Geografie in echt Die letzten Universalisten

Stadtplaner, Ökologe, Tourismusexperte oder Entwicklungshelfer? Simon Runkel, 22, könnte mit seinem Geografie-Studium in viele Berufe einsteigen. Das Problem dabei ist bloß: Irgendwann muss er sich entscheiden.


Läuft man über den Campus, kann man genau unterscheiden, wer Politik studiert und wer mit BWL sein Glück versucht. Steht man hingegen vor dem Fachbereich Geografie, denkt man sich wahrscheinlich: "Und ihr seid alles Geografen?!"

Geografie-Student Simon Runkel: Von allem ein bisschen

Geografie-Student Simon Runkel: Von allem ein bisschen

Geografen sind schwierig zu beschreiben, zu unterschiedlich die Charaktere. Da sind die Bio-Nerds, die schon immer Schmetterlinge und ihren Kräutergarten im Sinn hatten. Oder die Leute von der Jack Wolfskin-Fraktion, die von Supervulkanen und glazialen Serien schwärmen, oder Klimatologen oder Tourismusexperten. Andererseits hört man oft: "Ja, ich dachte mir, ich mache was in Richtung Entwicklungshilfe." Und dann gibt es diejenigen, die mit Wirtschaftsgeografie später groß punkten wollen.

Geografie hat nichts mehr mit der verstaubten Landeskunde zu tun. Geografie untersucht die Automobilindustrie in Shanghai, die bodenwühlenden Kleinsäuger in der Mongolei, die Küstenentwicklung in Dubai oder die lufthygienische Situation in Nordrhein-Westfalen. Geografen sollten sich für alles im Ansatz interessieren können. Sie sind Planer, Businesspeople, Ökologen, Ingenieure, Geomorphologen. Geografie ist der Hotspot in der Verwerfung zwischen Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften. Hier bekommt man das globale Wissen und lernt den Planeten lieben.

Geografie ist die Mutter der Wissenschaft, sagte Kant. In der Geografie werden (noch) Humboldtianer ausgebildet, die von allem ein bisschen können. Allerdings haben Universalgenies nach dem Studium wenig Chancen auf einen Job; so muss man sich doch ein wenig spezialisieren, auf die physische oder die anthropogene Geografie. Die Entscheidung fällt schwer, muss aber erst nach dem Grundstudium getroffen werden. Bis dahin gilt es überall zu bestehen, ob Bodengeografie oder Geografie der Dienstleistungen.

Das ist die Herausforderung: Zwischen den Fächern umschalten zu können, sich immer wieder auf etwas Neues einzulassen. Meistens gibt es auch viele Nebenfächer, die nicht unwichtig sind. Dabei ist von BWL bis Zoologie, von Botanik bis Psychologie alles vertreten. Gewöhnlich sind 10 bis 15 Fächer zugelassen.

Sich nach und nach entscheiden zu können, ist die Chance, die einem das Geografiestudium bietet. Allmählich entwickelt jeder Student einen Schwerpunkt, der sich oft an den Forschungsinteressen der Professoren orientiert. Diese unterstützen einen weitgehend. Die Stimmung bei uns in Marburg ist familiär, die Professoren sind nah an den Studenten.

Traurigerweise schreitet die Spezialisierung der Bildung weiter fort, Bachelor- und Master-Studiengänge werden eingeführt. Je einzigartiger der Studiengang, desto besser. Auch die Geografie kann sich dem nicht entziehen. Vielerorts wird diskutiert, ob die Geografie dadurch in zwei Teile zerfällt. Dennoch freue ich mich, ein Fach zu studieren, dass eine lange Forschungstradition hat und interdisziplinär ausgerichtet ist: Ich bin stolz, ein Humboldtianer zu sein."

Simon Runkel

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