Gehaltsvergleich Was Azubis verdienen

Zwei Lehrlinge, zwei Welten: Während Binnenschiffer Tim, 23, für 1000 Euro im Monat über den Rhein schippert, schneidert Antonia, 18, an ihrer Nähmaschine für 200 Euro Kostüme. Eine neuer Gehaltsvergleich zeigt, wie weit Azubi-Gehälter auseinander klaffen.


Antonia ist ständig knapp bei Kasse. Dabei arbeitet die 18-Jährige schon seit zwei Jahren in der Schneiderei ihrer Eltern. 200 Euro bekommt die Auszubildende monatlich für neun Stunden Arbeit am Tag - ein ganz normales Tarifgehalt, dasselbe, das schon seit 1997 gezahlt wird, wie Antonia erzählt.

Angehende Maßschneider: Ständig knapp bei Kasse
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Angehende Maßschneider: Ständig knapp bei Kasse

Dafür geht Antonia an zwei Tagen in der Woche in die Berufsschule, paukt Fachbegriffe der Textilindustrie auf Englisch und lernt, wie man mit Kunden umgeht. An den anderen drei Wochentagen sitzt sie vor der Nähmaschine. Ganz am Anfang durfte sie nur Röcke nähen, dann kamen auch Hosen hinzu. Mittlerweile ist sie gut genug, auch Jacketts herzustellen. "Mein Gehalt reicht hinten und vorn nicht, aber ich bin froh, überhaupt eine Ausbildungsstelle zu haben", sagt Antonia.

Ähnlich dürfte es vielen Azubis gehen, die wie Antonia die Liga der Wenigverdiener anführen. Die Lehre zum Maßschneider ist nämlich laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die am schlechtesten bezahlte Ausbildung von allen. Das BIBB verglich aktuelle Tarifverträge aller Ausbildungsberufe und stellte fest, dass Maßschneider-Azubis mit durchschnittlich 191 Euro noch weniger Gehalt beziehen als Konditoren, Friseure, Floristen und Bäcker, die die Plätze zwei bis fünf im Ranking der leeren Kassen belegen und allesamt weniger als 500 Euro brutto pro Monat nach Hause tragen.

Spitzenverdiener Binnenschiffer

Zwischen den alten und neuen Bundesländern sind die Unterschiede groß. So streicht ein Friseur-Lehrling im Westen der Republik monatlich 414 Euro ein, sein Kollege im Osten bekommt nur 257 Euro. Ein Tischler im Westen verdient 491 Euro, im Osten muss er mit 372 Euro auskommen.

Azubi-Gehälter: Tops und Flops der Lehrlings-Welt
Quelle: Datenbank "Tarifliche Ausbildungsvergütung 2004" des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Azubi-Gehälter: Tops und Flops der Lehrlings-Welt

Auch im Mittelfeld der Gehaltsliste bleibt eine Kluft zwischen Ost und West: Verkäufer, Mediengestalter, Bank- und Industriekaufmänner, Gerüstbauer und Maurer bekommen zwischen 600 und 800 Euro monatlich. Nur Dachdecker-Lehrlinge sind gleichauf mit den Kollegen im Westen und verdienen 720 Euro.

In manchen Berufen kommen die Azubis noch deutlich besser weg. So gehen Fahrzeuginnenausstatter mit 869 Euro nach Hause, Schifffahrtskaufmänner gar mit 877 Euro. Der teuerste Azubi aber ist der angehende Binnenschiffer. Er verdient durchschnittlich 1008 Euro pro Monat im Osten wie im Westen - und damit genau 808 Euro mehr als Antonia.

Tim Kathmann, 23, gehört zu diesen reichen Lehrlingen. Und findet das nur fair. Schließlich hat er keinen leichten Job: Um fünf Uhr morgens quält sich der Azubi zum Binnenschiffer auf dem Motorschiff "Karlsruhe" aus der Koje, lichtet den Anker und beginnt seine tägliche 14-Stunden-Schicht.

Azubi Tim: Knochenjob bei Wind und Wetter
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Starke Nerven brauche man für diesen Job, findet er, denn das Motorschiff transportiert 18 Stunden täglich Kohle zwischen Amsterdam und Mannheim. "Wir arbeiten im Schichtbetrieb: acht Stunden Dienst, sechs Stunden Bereitschaft, zehn Stunden Ruhe." Ein Knochenjob für 24 Stunden am Tag, nach jeweils 30 Tagen gibt's zwei Wochen frei. Und das "wird mit Freunden ausgekostet, man will ja auch mal Abstand gewinnen".

Ein bisschen mehr Freizeit und weniger Stress würde sich auch Antonia wünschen. Denn es kann schon passieren, dass der Familienbetrieb an 600 Stück Bekleidung für Messen und andere Werbeaktionen schneidern muss - in einem Monat. Antonia näht derzeit hautenge blaue Wintermäntel, in denen Promoter auf der Skipiste für Alcopops werben sollen. Auch für die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) hat sie schon Hostessen eingekleidet: "Rock plus Blazer für große Autokonzerne - das Ganze dann 200 Mal."

Jobben neben der Lehre

Klar, dass bei diesen Massenproduktionen nicht mit Hand genäht wird, sondern jeder Mitarbeiter seine eigene Nähmaschine benutzt. "Nur die Schneider etwa beim Theater nähen noch mit der Hand", sagt Antonia, "aber die haben auch viel mehr Zeit als wir." Gehaltsminimum und Arbeitsmaximum - eigentlich keine glückliche Mischung. Trotzdem bleibt Antonia bescheiden: "600 Euro im Monat wären unwirklich."

Arme Azubis: Tricks gegen leere Taschen
Für einen Lehrling - auch wenn er nicht mehr bei den Eltern wohnt - zahlt der Staat Kindergeld. Die Familienkasse der Arbeitsagentur überweist pro Monat 154 Euro, ab dem vierten Kind der Familie sogar 179 Euro. Wenn der Azubi wenig verdient und die Eltern nichts zum Unterhalt beisteuern, steht das Geld dem Azubi zu: Auf Antrag bei der Familienkasse fließt es direkt aufs eigene Konto.

Das Kindergeld entfällt aber ab einem bestimmten Einkommen. Bisher galten als Grenze 717 Euro monatlich; nach einem Gerichtsurteil vom Mai 2005 können die Sozialabgaben davon abgezogen werden.
Gegen Ebbe im Geldbeutel hilft auch die Berufsausbildungs- beihilfe, kurz BAB. Diesen Zuschuss kann man ebenfalls bei der Arbeitsagentur beantragen - hier winken sogar bis zu 518 Euro monatlich. Allerdings gibt es die Beihilfe nur für Erstlehrlinge. Abbrecher oder Umschüler haben keine Chance. Zudem werden für eine Gewährung des BAB das eigene Einkommen, das der Eltern und ebenso das des Lebenspartners durchleuchtet.
Wer bei der Ausbildungsbeihilfe leer ausgeht, weil die Arbeitsagentur "dem Grunde nach" Einwände erhebt, hat immer noch die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. Das ist kein Almosen des Staates; erfüllt man die Voraussetzungen, gibt es darauf einen Rechtsanspruch. Jede Gemeinde wartet mit einer Wohngeldstelle auf - wer die eigene Miete nicht zahlen kann, erhält hier einen Zuschuss.
Ein Nebenjob lohnt sich für den, der günstige Arbeitszeiten hat und fit für das "Mehr" an Arbeit ist. Die sinnvollste Lösung ist ein 400-Euro-Job: Dabei werden weder Sozialabgaben noch Steuern fällig - alles wandert in die eigene Tasche. Nur der Arbeitgeber zahlt in die Sozialkassen ein. Doch Vorsicht: Wenn der Zweitjob zu sehr ermüdet und die Tätigkeiten in der eigentlichen Berufsausbildung schmälert, darf der Chef den Nebenverdienst verbieten.

Auch Tim beklagt sich nicht über seinen Arbeitsplatz, weiß aber um dessen Härte: "Die Arbeit hier ist schon was für Leute, die anpacken können. Zart Besaitete können wir nicht gebrauchen." Deck schrubben, Ladung sichern, das Schiff reparieren - was der Schiffsführer in sein Walkie-Talkie brüllt, muss Tim ausführen, bei jedem Wetter. Ständig unterwegs, allzeit bereit, auch mal "Ladung löschen früh um Drei": Binnenschifffahrt ist harte körperliche Arbeit. Gleichzeitig müssen die Schiffer viel komplizierte Technik beherrschen: Sprechfunk, Radarsystem und Internet sind ebenfalls immer mit an Bord. "Und daher", so Tim, "sind 1000 Euro im Monat, netto, schon irgendwie gerechtfertigt."

Antonia musste indes einen anderen Ausweg aus der finanziellen Misere finden. "Jeden Mittwoch- und Freitagabend trainiere ich Kinder und Jugendliche in Geräteturnen, manchmal auch sonntags." Und damit kommt die tapfere Schneiderin dann "gut über die Runden".



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