Ganz harte Schule ... und ständig Geschenke für die Lehrerin

Pling! Eine E-Mail der Elternvertreterin hat Folgen: Alle Eltern antworten in die Runde, alle entscheiden mit. Und am Ende kriegt die Lehrerin wieder irgendwas geschenkt.

Eine Eltern-Kolumne von

Corbis


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

121 E-Mails sendet und empfängt ein Büroangestellter im Schnitt an jedem einzelnen Arbeitstag. Acht Arbeitsstunden pro Woche gehen für das Schreiben und Beantworten von E-Mails drauf, vier davon unnötigerweise, haben Marktforscher und Unternehmensberater ermittelt. Wie sich die Einschulung von Kindern auf die E-Mail-Postfächer der Eltern auswirkt, hat offenbar noch niemand untersucht. Erstaunlich. Denn aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Erst mit schulpflichtigen Kindern wissen Sie, was es heißt, in E-Mails zu ertrinken.

Ob Schulausflug oder Grillnachmittag: Irgendeinen Anlass gibt es immer für eine Mail von Eltern an Eltern. Da schlägt zum Beispiel die Elternvertreterin vor, jedes Kind möge der Lehrerin zum Geburtstag eine Blume mitbringen. Eine schöne Idee. Finden alle. Und etwa 15 der 24 Eltern tun dies auch per Rundmail kund. Nun folgen abwechselnd weitere Vorschläge für die Geburtstagsfeierlichkeiten und Lob für das Engagement der anderen:

"Ich bringe eine Vase mit."

"Ich kaufe eine Karte, da dürfen alle Kinder unterschreiben."

"Ich komme mit Akkordeon. Dann können die Kinder ein Ständchen singen."

"Toll, wir Eltern kommen auch. Wir singen mit."

"Super, wie ihr das alles organisiert."

"Ich backe einen Kuchen."

"Schade, kann nicht dabei sein, bin auf Dienstreise."

Staunend klicke ich mich durch eine Mail nach der anderen. Muss das sein? Unbedingt, lerne ich von einer Kollegin, die gerade der Auftrag ereilt hat, Erdbeeren und "zwei gute Flaschen Champagner" für die Lehrerin der Tochter zu kaufen. Seit sie Elternvertreterin sei, besorge sie ständig Geschenke für die Lehrerin, berichtet sie: zum Geburtstag, zu Weihnachten, zum Ende des Schuljahres, nach einer Klassenfahrt.

Streng genommen ist das Bestechung, zumindest der Champagner. Lehrer dürfen nur Geschenke von begrenztem Wert annehmen. Aber es ist doch nur nett gemeint, oder?

Vielleicht möchten die Eltern den Lehrern ihrer Kinder tatsächlich nur ihre Anerkennung zeigen. Sie erwarten für ihre Präsente sicher keine konkrete Gegenleistung, wie etwa gute Deutschnoten. Aber vielleicht gibt es die unbewusste Hoffnung, der Lehrer möge seinerseits auch nett sein - etwa wenn Eltern beim Matheunterricht mitbestimmen wollen? Der Grat zwischen freundlich/hilfsbereit und anbiedernd/aufdringlich ist schmal.

Manche Eltern können ihre Kinder auch einfach nicht gut loslassen - besonders in der Schule nicht. Sie sind extrem engagiert und wollen am Erfolg ihrer Söhne und Töchter mitwirken - und sei es über E-Mails und Geschenke. Hauptsache, präsent sein.

Wie weit das gehen kann, habe ich schon kurz nach der Einschulung erlebt - per E-Mail. Eine Mutter kündigte in der virtuellen Eltern-Community an, dass sie künftig den Matheunterricht mitgestalten werde. Begründung: Die Leistung klaffe bei den Schülern so weit auseinander. Ihr Kind langweile sich, und nicht nur ihres.

Pling, pling, pling poppten weitere E-Mails auf. Wahlweise empfanden die Eltern den Vorstoß als "völlig unzulässige Einmischung in die Angelegenheiten der Lehrerin" oder auch "eine richtig nette Idee". "Toll, dass du dich so engagierst!"

Fast hätte ich auch eine E-Mail geschrieben. Aber ich hatte keine Zeit. Ich musste mit meiner Tochter noch ein Geschenk basteln. Für die Lehrerin.

Zur Person
  • Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Mit ihren drei Kindern (9, 16 und 20 Jahre) sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
reflexxion 26.03.2016
1. verrückte Schulwelt
Das war bei uns aber ganz anders und viel unkomplzierter. Bei uns brachte die Klassenlehrerin an ihrem Geburtstag einfach selbst Kuchen für uns Kinder mit, nichts besonderes -schlichte Hausmannskost wie Streusselkuchen auf Backblech. Natürlich haben wir Kinder dann noch was gesungen, aber auf deutsch - kein peinliches Happy Birthday. So schlecht war die Zeit kurz nach Ku'damm 56 also gar nicht. Das bezieht sich auf die Grundschule, am Gymnasium gabs da so weit ich mich erinnere keine Aktionen.
metbaer 26.03.2016
2.
Wann immer ich nachdenke, ob ich Kinder möchte, kommt auf die Liste der Contra Argumente, dass ich mich in ein paar Jahren mit diesen hysterischen Helikoptereltern rumärgern müsste. Wenn ich das alleine lese, könnte ich ausrasten...
echtzeitjh 26.03.2016
3. Auch LehrerInnen betroffen
Leider belassen es die Helikoptereltern nicht bei der ausufernden Kommunikation innerhalb der Elternschaft sondern nehmen auch die Lehrkräfte in Beschlag. Regelrechte E-Mail-Salven werden abgeschossen mit der ausdrücklichen Bitte um schnelle Beantwortung seitens der Pädagogen. Und wenn man dann nicht schnell genug antwortet geht sofort eine E-Mail an die Schulleitung raus ("Der Lehrer XY antwortet nicht auf meine E-Mails! Diszi-Verfahren! Sofort!") Jedem Elternteil sollte vor jedem Schuljahr folgende Botschaft auf den Weg gegeben werden: "Bitte schreiben/telefonieren Sie mit den Lehrkräften nur, wenn es wirklich wichtig ist. Klären Sie innerhalb der Elternschaft gemeinsame Positionen BEVOR sie die Lehrkräfte behelligen. Das gleiche gilt übrigens auch für viele andere Lebenslagen/Berufe...
ford_mustang 26.03.2016
4. Privat ...
und Schule wird teilweise zu sehr vermengt. Mails sind an sich eine gute Sache, aber bei uns ist das eher so, dass dieser unwichtige Müll gesendet wird, nur wenn mal was wirklich Wichtiges ist, dann kommt meist gafnichts. Dann will Keiner der Überbringer der schlechten Nachricht sein gewesen sein.
R.Ts 26.03.2016
5. Ein Kugelschreiber
Lehrer dürfen nur Dinge als Geschenk annehmen, die zu einem Kugelschreiber äquivalent sind. Und da gibt es schon heftige Probleme, wenn man dieses Kugelschreiberäquivalent 30 mal (also einmal je Schüler) annimmt. Kaum ein verbeamteter Lehrer(in) würde 30 gekaufte Blumen annehmen. Man denke etwa an den einen Fall in Berlin (?), wo der Elternbeirat gemeinsam eine Dekofigur für insgesamt ca. 100 Euro gekauft hat. Paar Monate später war ein liebenswerter Vater nicht mit den Noten seines Sohne einverstanden --> Anzeige, Verurteilung, mehrere Tausend Euro Strafe....
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