Neues Lernen Muss das Kind wirklich aufs Gymnasium?

Etliche Eltern schicken ihre Kinder dorthin, wo sie das Abitur auf sanftem Weg bekommen: auf Gemeinschaftsschulen. Die "Schule für alle" boomt - und verändert die deutsche Bildungslandschaft.

Klassenzimmer (Symbolbild)
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Klassenzimmer (Symbolbild)

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  • Lennart Laberenz
    Christian Füller, Jahrgang 1963, schreibt als Journalist über Bildungspolitik und hat mehrere Bücher über gute, schlechte und private Schulen verfasst. Zuletzt erschien von ihm "Die Revolution missbraucht ihre Kinder" über sexuelle Gewalt bei Reformpädagogen, Jugendbewegten und 68er/Grünen. Außerdem bloggt der Politologe und Vater zweier Söhne als Pisaversteher.com.

Adrians Eltern haben die Frage aller Fragen mit einem Nein beantworten: Muss mein Kind aufs Gymnasium?

Dabei könnte der 12-Jährige durchaus ein Gymnasium besuchen. Die Eltern aber entschieden sich für jene Schulform, die gerade das deutsche Bildungssystem erobert: die Gemeinschaftsschule. Dort lernen alle Kinder gemeinsam. Und der Deutschen liebster Abschluss wird sanft erreicht, selbstbestimmt. Ein "Slow Abi" sozusagen.

"In der normalen Schule bauen die Lehrer Druck auf, indem sie Prüfungen schreiben lassen und Noten geben", sagt Adrian. "Bei uns ist das ganz anders. Da bauen wir Schüler den Druck auf - wenn wir das wollen." Er wird in einigen Jahren einer der neuen Abiturienten sein, an der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe.

Bundesweit erlebt die Gemeinschaftsschule einen Höhenflug - was einer Bildungsrevolution gleich kommt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der "Schulen für alle" laut Statistischem Bundesamt mehr als verdreifacht: von knapp 670 Schulen im Jahr 2007 auf mehr als 2100 im vergangenen Schuljahr. Zum Vergleich: Es gibt in Deutschland 3100 Gymnasien.

Die Bildungsrepublik verändert sich grundlegend

Den Anfang machte im Jahr 2005 Schleswig-Holsteins damalige Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), indem sie das Tabu der Kultusminister brach und die gegliederte Schule infrage stellte. Sie ließ die Gemeinschaftsschule entwickeln - und gleichzeitig Haupt- und Realschulen auflösen. "Wir brauchen ersetzende Schulformen für Schularten, die sich überlebt haben", begründete der Erfinder der Gemeinschaftsschule, der Schulforscher Ernst Rösner, den Wechsel.

So setzte sich die Gemeinschaftsschule erst in Schleswig-Holstein durch, dann folgten Berlin und das Saarland, auch Sachsen-Anhalt und Thüringen führten sie ein, inzwischen breiten sich die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg aus. In Hamburg und Bremen finden sich ganz ähnliche Stadtteilschulen und Oberschulen.

So wird Wirklichkeit, was bereits in den Siebzigern als Gesamtschulreform geplant war und in einen erbitterten Schulstreit mündete: die Ablösung des dreigliedrigen Schulsystems. Während die Gemeinschaftsschulen boomen, schrumpfen Haupt- und Realschulen unaufhaltsam vor sich hin: Die Zahl der Realschulen sank seit 2007 um ein Drittel, die der Hauptschulen sogar um die Hälfte.

Die Bildungsrepublik verändert sich damit grundlegend. Nur blieb das lange unbemerkt, weil die meisten nur auf den Abiturboom und den Hauptschultod blickten - seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 verdoppelte sich die Zahl der Abiturienten, und die Hauptschulen verloren etwa 725.000 Schüler.

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Was ist neu an den Gemeinschaftsschulen? Schüler werden nicht mehr nach Leistung getrennt, sondern lernen im gleichen Klassenzimmer. Es wird also anders gelernt - selbständig und möglichst individuell.

"Die Schüler erwartet eine Welt, in der sie eben nicht immer gesagt bekommen, was sie zu tun haben", sagt Micha Pallesche, der Leiter der Ernst-Reuter-Schule. "Die Schüler müssen sich selbst organisieren. Sie müssen versuchen, eigenständig zu arbeiten, indem sie kreativ werden und sich kollaborativ Teams zusammenstellen." Und in den Worten Adrians: "Ich kann mir meine Leistungsstufe selbst aussuchen, indem ich in einem Fach das gymnasiale Niveau wähle."

Nicht Fächer, sondern Freiheit

Die wohl experimentellste unter den Gemeinschaftsschulen liegt in Berlin. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum organisiert ihr Lernen nicht nach Fächern, sondern nach dem Freiheitsgrad ihrer Schüler. In "Lernbüros" bestimmen die Schüler das Tempo ihres Lernens, in den "Pulsaren" der Oberstufe entscheiden sie sogar über das Thema, das sie erforschen wollen. Die evangelische Gemeinschaftsschule hat bereits mehrere Abiturjahrgänge entlassen, deren Leistungen sich nicht vom Durchschnittsabitur an Berliner Gymnasien unterscheiden.

So weit sind noch nicht alle Gemeinschaftsschulen. Viele bekommen erst nach und nach eine Oberstufe - die aber ist essenziell für die Mischung. Eltern, die ihr Kind an einer der neuen Schulformen anmelden wollen, sollten darauf achten, dass es eine Oberstufe gibt oder ob zumindest eine Kooperation mit einem Gymnasium existiert.

Am wichtigsten ist jedoch der Blick auf den Lernstil der Schule: Wird dort individuell gelernt - oder spielen nach wie vor Noten und Gleichschritt die entscheidende Rolle? Gibt es Lernbüros oder Lernateliers, in denen die Schüler selbst entscheiden, was und wie sie lernen?

So oder so: Die neue Schulwelt wird offener - und spannend. Nicht nur für Adrian.

insgesamt 126 Beiträge
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moellij 02.10.2018
1. Gesamtschule?
Bei uns heißt das Gesamtschule, wenn ich das hier richtig interpretiere, dann ist das wohl das Gleiche? Wenn ja, wir haben für unsere Tochter damals auch diesen Weg gewählt, da sich die Lehrer damals uneins waren, ob sie oberstufentauglich war oder nicht. Inzwischen tobt sie glücklich durch die Oberstufe, betont aber immer wieder, dass das Maß an Eigenverantwortung gegenüber der bisherigen Schulzeit enorm wäre.
gangker2 02.10.2018
2. 50 Jahre alter Hut...
Sooooooo neu sind "Gemeinschaftsschulen" nicht gerade. Die ältesten IGSen in Niedersachsen feiern demnächst ihr fünfzigjähriges Bestehen...
musik72 02.10.2018
3. Die Qualität der Ausbildung der Kinder hängt an den Mitschülérn
.. wer studiert hat und auf einer guten Schule war, weiß, wie wichtig nicht nur die Lehrer und das Konzept, sondern vor allem die Mitschüler sind - sie bestimmen das Niveau des Unterrichts. Gute Mitschüler, hohes Niveau! Das sehe ich an meinen Kindern - mittelgute Schule, mittelhohes Niveau. Kinder von Freunden - bessere Schule, höheres Niveau, bessere Mitschüler.
gssz 02.10.2018
4.
"Die evangelische Gemeinschaftsschule hat bereits mehrere Abiturjahrgänge entlassen, deren Leistungen sich nicht vom Durchschnittsabitur an Berliner Gymnasien unterscheiden." --> Nun ja. Das heißt gar nichts. Das wäre gut, falls das Abitur in Berlin ein hohes Niveau hätte. Da es das aber nicht hat ist das doch eher negativ (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/studium-und-nc-abiturnoten-sind-ungleich-in-deutschland-a-1044518.html). Von einem neuen System würde ich mir eher erwarten, daß es das Ausbildungsniveau anhebt. Aber wenn es nur das gleiche niveau mit größerem Aufwand erreicht ... tja ..
Supi123 02.10.2018
5. Gymnasium vs Gemeinschaftsschule
Ich kann den Tenor dieses Berichtes nicht nachvollziehen. Im Saarland gibt es kein dreigliedriges Schulsystem mehr, nur noch Gymnasium und Gemeinschaftsschule mit der Folge, dass das Niveau auf dem Gymnasium sinkt und sinkt und sinkt. Warum? Viele Eltern schicken ihre Kinder eben nicht auf die "tolle" Gemeinschaftsschule, obwohl das Kind vom Intellekt auf dem Gymnasium überfordert ist. Der Grund dafür ist, dass die Eltern dem sozialen Umfeld der Gemeinschaftsschule aus dem Weg gehen wollen und für ihr wohl behütetes Kind ein "sozial verträglicheren" Umgang wollen. O- Ton einer Mutter:"Auf der Gemeinschaftsschule nimmt mein Kind in 3 Monaten Schimpfwörter in den Mund, die es jetzt noch gar nicht kennt. Da versuche ich mein Kind solange wie möglich auf dem Gymnasium zu halten."
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