Gerichtsurteil Auch muslimische Mädchen müssen Sexualkunde lernen

Eine streng muslimische Erziehung ist kein Grund für eine Freistellung vom Biologieunterricht, wenn Sexualkunde auf dem Lehrplan steht. Das haben Hamburger Richter im Fall von zwei 14 und 15 Jahre alten Mädchen entschieden. Islamische Verbände begrüßten das bemerkenswert deutliche Urteil.

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Dass ihre beiden Töchter am Sexualkunde-Unterricht teilnehmen sollten, wollte eine türkische Mutter aus dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg nicht hinnehmen. Der Sexualkundeunterricht werde die beiden Neuntklässlerinnen in schwere Gewissenskonflikte stürzen, argumentierte die Mutter. Denn Sexualität finde im Islam nur in der Ehe statt, und deshalb gebe es vorher auch keinen Bedarf, muslimische Schülerinnen darüber aufzuklären.

Muslimische Schüler (in Berlin): Staat contra Eltern
DDP

Muslimische Schüler (in Berlin): Staat contra Eltern

Bei der Schule beantragte sie zunächst die Befreiung von der Sexualkunde - erfolglos. Dann klagte sie. Doch das Hamburger Verwaltungsgericht entschied jetzt, das Schulgesetz verpflichte alle Schüler zur Teilnahme am Biologieunterricht, auch wenn Sexualkunde auf dem Stundenplan stehe. Eltern könnten darüber nicht frei entscheiden.

Wie die Richter ausführten, können Schulen zwar Schüler "aus wichtigem Grund" von der Teilnahme an einzelnen Unterrichtsveranstaltungen befreien; auch gewähre das Grundgesetz die Glaubensfreiheit, das Recht der ungestörten Religionsausübung sowie das Erziehungsrecht der Eltern. Dafür gebe es jedoch Einschränkungen. So sei der Erziehungsauftrag des Staates dem Erziehungsrecht der Eltern gleichgestellt: "Die Relevanz der Sexualität und der sexuellen Aufklärung sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft begründen ein berechtigtes Interesse an einer die elterliche Erziehung ergänzenden Behandlung des Themas im schulischen Unterricht."

Gericht will Erziehung zur Mündigkeit

Abstriche "von einer absolut gesetzten Weltanschauung" müssten die Eltern hinnehmen, so die Hamburger Richter. Sie wurden in der Urteilsbegründung noch deutlicher: Der Elternverantwortung werde eine Erziehung nicht gerecht, "die unter Berufung auf religiöse Dogmen bereits bloßes Wissen vorenthalten will". Es sei ein legitimes staatliches Erziehungsziel, Kindern durch Aufklärung die Chance zu vermitteln, "eine eigenverantwortliche denkende und handelnde Persönlichkeit zu werden". Zudem habe die Allgemeinheit ein berechtigtes Interesse, der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten "Parallelgesellschaften" entgegenzuwirken, und eine Unterrichtsbefreiung fördere gerade das Gefühl der Andersartigkeit.

Grafik: Anteil muslimischer Schüler
DER SPIEGEL

Grafik: Anteil muslimischer Schüler

Auch das Kindeswohl sieht die Kammer nicht gefährdet. Zwar könnten "nicht unerhebliche Probleme" entstehen, wenn die Schülerinnen sich zwischen Loyalität zur Mutter mit ihren "rigiden weltanschaulichen Standards" und den Anforderungen im Unterricht hin- und hergerissen fühlten. Aber die Mutter habe es selbst in der Hand, den "weltanschaulich-religiösen Druck" auf ihre Töchter zu mindern (Aktenzeichen 15 VG 5827/2003).

Die Hamburger Bildungsbehörde sieht in dem bemerkenswert klaren Urteil eine Erleichterung für Lehrer in Diskussionen mit Eltern. "Das ist sehr hilfreich", so Bildungssenator Reinhard Soltau (FDP). Schulleiter zeigten sich erleichtert, auch die Türkische Gemeinde in Deutschland begrüßte die Teilnahmepflicht. "Die Entscheidung ist richtig", sagte der Vorsitzende Hakki Keskin. Es gäbe ein Chaos, wenn jeder seine eigenen Regeln aufstelle. "Das wäre ein Fass ohne Boden", so der Professor.

"Nicht den Islamisten nachgeben"

Ähnlich äußerte sich Ahmet Yazici, stellvertretender Vorsitzender der islamischen Gemeinden Norddeutschlands: "Wir leben in diesem Land, unserer Wahlheimat." Es sei selbstverständlich, den geltenden Regeln und Gesetzen zu folgen. "Der Islam eröffnet den Moslems keine Möglichkeit, sich Parallelgesetze zu schaffen", betonte Yazici und verwies darauf, dass es auch nicht religiöse Eltern gebe, die Besonderheiten für ihre Kinder durchsetzen wollten. Man solle sich davor hüten, "bestimmte Macken" nur Moslems zuzuschreiben.

Allein in Hamburg leben rund 130.000 Menschen muslimischen Glaubens. Obwohl sich die beiden Vertreter islamischer Organisationen jetzt zum Hamburger Urteil einig gaben, gehen die Ansichten zum Schulalltag weit auseinander. So berichtete das "Hamburger Abendblatt" kürzlich über die Schule Slomanstieg, wo 80 Prozent der Schüler Migrantenkinder sind und strenggläubige Muslime zum Beispiel versuchen, ihre Töchter vom Schwimmunterricht fernzuhalten.

Für Hakki Keskin von der Türkischen Gemeinde ist die Sache klar: Die Schule sollte sich nicht auf einzelne Wünsche einlassen, auch nicht im Hinblick auf den Sportunterricht. "Wenn man Islamisten nachgibt, wird irgendwann nicht nur beim Schwimmen nach Geschlechtern getrennt unterrichtet", so Keskin. Ahmet Yazici dagegen plädierte dafür, die "Ängste und Sorgen einer frommen Minderheit" ernst zu nehmen. "Das Grundgesetz ist Gesetz. Aber Lehrpläne sind verhandelbar", so Yazici.

Zwist auch mit christlichen Eltern

Ähnliche Konflikte wie in Hamburg gibt es auch in anderen Städten mit einem hohen Einwandereranteil. So steigt in Berlin die Zahl muslimischer Eltern, die ihre Töchter aus religiösen Gründen vom Sport- oder Biologieunterricht abmelden oder nicht an Klassenfahrten teilnehmen lassen wollen. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hält das für ein "drängendes Problem". "Mitschüler interpretieren das oft als Signal für den Rückzug aus der Klassengemeinschaft, Integrationsbemühungen werden so häufig zunichte gemacht", sagte Böger der "Berliner Zeitung".

Familie Bauer: Gegen "sexuelle Freizügigkeit"
DPA

Familie Bauer: Gegen "sexuelle Freizügigkeit"

Streit um die Sexualkunde gibt es übrigens nicht nur mit muslimischen Eltern. In den siebziger Jahren waren die Lehrinhalte überall umstritten, und wo streng christliche Lehrer unterrichten, wollen sie sich nicht immer an die Lehrpläne halten - wie im Jahr 2002 jene Nonnen im bayerischen Auerbach, die an einer Realschule vermeintlich anstößige Kapitel kurzerhand aus dem Biologiebuch herausrissen.

Und in Hessen weigerten sich unlängst bibeltreue Eltern, ihre fünf schulpflichtigen von insgesamt acht Kindern in eine staatliche Schule zu schicken. Das Ehepaar Bauer nahm Anstoß daran, dass die Schüler zu "sexueller Freizügigkeit" erzogen würden und dass statt der Schöpfungsgeschichte ausschließlich die Evolutionslehre gelehrt werde. Um ihre Kinder "keusch und rein zu erziehen, wie es die Bibel vorgibt", unterrichtete die Mutter fortan selbst. Das Landgericht Gießen urteilte allerdings, die Schulpflicht gelte für alle - auch für die Kinder streng religiöser Eltern.



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