Videospiele für Kinder "Computer machen weder dumm noch krank"

Videospiele haben einen schlechten Ruf. Warum eigentlich? Psychotherapeut Georg Milzner meint: Sie helfen Kindern, in der Welt von morgen zurechtzukommen.

Ein Interview von

"World of Warcraft": Noch lange kein Grund zur Sorge

"World of Warcraft": Noch lange kein Grund zur Sorge


Zur Person
  • privat
    Georg Milzner ist Diplompsychologe und betreibt als Psychotherapeut eine eigene Praxis. Seit vielen Jahren arbeitet er mit Kindern und Jugendlichen und erforscht den Einfluss der digitalen Medien auf den Menschen. Der Vater von drei Kindern ist Autor mehrerer Bücher; er lebt und arbeitet in Münster und in Düsseldorf.
SPIEGEL ONLINE: Glaubt man einigen Pädagogen, Hirnforschern und Pädiatern, schadet kaum etwas unseren Kindern so sehr wie der Konsum digitaler Medien. Ist die Sorge berechtigt?

Milzner: Jede technische Neuerung ist unheimlich. Als die Eisenbahn erfunden wurde, fürchteten sich die Menschen vor der hohen Geschwindigkeit. Dann kam das Auto, und sie hatten Angst, dass bei schneller Fahrt die Augäpfel aus den Höhlen fliegen könnten. Im 19. Jahrhundert galt sogar Lesen als schädlich, später dann nur noch das Lesen von Comics. Neu an den digitalen Medien ist das Tempo, mit dem sie jeden Bereich unseres Lebens erobern. Den Eltern von heute fehlt das Genauso-war-ich-auch-Gefühl - während sie der erste Vollrausch des Sprösslings vielleicht noch an ihren eigenen erinnert. Das erzeugt Unruhe.

SPIEGEL ONLINE: Schadet es wirklich nicht, wenn ein 15-Jähriger tagelang "World of Warcraft" spielt?

Milzner: Doch, aber nur, wenn er nichts anderes macht. Solange das Leben reichhaltig bleibt, machen Computer weder dumm noch krank. Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder begleiten. Mit 15 ist es dafür zu spät, aber wenn Sie mit jüngeren Kindern auch gemeinsam am Computer spielen, bringt das mehr als reine Verbote. Natürlich sollten Eltern ihrem Kleinkind kein Smartphone in die Hand drücken, um es ruhigzustellen. Aber warum nicht auf dem Handy ein Filmchen anschauen und danach das Gesehene mit Duplo-Steinen nachbauen? Wichtig ist, die Ebene zu wechseln, andere Sinne anzusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Beschränkungen sind notwendig?

Milzner: Bei uns zu Hause gilt: keine Bildschirmgeräte, bevor die Hausaufgaben gemacht sind; und auch keine Computerspiele mehr nach halb acht Uhr abends. Aber nach exakt 30 Minuten ein Spiel beenden zu müssen, ist unrealistisch. Sie hören doch bei einem spannenden Roman auch nicht mitten im Satz auf zu lesen. Spiele haben eigene Sinneinheiten. Auch die WhatsApp-Gruppe der Schulklasse ist okay, aber bei jüngeren Kindern sollten die Eltern mitlesen.

SPIEGEL ONLINE: Verlieren die Kinder nicht wichtige Kompetenzen, wenn sie mehr daddeln, als dicke Bücher zu lesen?

Milzner: Einem Literaturprofessor mag das so erscheinen. Unsere Kinder müssen aber in der Welt von morgen zurechtkommen, und die wird anders sein als die, in der wir groß geworden sind.

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
anron 08.02.2016
1. Psychologie
mit gesunden Menschenverstand. Ich bin ehrlich beeindruckt!
DavidP 08.02.2016
2.
Spiegel Online benutzt für die Einleitungstexte ständig die selben Phrasen. Warum eigentlich?
allesamt 08.02.2016
3. Fehl für Beziehungen
Computer machen weder dumm noch krank, wenn "... das Leben reichhaltig bleibt..." Ja, wenn Eltern es schaffen, ihren Kids ein Leben mit guten geistigen, seelischen und körperlichen Einflüssen (wobei sich die Kinder auch eigene Schwerpunkte setzen sollten) gestalten - dann dürften Computer Kinder weder dumm noch krank machen. Ein Zuviel am Computer ist allemal negativ für die Entwicklung eines Kindes. Aber wie viel Prozent der Kinder genießt schon die weitschauende und kluge Begleitung am Computer durch die Eltern? Leider dient der PC plus Smartphone als Ersatz für Spielen, Kommunikation in der Familie und Freundeskreis. Insofern ist der Computer ein Plus für eine Minderheit, für die meisten Kinder und Jugendlichen bedeutet er ein Fehl an zwischenmenschlichen Beziehungen.
SarahMue 08.02.2016
4. Wow
Ein vernünftiger Mensche der unaufgeregt und logisch argumentiert. Bei diesem Thema ist das eine Seltenheit. Leider gibt es noch immer sehr viele Menschen die glauben, dass Computerspiele das Böse schlechthin sind. Ein Großteil dieser Leute hat nie selbst gespielt. Wenn mal wieder ein Verrückter in den USA Amok läuft, wird man wieder reflexartig darauf verweisen, dass er Spiel XY gespielt hat. Natürlich ist er nur Amok gelaufen weil er zu lange Doom gespielt hat. Seine psychische Erkrankung, das Waffenrecht, mangelnde Austiegschancen und soziale Ausgrenzung haben natürlich absolut nichts mit seiner Tat zu tun...hust...
maxzweistein 08.02.2016
5. Dürr, undifferenziert und verharmlosend...
... ist dieses Mini-Interview über ein sehr komplexes Thema. Allein der Vergleich zu Technologieängsten vergangener Jahrhunderte ist geradezu polemisch, schließlich beruhen die Bedenken gegen Computerspiele und Internet auf wissenschaftlichen und teils sogar empirischen Untersuchungen, nicht nur auf unausgegorener Angst gegenüber allem Neuem. Klar besteht bei ausgewogener Nutzung meist kein Problem, aber bei vielen Kindern und Jugendlichen (und auch Erwachsenen!) eben schon. Und dass Rumdaddeln Kompetenzen für eine Medienwelt der Zukunft schaffen ist eine steile These, die wahrscheinlich in keiner Form wissenschaftlich begründbar ist. Wer sich differenzierter über das Thema informieren will, dem empfehle ich einen Artikel von Manfred Spitzer: http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kliniken/Psychiatrie/Psychiatrie3/PDF/Spitzer_2014_PsycholRundschau_ReplikAppel_03.pdf
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