Galerie des Schummelns Kleine Zettel, große Wirkung

Diesen Mathe-Lehrer packte eine sonderbare Passion: Günter Hessenauer sammelt Spickzettel - seit fast 40 Jahren. 5000 Schnipsel übergab er jetzt entzückten Uni-Forschern: Die Kollektion ermöglichst die schönsten Streifzüge durch die schulische Subkultur.

Von Susanne Lettenbauer


Klassenarbeit: Ein Junge stellt seine Limonadenflasche neben sich auf den Tisch und fängt an, die Fragen zu beantworten. In amerikanischer Geschichte scheint er sich auszukennen - sein Füller flitzt über das Papier. In Wahrheit aber schielt er immer wieder auf die Flasche mit der orangefarbenen Flüssigkeit. Auf dem Etikett steht nichts über die Inhaltstoffe, dafür eine ganze Menge über Franklin D. Roosevelt, den früheren Präsidenten der Vereinigten Staaten.

So ausgefuchst wie dieser Schüler - er hat das Etikett eingescannt, verändert, farbig ausgedruckt und auf die Flasche geklebt - spickt nicht jeder. Am gängigsten sind wohl die winzigen, eng beschriebenen Zettelchen, die in der Hosen-, Mantel- oder Stifttasche verstaut und im richtigen Moment herausgezogen werden. Die Tradition der Spickzettel ist lang, es gibt sie, seit der Mensch seinem Gedächtnis misstraut.

Günter Hessenauer, ein Nürnberger Gymnasiallehrer, fand das so faszinierend, dass er Ende der sechziger Jahre begann, die Gedächtnisstützen seiner Mitschüler zu sammeln. "Als fleißiger junger Schüler habe ich nach Unterrichtsschluss immer geschaut, ob die Klasse sauber ist, und die liegen gebliebenen Zettel eingesammelt", sagt er. Fortan bewahrte er nicht nur klassische Spickzettel auf, sondern auch das oben beschriebene Limonadenetikett, Briefe und Zeichnungen. Als seine Sammel-Leidenschaft bekannt wurde, vermachten ihm viele Kollegen und auch Schüler die kleinen und großen Dokumente. Innerhalb von 40 Jahren sammelte er so rund 5000 Exemplare.

Ein Glücksfall für die Forschung

Oft genug wurde Hessenauer wegen seiner Leidenschaft zum Spinner erklärt. Auch seine Frau wollte das Sammelsurium längst in den Müll werfen. Der inzwischen pensionierte Lehrer hatte eine bessere Idee: Er bot die dicken Stapel der Universität Erlangen-Nürnberg an. Und die griff zu. "Die Übergabe der Spickzettel an die Forschung ist ein Glücksfall", jubelten die Mitarbeiter der Schulgeschichtlichen Sammlung.

Mathias Rösch, 40, von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Nürnberg steht ein wenig ratlos vor den großformatigen Kartonagen, auf die die rund 5000 Spickzettel aufgeklebt sind. Eigentlich brauchte er nur ein paar Exemplare für eine Ausstellung im Nürnberger Schulmuseum, die Anfang Oktober geplant ist. Doch als er die vielen Dokumente sah, war er begeistert.

Pädagogisch wertvolle und wertlose, raffinierte und einfallsarme Spickzettel, aber auch Blätter mit politischen Statements von Schülern sind in den Papierbergen zu finden. Sei es zur Pershing-II-Stationierung Anfang der achtziger Jahre (eine Karikatur von Helmut Schmidt) oder zum ersten Golfkrieg - was Schüler in den vergangenen drei Jahrzehnten bewegte, erstaunt Rösch. Seit Herbst letzten Jahres ist er der Chef der mit etwa 100.000 Exponaten grössten schulgeschichtlichen Sammlung Deutschlands, die in den siebziger Jahren entstand.

Welche konkreten Hierarchien sich mit Hilfe der unscheinbaren Zettel innerhalb einer Klasse bildeten, welche hitzigen Diskussionen in den Wanderbriefen der Sammlung geführt wurden - all das kann Rösch momentan nur erahnen. Sammler Hessenauer hat mit der öffentlichen Übergabe an die Universität einen Nerv getroffen, das merkt das Institut an den zahlreichen Einsendungen. Kürzlich wurden Rösch zum Beispiel Spickzettel aus dem Jahr 1941 zugeschickt.

"Das ist nicht für Sie"

Wo Papierzettel durchs Klassenzimmer fliegen, tauschen sich die Schüler intensiv miteinander aus. Meist unterhalten sie sich im Teenieslang - eine Fundgrube für Linguisten. Am Institut häufen sich daher die Anfragen in- und ausländischer Wissenschaftler. Die Philologin Evelyn Ziegler von der Universität Marburg würde am liebsten sofort mit der Aufarbeitung beginnen. Ihre Forschungen zur "Identitätskonstruktion und Beziehungsarbeit in bayerischen Schülerzetteln" stützten sich bisher auf nur 18 Spickzettel. Auch Forscher aus der Schweiz konnten bislang nur einige Dutzend Dokumente unter die Lupe nehmen.

Für eine wissenschaftlich relevante Aufarbeitung der Nürnberger Sammlung muss Rösch in den kommenden Monaten aber besondere Sorgfalt walten lassen - denn Lehrer Hessenauer hielt seine Sammelleidenschaft an der Schule nicht geheim. Etliche zu sorgfältig geschriebene Zettel legen die Vermutung nahe, dass sie extra für ihn angefertigt wurden. Auf einem Zettel steht zum Beispiel: "Das ist nicht für Sie". Ob auch jene Spicker einmal im Museum landen, zu denen Hessenauer seine Schüler extra ermunterte, müssen die Wissenschaftler entscheiden.

Die Wanderbriefe, Liebesbriefe, Spickzettel, Dokumente wird es bald als lose Blattsammlung geben. Die erhoffte Edition soll 2008 fertig sein, ebenso ein Findbuchverzeichnis. Eine für Spickzettel präparierte Uhr, eine Karikatur aus den achtziger Jahren zum Thema Computerfreaks, eine Minibibel für die Religionsexen und viele andere Stücke sollen ab Oktober in Nürnbergs neuem Schulmuseum zu sehen sein.

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