"Geburtstagsprügel" Verfahren gegen Lehrer eingestellt

Jugendliche Schläger an einer Schule in Stadthagen haben Mitschüler durch Dresche zum Geburtstag systematisch tyrannisiert. Auch gegen sechs Lehrer wurde ermittelt, weil sie weggeschaut oder selbst Schüler verletzt haben sollen. Diese Verfahren sind zwar nun eingestellt, aber das Prügel-Problem bleibt.


Haupt- und Realschule Stadthagen: Alltäglicher Prügel-Terror
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Haupt- und Realschule Stadthagen: Alltäglicher Prügel-Terror

An der Haupt- und Realschule am Schlosspark in Stadthagen herrschte mindestens ein Jahr lang ein Regime von Angst und Schrecken. Offenbar aus schierer Lust an der Gewalt quälten Jugendliche ihre Mitschüler und misshandelten sie. Besonders zu Geburtstagen setzte es regelmäßig Dresche - oder wenn ein Schüler im Unterricht gelobt worden war.

Das schaurige Ritual der "Geburtstagsprügel" sah für jedes Lebensjahr einen Hieb vor - nicht insgesamt, sondern von jedem der Schläger, und die bildeten häufig eine größere Gruppe. Im Zusammenhang mit den Gewalttätigkeiten hatte die Staatsanwaltschaft auch gegen sechs Lehrer ermittelt, doch die Ermittlungen wurden jetzt eingestallet. Zwei von ihnen erhielten allerdings Geldauflagen. Bei den anderen habe sich ein Tatverdacht nicht bestätigt, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Bückeburg am Dienstag.

Lehrer nicht eingeschritten?

"Die Vorwürfe gegen die sechs Lehrer kochten während der Ermittlungen zu den Geburtstagsprügeln hoch", so der Sprecher. Schüler hatten bei den Vernehmungen angegeben, dass die Lehrer Schüler verletzt haben oder bei den Prügelritualen nicht eingeschritten sein sollen. So hatten in einem Fall Schüler bei einer Klassenfahrt nach Polen "Gotcha"-Waffen gekauft, die ihnen ein Lehrer wegnahm, einmal damit schoss und einen Schüler leicht im Gesicht verletzte. In einem anderen Fall war ein Lehrer mit einem Schüler aneinander geraten und hatte ihn durch einen Stoß mit dem Knie verletzt.

Christian Pfeiffer: "Wie die Pest"
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Christian Pfeiffer: "Wie die Pest"

Die Verfahren gegen beide Pädagogen wurden gegen Geldauflagen eingestellt, ein weiteres "wegen Geringfügigkeit" - eine Lehrerin hatte mit dem Schlüsselbund nach einem Schüler geworfen. Die drei übrigen Pädagogen waren beschuldigt worden, Schüler an deren Geburtstagen nicht vor den Schlägen beschützt zu haben. Die Staatsanwaltschaft stellte allerdings ebenfalls die Verfahren ein.

Über die Quälerei auf den Schulhof hatte sich auch Christian Pfeiffer, im vergangenen Jahr noch Niedersachens Justizminister, empört und Schüler wie Lehrer ermuntert, solche Vorfälle schnell anzuzeigen, statt sich einschüchtern zu lassen: "Die Situation war wie die Pest bei Albert Camus, wo alle Angst haben. Und weil alle Angst haben, kann sich die Pest weiter ausbreiten." Man müsse sehr kritisch fragen, "ob es hier unterlassene Hilfeleistung - also bewusstes Wegschauen - gegeben hat", so der Kriminologe und SPD-Politiker im vergangenen Jahr.

Mitschüler massiv unter Druck gesetzt

Als die Gewalt-Exzesse bekannt geworden waren, hatte die Staatsanwaltschaft gegen insgesamt 65 Jugendliche ermittelt und letztlich 36 angeklagt, die etwa 80 Mitschüler übel zugerichtet haben sollen. Mehrere der Täter wurden zu Arrests und zu Sozialtrainings verurteilt. Die Haupt- und Realschule griff zu erzieherischen Maßnahmen, startete unter anderem Konfliktkurse für Schüler und ließ Lehrer zu Streitschlichtern ausbilden.

Rangelei auf dem Schulhof: Sozialtraining war offenbar Misserfolg
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Viel genützt hat das offenbar nicht, jedenfalls nicht bei einigen Schlägern: Nur wenige Monate später, im Juni 2003, wurde erneut Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung gegen eine Gruppe von Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren erhoben. Sie sollen einen 16-jährigen Mitschüler zum Geburtstag mit Tritten und Schlägen misshandelt haben. Zwei der Schläger hatten zuvor bereits wegen der Geburtstagsprügel vor Gericht gestanden und waren zu Sozialtrainings verurteilt worden. "Das Opfer hat aber den Mund gehalten und wollte die Täter nicht verpetzen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. In Gang kam das Verfahren erst durch den Schulleiter, außerdem meldeten sich Zeugen - obwohl sie massiv unter Druck gesetzt worden sein sollen.

Bei der Vernehmung hatten die Täter türkischer Herkunft behauptet, "Geburtstagsprügel" seien in der Türkei Tradition - was das türkische Generalkonsulat in Hamburg "Unsinn" nannte. Schulleiter Rudolf Krewer reagierte auf den Vorfall entsetzt: "Es geht nicht in meinem Kopf rein, dass es wieder die Gleichen waren." Diese Gruppe der "fünf türkischen Jugendlichen hat all unsere Bemühungen wieder zunichte gemacht", sagte Krewer enttäuscht, "ein ganzes Jahr lang hatten wir Ruhe, Gewalt war überhaupt kein Thema mehr."




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