Nordrhein-Westfalen Der mühsame Abschied vom Turboabitur

CDU und FDP verlängern in NRW die Gymnasialzeit wieder auf neun Jahre - und wollen trotzdem nicht von einer Kehrtwende sprechen. G9 werde schließlich nur "prinzipiell" wieder eingeführt.

Deutschunterricht in einem Gymnasium (Archivbild)
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Deutschunterricht in einem Gymnasium (Archivbild)

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Dieter Cohnen ist die Erleichterung anzumerken. "Wir freuen uns über diese Richtungsentscheidung, das ist ein guter Schritt", sagt Cohnen, der im Vorstand der Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen sitzt. Seit über einem Jahr hatten die Eltern der Gymnasiasten gegen das Turboabitur mobilgemacht.

Jetzt sehen sie sich - fast - am Ziel: CDU und FDP haben in dieser Woche angekündigt, das Abitur nach neun Jahren wieder zum Regelfall an Gymnasien zu machen. Ziel sei es, G9 ab Herbst 2019 "prinzipiell" wieder einzuführen. Das hatten CDU-Landeschef Armin Laschet und sein FDP-Kollege Christian Lindner nach der vierten Koalitionsrunde in Düsseldorf mitgeteilt.

Von diesem Prinzip soll es aber Ausnahmen geben können. Will ein Gymnasium beim Turboabitur nach acht Jahren bleiben, werde es Unterstützung erhalten, um ein "qualitätsvolleres G8" anbieten zu können, sagte Lindner. Beide sprachen von einer "Leitentscheidung für G9", die gleichzeitig aber "keine Kehrtwende" bedeute.

Der begriffliche Eiertanz zeigt, wie heikel das Thema an Rhein und Ruhr immer noch ist. Im Schuljahr 2005/2006 hatte eine ebenfalls schwarz-gelbe Landesregierung die Schulzeitverkürzung eingeführt. Trotz großer Widerstände bei den Eltern hielten die rot-grünen Nachfolger lange an der Verkürzung fest - was mit ein Grund für die Niederlage von SPD und Grünen bei der Landtagswahl im Mai 2017 war.

Die grundsätzliche Rückkehr zu G9 sei "eine mutige Entscheidung", sagt Peter Silbernagel, Landesvorsitzender des Philologenverbands, "Sachargumente besaßen in den Diskussionen ohnehin keine Chancen." Die jetzt gefundene Lösung sei gut, weil sie die größtmögliche Zahl von Unterstützern habe, so Silbernagel: "In den Schulen gibt es sicherlich keine Euphorie angesichts der neuerlichen Reform, aber wir werden damit klarkommen."

Die notwendigen Umbauten des Systems dürften jetzt aber nicht zu einer Mehrbelastung der Kollegen in den Schulen führen, so Silbernagel: "Je mehr Probleme und Entscheidungen in die Schulen vor Ort verlagert werden, desto mehr wird die Akzeptanz leiden." Ohnehin sei die Frage der Schulzeit nicht das entscheidende Kriterium für die Qualität des Unterrichts.

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW zeigt sich vorsichtig optimistisch. "Gut, dass diese Veränderung jetzt angepackt wird - und gut, dass es dafür zwei Jahre Vorlauf gibt", sagt Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende in NRW. Allerdings sieht auch sie die Gefahr, "dass die Debatte um die Schulzeitverkürzung jetzt in jede einzelne Schule hinein getragen wird". Es komme deshalb auf die konkrete Umsetzung durch die neue Landesregierung an: "Da darf es keine Wahlmöglichkeit für die einzelnen Schulen geben, sonst ist nichts gewonnen."

"Hoffentlich müssen jetzt nicht die Schulen vor Ort die Diskussionen ausfechten, die durch die Ausnahmeregelungen möglich werden", sagt auch Elternvertreter Dieter Cohnen. Ein Aspekt, den Gunter Fischer, Schulleiter am Clara-Schumann-Gymnasium in Dülken, ebenfalls schwierig findet. Die neue Regelung höre sich "erst einmal sehr offen und flexibel an", sagt Dülken. Doch er fürchtet "chaotische Verhältnisse in der Schullandschaft", wenn von Landesseite aus keine klaren Vorgaben gemacht werden.

mit Material von dpa



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ackergold 09.06.2017
1. Eine gute Entscheidung!
Kinder brauchen Zeit zum Lernen und wenn sie nach dem Abitur studierfähig sein sollen, dann brauchen sie auch eine gewisse Reife. Nur das garantiert Erfolg.
asdf01 09.06.2017
2.
Zitat von ackergoldKinder brauchen Zeit zum Lernen und wenn sie nach dem Abitur studierfähig sein sollen, dann brauchen sie auch eine gewisse Reife. Nur das garantiert Erfolg.
Das ist im G8 im Normalfall gegeben. G8 ist internationaler Standard, für diesen deutschen Sonderweg G9 gibt es keinerlei sachliche Notwendigkeiten.
practicus 09.06.2017
3. zurück zum Schneckenabitur
Wenn über 50% eines Jahrgangs (oder 80% wie in Frankreich?) eine Art "Abitur" machen sollen, dann sind 13 Schuljahre Blödsinn! Ein "Studium wie früher" - das ist nur mehr das Masterstudium, der "Bachelor" ist eine Art "erweiterte Berufsschule ohne Praxisteil", so eine Art "Super-BGJ". Die deutschen Universitäten haben nicht begriffen, dass der Bachelor mit einem herkömmlichen Studium nichts mehr zu tun hat, soll ihn doch jeder halbwegs durchschnittlich begabte Schüler erreichen können, also müssen die Anforderungen runter - und damit auch die für das Abitur. 13 Schuljahre vertändeln, um dann einen pseudoakademischen Bachelor-Abschluss zu erringen - was soll das? Ein "richtiges" Abitur, das für ein "richtiges Studium" wie die früheren Diplom- und Magisterabschlüsse qualifiziert, können höchstens 30% eines Jahrgangs schaffen. Was über 50% eines Jahrgangs schaffen sollen, KANN dafür nicht ausreichen - ob nach 13 oder 12 oder weniger Jahren... Das sogenannte "Abitur", das 50-80% eines Jahrgangs für ein Bachelorstudium qualifzieren soll, kann mühelos nach 12 Jahren erreicht werden - begabte Kinder schaffen das sogar schon mit 14 oder noch jünger. Runter vom hohen Ross - das gilt für die Gymnasien genauso wie für die Universitäten!
Kradfahrer 09.06.2017
4. Augenscheinlich
ist es möglich nach 12 Schuljahren das Abitur in der Tasche zu haben, wenn man denn ein kluger und fleißiger Schüler ist/war. Das schaffen die Kinder überall in der Welt und auch in Deutschland wurde über viele Jahrzehnte das Abitur nach 12 Schuljahren erreicht. Ohne, dass es deshalb zu einer Verdummung der Gesellschaft gekommen wäre. Wir sollten SELBSTVERSTÄNDLICH den Ehrgeiz haben, dass jeder Mensch in Deutschland zum Nobelpreisträger ausgebildet wird. EBENSO sollte es uns aber auch klar sein, dass ein Volk aus 82 Mill. Nobelpreisträgern nicht existieren kann, weil einfach keiner da ist, der denen die Brötchen bäckt oder die von ihnen die Steuern kassiert. 82 Mill. Nobelpreisträger in einem Land ohne fließend Wasser (Flüsse einmal ausgenommen), ohne Elektrizität, ohne, ohne, ohne, weil einfach kein Mensch die nötigen Einrichtungen schafft, bedient und wartet, das ist die Hölle aber keinesfalls das Paradies. Aus exakt diesem Grunde sollten wir SELBSTVERSTÄNDLICH die Latte immer so hoch liegen haben, dass nur die 33 % Besten eines Jahrganges das Abitur auch tatsächlich erlangen (erlangen durch eigene Leistung, sie sollen es also keinesfalls bekommen!). Analog die Mittlere Reife, damit die Haupt- oder Volksschule ihren Namen wieder verdient. Übrigens auch in der Hauptschule die Latte anheben, die ist NICHT für den Dummen Rest. Und es sollte auch kein Mensch Standesdünkel haben, weil ihm ein Hauptschüler Einsteins Relativitätstheorie von vorne bis hinten erklären kann. Volksbildung ist für alle da.
g_w 09.06.2017
5.
"Die Schulzeitverkürzung am Gymnasium („G8“ statt „G9“) ist in Nordrhein-Westfalen als Forderung aller Landtagsfraktionen im Jahr 2004 politisch auf den Weg gebracht worden.", https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulpolitik/G8/ ... und wurde dann zwar unter schwarz-gelb eingeführt, der Beschluss aber -im breiten Konsens- unter Rot-grün gefasst. Alles in NRW -auch die jüngste Wahlnierderlage- auf 5 Jahre CDU/FDP in den letzten 50 Jahren SPD geführter Landesregierung zu schieben, ist wirklich wohlfeil.
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