kultusminister Ludwig Spaenle betonte, dass er den von den Freien Wählern geforderten gleichzeitigen Betrieb von acht- und neunjährigem Gymnasium weiterhin ablehne. Der Minister will aber im Herbst ein Konzept für eine neue bayerische Gymnasialpolitik vorstellen.

Das Abitur nach der zwölften Klasse ist eine der umstrittensten Bildungsreformen der vergangenen Jahre. In vielen Bundesländern ringen Politiker noch um eine Reform der Reform, andere haben sie bereits angekündigt oder umgesetzt. Auch in Bayern gibt es inzwischen ein Flexibilisierungsjahr. Das freiwillige Wiederholungsjahr soll das Turbo-Abitur zumindest für schwache Schüler entschleunigen. Generalsekretär Piazolo reicht das allerdings nicht aus: "Durch das Flexibilisierungsjahr wird nur das Fließband kurz angehalten." Danach gehe der Stress für die Schüler weiter.

Derzeit plane die Partei zwar kein weiteres Volksbegehren, sagte Piazolo, sie werde aber die bayerische Bildungspolitik weiter intensiv begleiten. "Wir haben die Tür aufgestoßen und behalten den Fuß drin", sagt er.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

Wollen Sie mehr Details zum Schulsystem eines Bundeslands erfahren? Wählen Sie eines der Länder aus, indem Sie darauf klicken oder tippen.

fln/lgr/dpa

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
StörMeinung 16.07.2014
1. Wichtiges Signal!!!
Zitat von sysopDPASie wollten das Gymnasium entschleunigen, doch die Bevölkerung zog nicht mit: Die Freien Wähler in Bayern sind mit ihrer Unterschriftensammlung gegen das achtjährige Gymnasium gescheitert. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/g8-g9-abitur-freie-waehler-scheitern-mit-volksbegehren-in-bayern-a-981142.html
Deutschland 2014 ... ganzheitliches Wohlfühl-Gymnasium, dann Gammelstudium Sozialpädagogik, ... 28. Semester, ... brrrrr .... Bayern setzt ein wichtiges Signal, dass es nicht ausreicht, sich auf der Lebensleistung fleißiger Vorfahren auszuruhen. Universell anwendbares kanonisches Wissen - darum sollte es bei der höheren Bildung gehen - kann man auch in 8 Jahren erlernen, dies ist eine Frage der Prioritäten.
rugall70 16.07.2014
2. Krachend gescheitert
Zitat von sysopDPASie wollten das Gymnasium entschleunigen, doch die Bevölkerung zog nicht mit: Die Freien Wähler in Bayern sind mit ihrer Unterschriftensammlung gegen das achtjährige Gymnasium gescheitert. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/g8-g9-abitur-freie-waehler-scheitern-mit-volksbegehren-in-bayern-a-981142.html
Richtig müsste es heißen: Die Freien Wähler sind krachend gescheitert! 97 Prozent der Bürger konnten sich NICHT für diesen Vorschlag begeistern. Das von den Freien Wählern vorgelegte Konzept der so genannten "Wahlfreiheit" war aber aber auch selten dämlich. Das konnte nur jemand vorschlagen, der von Schulverwaltung nicht die geringste Ahnung hat.
washington.mayfair 16.07.2014
3.
Zitat von sysopDPASie wollten das Gymnasium entschleunigen, doch die Bevölkerung zog nicht mit: Die Freien Wähler in Bayern sind mit ihrer Unterschriftensammlung gegen das achtjährige Gymnasium gescheitert. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/g8-g9-abitur-freie-waehler-scheitern-mit-volksbegehren-in-bayern-a-981142.html
Völlig richtige Entscheidung. Es sind Milliarden in Schulumbauten, Bücher, Lehrpläne gesteckt worden. Das sollte nicht wieder Makulatur sein. Im übrigen haben meine beiden Kinder auf zwei verschiedenen Gymnasien Abitur gemacht. Das erste Kind war sogar im ersten G8 Jahr. Es ist absolut machbar, und zwar ohne übertriebene Anstrengungen. Hinzu kommt, dass meine beiden Kinder behindert sind.
Herr Schäuble 16.07.2014
4.
Da sieht man mal wieder wie echte Demokratie ausschaut. Jeder ist zu faul zum wählen oder, wie in meinem Fall, reicht die Wahl nicht, sondern will fie völlige Abschaffung des G8.
georg4711 16.07.2014
5. nicht Idee, sondern Umsetzung mangelhaft
Ich habe auch nicht unterschrieben. In Ostdeutschland oder Frankreich ist G8 überhaupt kein Problem. Nur bekommt man es in Bayern nicht hin, die Lehrpläne entsprechend anzupassen. Diese sind völlig überfrachtet. Man muss es richtig machen, das ist der Punkt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.