Turbo-Abi-Expertin im Interview "Der Stress ist da, aber G8 ist nicht der Auslöser"

Sie weiß mehr über das Turbo-Abi als die meisten: Bildungsforscherin Svenja Kühn hat Kritikpunkte am verkürzten Gymnasium untersucht, wissenschaftlich bestätigen konnte sie die nicht. G9 ist demnach so anstrengend wie G8, Gymnasien müssten allgemein einen anderen Umgang mit Zeit finden.


Zur Person
  • Universität Duisburg-Essen
    Dr. Svenja Mareike Kühn ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Bildungssystem- und Schulentwicklungsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt in der Erfassung der Wirkungen von bildungspolitischen Reformen auf Schule und Unterricht.
SPIEGEL ONLINE: Frau Kühn, Sie haben G8- und G9-Schüler verglichen, was haben Sie herausgefunden?

Svenja Kühn: Wir haben viele der Vorbehalte und Vorurteile gegen das Abitur nach acht Jahren empirisch nicht bestätigen können. Ja, die Schüler sind gestresst - aber in G8 und G9 gleichermaßen, die Forschungsergebnisse zeigen keine Unterschiede zwischen den Schülern der beiden Bildungsgänge. Das heißt, der Stress ist da - aber G8 ist dafür offenbar nicht der Auslöser.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es sein, dass sich die halbe Republik über den Lernstress im G8 erregt, wenn es gar nicht so schlimm ist?

Kühn: Die Ergebnisse, die wir gefunden haben und die über verschiedene Untersuchungsgruppen stabil sind, finden in der Öffentlichkeit kaum Gehör. Im Vergleich zu den Diskussionen um andere Reformen im Bildungsbereich ist es bemerkenswert, wie lange der Protest gegen G8 anhält. Fest steht, dass vor allem die Eltern eine zentrale Rolle spielen; diese sind deutlich kritischer als die Schüler selbst.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Kühn: Diese Frage ist bislang noch nicht untersucht worden. Vielleicht ist der Ruf vieler Eltern nach G9 eingebettet in eine gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung von zunehmender Beschleunigung und Zeitdruck. Die Eltern wünschen sich für ihre Kinder mehr Zeit zum Lernen in der Schule und auch für außerschulische Aktivitäten. Sie wollen, dass ihr Kind zum Beispiel neben der Schule noch Sport macht, ein Instrument lernt oder auch einfach Zeit zur Erholung hat.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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SPIEGEL ONLINE: Was soll die Politik machen, wenn die Eltern unbedingt eine Änderung bei der Schulzeit wünschen?

Kühn: Eine flächendeckende Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren finde ich problematisch. Sie ist sehr aufwendig und übergeht Schulen, die das G8 erfolgreich umgesetzt haben. In den aktuellen Diskussionen sollte eher die Frage in den Mittelpunkt rücken, wie man die zur Verfügung stehende Zeit produktiv nutzen kann. Aus der Forschung wissen wir, dass die bloße Zahl an Unterrichtsstunden weniger entscheidend ist, sondern dass es ganz entscheidend auf die Frage ankommt, wie die Zeit genutzt wird. Es geht um einen anderen Umgang mit Zeit, also wie kann man das Gymnasium als Ganztagsschule anbieten oder wie handhabt man es mit den Hausaufgaben.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Streit um die Abiturzeiten für die Gymnasien?

Kühn: In den Ländern, die eine Rückkehr zu G9 ermöglicht haben, ist G9 in Zeiten rückläufiger Schülerzahlen für viele Gymnasien ein echter Wettbewerbsvorteil - insbesondere in großen Städten und Ballungszentren, wo viele Schulen zur Wahl stehen, entscheiden sich Schüler bzw. deren Eltern bewusst für ein G9-Gymnasium. Viele Gymnasien bieten ja auch G8 und G9 parallel an - und es gibt natürlich auch Eltern, die sich bewusst für G8 entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Das wichtigste Ergebnis ist vielleicht, dass die Gymnasial-Absolventen durch das G8 tatsächlich jünger geworden sind. Was machen die mit der gewonnen Zeit?

Kühn: Die sind da sehr souverän. Die nehmen sich diese Zeit - und nutzen sie für sich selbst. Viele Absolventen gehen nicht sofort an die Uni oder beginnen eine Ausbildung. Vielmehr nutzen sie das Jahr, das ihnen "genommen" wurde, um sich zu orientieren, für soziales Engagement oder für work&travel. Sie machen das, was sie für ihre persönliche Entwicklung für wichtig halten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht enttäuschend, so viel Forscherei, und dann ist das Ergebnis quasi null?

Kühn: Die Forschung hat ja ein Ergebnis gebracht - nämlich dass in vielen Bereichen die Befürchtungen gegenüber G8 unbegründet sind und sich in einem systematischen Vergleich mit G9 nicht belegen lassen. Aus meiner Sicht könnte die Unzufriedenheit mit G8 die Debatte über eine gute Schulentwicklung vorantreiben, indem man sich zum Beispiel über eine andere inhaltliche Gestaltung Gedanken macht oder auch über echte Ganztagsschulen. Hier ist dann auch wieder die Elternperspektive zentral: Auch wenn viele Eltern sich sehr kritisch gegenüber G8 äußern, zeigen sie sich auch offen für Nachbesserungen und bringen sich konstruktiv in den Diskussionsprozess zur Weiterentwicklung des G8-Modells ein.

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DPA

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Seite 1
smilesuomi 27.03.2014
1. Ideologie...
Egal ob G8 oder G9...es geht hier meist um die Durchsetzung der eigenen Vorstellung. Dass die Forscherin sich da schon unabhängig vom Studienergebnis eine Meinung gebildet hat, zeigt die Aussage, dass eine Rückkehr problematisch wäre. Ich denke, sie ist genauso problematisch wie die Einführung des G8 Warum ich mit G8 meine Probleme habe (meine Tochter ist 10/03 geboren und besucht die 5. Klasse ohne Probleme, nur so zur Info, ich bin also kein G9-Kindheits-Romantiker), ist das Gefühl, dass es der Politik (zumindest die Nichtideologen pro G8/G9) nur um zwei Dinge ging: 1. Junge Arbeitskräfte dem Markt schnell zur Verfügung zu stellen (unverbraucht, belastbarer, weniger krank), da es einen Fachkräftemangel gibt 2. Lehrkräfte einzuparen, sprich die eigenen Kosten zu drücken mag man für richtig und gut finden, aber da fehlt die Ehrlichkeit....man kann gute Abiturienten mit G8 oder G9 haben...unser Problem liegt doch eher in der Hauptschule...die Forscherin sollte sich erstmal rasieren (siehe Bild) und dann mal die Problematik der frühen Trennung untersuchen.... Michael
les2005 27.03.2014
2.
Das Gesagte bestätigt zumindest meine Erfahrung als Eltern eines Abiturjahrgangs, daß die große Mehrheit erstmal Richtung ein Jahr Auszeit nimmt, wofür auch immer. Da fragt man sich dann schon, wozu man - in Bayern zumindest- sehr überstürzt und schlecht vorbereitet ein Jahr aus der Schulzeit rauspreßt, wenn's hinten wieder als Pause angehängt wird. Zumal bei den anstehenden Lebensarbeitszeiten noch genug Zeit sein wird zum arbeiten. Dann lieber eine Schule, die auch noch Freiraum zur Entfaltung in Sport und Vereinen läßt. Es ist doch nicht das Jahr Vorsprung, das zählt, sondern daß man einen 'kompletten Menschen' entwickelt, nicht eine Lernmaschine.
Jonas T. 27.03.2014
3. Subjektive Ergebnisse?
Aus beiden Artikeln entsteht der Eindruck, dass es sich lediglich um Meinungsforschung handle. Konkrete, objektive Ergebnisse werden (zumindest im Artikel) nicht erwähnt. Die Zahlen der "Sitzenbleiber" und der vorzeitigen Schulabgänger, sowie Leistungsvergleiche wären meines Ermessens durchaus relevant und könnten ein etwas weniger einseitiges Ergebnis liefern, als eine reine Meinungsforschung. Bezeichnend ist auch, dass der Jahrgang '13 in Baden-Württemberg die schlechtesten Ergebnisse seit 22 Jahren eingefahren hat. On Top würde mich interessieren, wie die Lehrkräfte die Unterschiede beurteilen, die ja im Gegensatz zu den Absolventen sowohl mit G8 als auch G9 Erfahrungen sammeln konnten.
ohminus 27.03.2014
4. Fehler 2. Ordnung?
Bevor ich das Fehlen eines Unterschieds als Erkenntnis verkaufe, muss ich erstmal zeigen, dass hier kein Fehler 2. Ordnung vorliegt - war die Studie überhaupt geeignet, um einen relevanten Unterschied zu zeigen? Laut Artikel war die Studie auf die eigene Universität beschränkt: "Die Forscherinnen befragten Erstsemesterstudenten ihrer Uni, die entweder G8- oder G9-Gymnasien besucht hatten." Das halte ich doch für ein wenig klein gegriffen, um wirklich repräsentative Aussagen zu treffen.
imZweifel-richtig 27.03.2014
5. Die einen sagen so, die anderen so...
Zweifellos kann man mit G8 wie G9 zum Abitur kommen. Begründung für G8 war doch: - die DDR hat's vorgelebt und - wir wollen jüngere Berufsanfänger. Nur hat man das ganze holterdipolter eingeführt, ohne sich größere Gedanken über die Anpassung der Lehrpläne und des Unterrichts zu machen. Der Bildungsföderalismus ist doch Spielwiese der Parteipolitiker und Ideologen. Gibt es eine Generation Schüler, die unter den gleichen Bedingungen eingeschult wurde, wie sie dann Abitur machen konnte?
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