Bildungsstudie Ganztagsschulen machen Schüler netter - aber nicht besser

Ganztagsschulen verbessern das Sozialverhalten von Schülern, aber nicht deren Leistungen, so eine neue Studie. Besonders an Gymnasien funktioniert es demnach mit dem Nachmittagsunterricht nicht so richtig.

Schülerinnen in Laichingen, Baden-Württemberg (Archiv)
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Schülerinnen in Laichingen, Baden-Württemberg (Archiv)

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Seit 2003 investieren Bund und Länder massiv in Ganztagsschulen, mehr als vier Milliarden Euro haben sie dafür ausgegeben. Doch bringt dieses wahrscheinlich größte Reformvorhaben in der deutschen Schulgeschichte überhaupt etwas? Wie schnell geht der Ausbau voran? Und wie verändern sich Verhalten, Schulleistungen und Kompetenzen der Schüler durch den Umbau des Schulalltags?

Laut einer neuen Studie profitieren Ganztagsschüler vor allem auf der persönlichen Ebene: Sie fühlen sich motiviert und anerkannt, und besonders das Sozialverhalten von Schülern aus bildungsferneren Familien bessert sich. Anders sieht es bei den schulischen Leistungen aus. Obwohl es gerade in diesem Punkt große Erwartungen gab, bleiben hier positive Auswirkungen aus.

Zahl der Ganztagsschulen steigt weiter

Seit 2005, kurz nach dem Start der Ganztagsförderung, beleuchtet ein Konsortium von vier Forschungsinstituten kontinuierlich den Umbau des Schulsystems. Am Donnerstag stellten die Bildungsforscher ihre neueste "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) vor, die im Auftrag des Bundesbildungsministeriums durchgeführt wurde. Sie stützt sich auf die repräsentative Befragung von Schulleitungen in den Jahren 2012 und 2015, auf Längsschnittstudien in einzelnen Klassen und Schulen, auf Tests und Befragungen von Schülern und auf Pilotprojekte, mit denen die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen im Unterrichtsalltag überprüft wurde.

Der Anteil der Schulen und Bildungseinrichtungen mit Ganztagsangebot ist demnach auf mittlerweile knapp 60 Prozent geklettert, Tendenz weiter steigend. "Inzwischen nutzt mehr als ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland schulische Ganztagsangebote", schreiben die Forscher.

Die Art der Nutzung hängt allerdings stark vom Alter der Schüler und natürlich vom Angebot der Schule ab: Mehr als die Hälfte der Fünftklässler nutzt die Hausaufgabenbetreuung, mehr als 20 Prozent gehen zu Sportangeboten. Mit steigendem Alter rücken dann gezielte Lernangebote stärker in den Fokus.

Schulen müssen stärker auf Qualität achten

Schon 2011 hatten die Forscher festgestellt: "Die Teilnahme am Ganztag kann das Sozialverhalten, die Schulfreude und die Schulnoten verbessern und die Gefahr der Klassenwiederholung verringern." Voraussetzung: ein umfassendes, qualitativ gutes Ganztagsangebot mit individueller Betreuung, bei dem das Beziehungsklima an der Schule stimmt.

Der Befund wird auch im neuen Zwischenbericht bestätigt - mit der Schlussfolgerung, dass die Schulen stärker als bisher auf die Qualität ihrer Angebote achten müssen. Es reicht nicht, nur eine Hausaufgabenbetreuung mit ehrenamtlichen Hilfskräften anzubieten. Eine enge Verzahnung mit den Themen des Unterrichts und eine individuelle, fachlich kompetente Betreuung der Schüler werden als Erfolgsfaktoren genannt. Als problematisch identifizieren die Forscher mehrere Bereiche:

  • Die Gymnasien sind in den vergangenen Jahren mit ihren Ganztagsangeboten zurückgefallen, die Teilnahmequote stagniert unterhalb von 50 Prozent. "In jeder zweiten Ganztagsschule - vor allem an Gymnasien - sind die Angebote und der Unterricht nicht explizit verknüpft", schreiben die Forscher und kommen zu einer klaren Bewertung: "Damit wird ein zentrales Qualitätskriterium der Kultusministerkonferenz nur unzulänglich erfüllt."
  • Einfach nur irgendwie an Ganztagsangeboten teilzunehmen bringt den Schülern im Bereich der kognitiven Leistungen wenig bis gar nichts: "An Grundschulen zeigen weder die reine Teilnahme noch die Intensität und Kontinuität der Teilnahme an Lernangeboten im Bereich Lesen oder Naturwissenschaften einen Effekt auf Testleistungen."
  • An weiterführenden Ganztagsschulen wurde der Einfluss von entsprechenden Angeboten auf die Lesefähigkeit überprüft - dabei ließ sich jedoch "keine Wirkung der Angebote nachweisen", schreiben die Forscher: "Der Besuch von Ganztagsangeboten - auch wenn sie Kompetenzförderung anstreben - reicht nicht aus, um innerhalb eines oder zweier Halbjahre fachliche Kompetenz messbar zu steigern."

Trotz der Kritikpunkte sind die Autoren der Studie vom Konzept Ganztagsschule überzeugt. Vor allem, wenn Jugendliche die Angebote viele Jahre kontinuierlich nutzen und sich gezielt für fachbezogene Unterstützung entscheiden, können sie neben Sozialverhalten und Motivation auch ihre Noten verbessern. Dafür müssen allerdings die Schulen ihre Ganztagsangebote als originären Bestandteil des Unterrichtskonzepts verstehen - und nicht als lästiges Anhängsel am Nachmittag, das von Hilfskräften erledigt werden kann.


Zusammengefasst: Die Leistungen der Schüler verbessern sich durch Ganztagsangebote nicht zwangsläufig, doch der Unterricht bis in den Nachmittag hinein stärkt Sozialverhalten, Motivation und Selbstkonzept. Bildungsforscher halten ihn deshalb für sinnvoll und fordern von Schulen, stärker auf die Qualität ihrer Ganztagsangebote zu achten.

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insgesamt 175 Beiträge
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Seite 1
Eutighofer 14.04.2016
1. Aufwand und Nutzen im Missverhältnis
Die Kosten für Ganztagesschulen sind hoch - der Nutzen nicht vorhanden oder sehr gering. Aufwand und Kosten stehen im Missverhältnis. Das Geld sollte man sinnvoller einsetzen. Aber Lehrerverbände und Politiker werden vermutlich weiter auf die Ganztagesschule setzen- da spielen Ideologie und Erschließung von Geldquellen möglicherweise auch eine Rolle.
westerwäller 14.04.2016
2. Wenn Schüler täglich ...
... sechs Stunden Unterricht haben, dann Mittagessen und etwas Pause, dann anderthalb bis zwei Stunden allein, selbstständig und in Ruhe (!) zu Hause ihre Hausaufgaben machen, so haben sie ein anständiges Tagespensum verrichtet. Das alte System war eigentlich optimal. Natürlich wurde das vormals vorbildliche Schulsystem durch die x-te Reform der Reform zertrümmert.
ed_tom_bell 14.04.2016
3. Des is nett gut
Na, wenn offenbar "nett" und "gut" in unserem System nicht zusammenpassen, ist das doch auch mal ein Anlass nachzudenken. Da ist doch die Regierung aufgefordert eine Kommission einzusetzen, um an den Begriffsdefinitionen zu feilen.
Marut 14.04.2016
4. Aufschlußreiche Bewertung
Es ist schon interessant, dass hier scheinbar ein gutes Sozialverhalten nicht als Leistung, sondern nur als Nebenprodukt gesehen wird. Der Wert des Menschen und der seiner Leistung werden nur noch an ihrer ökonomischen Verwertbarkeit und Produktivität gemessen. Dabei ist Sozialverhalten nicht nur etwas für die Freizeit, sondern fördert durchaus auch die Leistungen am Arbeitsplatz.
acyonyx 14.04.2016
5. Non Scolae sed Vitae discimus
Den ganzen Tag beschult zuzubringen hilft vielleicht wenigen, schadet aber anderen! Es profitieren Kinder, deren soziales Umfeld sie vom Vertiefen oder vom an Schulthemen angelehnte nFreizeitbetätigungen abhält. Die große Masse aber lernt nur eins: Brav dem System folgen! Das, was im Artikel als "nett" beschrieben wird. Es sind keine selbstinduzierten Inhalte und Betätigungen mehr möglich - Keine Kreativität außer der gelenkten in Kunst und Musik - Alles vorgegeben! Das erzeugt weniger Eigenständigkeit im Denken. Nicht im Machen - das lernen die Kinder ja konformerweise. Was das mit der Qualität der Hochschulreife macht, kann man immer mehr an den 1.Semmestern sehen! Das ist leider teilweise wirklich schlimm. Auswendig lernen JAAAA! Selbst etwas hinterfragen NEEEEIIIN!
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