Kampf gegen Populismus Darum sollte Geschichte Hauptfach werden

Geschichte ist langweilig? Von wegen. Deutschlands Schüler sollten in dem Fach mehr Unterrichtsstunden bekommen. Gerade in diesen Zeiten.

Populisten auf einer Demo
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Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, 44, unterrichtet an einem Berufskolleg in NRW. Er ist zudem Autor verschiedener Bücher. In seinem Roman "Nicht von dieser Welt" geht es um einen Lehrer, der analog lebt und an der Gesellschaft scheitert.
  • www.arneulbricht.de

Früher war alles besser? Die Qualität des Geschichtsunterrichts sicher nicht: Lehrer standen vor der Klasse und monologisierten. Oft verknüpften sie die Sätze mit "und dann". Mehr Frontalunterricht ging nicht. Hängen geblieben ist dabei praktisch nichts.

Die Quantität war jedoch tatsächlich besser. Den ersten Geschichtsunterricht erhielt man in der fünften, spätestens in der sechsten Klasse, die letzte Geschichtsstunde unmittelbar vor dem Abitur. Heute ist das in vielen Bundesländern nicht mehr so.

Laut Landeslehrerverband sieht die Situation im einwohnerstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen, aber auch in Brandenburg und Rheinland-Pfalz, besonders düster aus; hier kann man mit beschämend wenig Geschichtsunterricht bis zum Abitur kommen. Der Verband, dessen Vorsitzender Ulrich Bongertmann unlängst vor dem Verschwinden des Fachs Geschichte gewarnt hat, fordert daher "mindestens zwei Stunden Geschichte in jedem Jahrgang" und die Etablierung des Fachs als "Hauptfach mit wenigstens drei Stunden pro Schuljahr in der Gymnasialen Oberstufe".

Diese Forderung ist nicht übertrieben, sondern absolut berechtigt und die bundesweite Umsetzung dringend notwendig. Denn Schüler sollten sich nicht nur, sie müssen sich mit (deutscher) Geschichte auskennen.

Denn wer sich einmal im Unterricht mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt hat, der wird gewiss keine rechtsradikalen Parteien wählen, die Flüchtlinge zum Feindbild erklären oder Zäune bauen wollen; ihm wäre nämlich bekannt, wie viele Menschen im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen (!) und wie viele aus politischen Gründen während des Dritten Reichs allein aus Deutschland geflohen sind. Die aktuelle Krise würde sicher anders eingeordnet werden und das schrille Panikgeschrei all derjenigen, die das drohende Ende Deutschlands heraufbeschwören, würde wohl großenteils verpuffen.

Mit geschichtspolitischer Bildung gegen die Unwissenheit

Neben den (muslimischen) Flüchtlingen gibt es eine Instanz, der gern die Schuld am bevorstehenden Untergang der westlichen Zivilisation gegeben wird: der Europäischen Union! Dem wäre nicht so, gäbe es eine breite geschichtspolitische Bildung. Wer sich im Unterricht mit der deutsch-französischen Geschichte, die jahrhundertelang durch Hass geprägt war, befasst hat, der begreift, dass die Europäische Union eigentlich ein Wunder ist. Vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege ist diese Union sogar eine Art Weltwunder, das man gern kritisieren darf, das es aber unbedingt zu bewahren gilt.

Das Problem all der Unwissenheit ist: Eine antieuropäische Grundhaltung, die Ablehnung ganzer Menschengruppen in Kombination mit dem Hang zum Extremnationalismus, wie wir ihn momentan nicht nur in Russland, Ungarn und der Türkei, sondern auch bei uns erleben, ergeben genau das Gebräu, das den Kontinent in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vergiftet hat.

Bunter, spannender und vor allem durchgehender Geschichtsunterricht ist dagegen das wirkungsvollste Mittel. Und dieser Geschichtsunterricht muss von ausgebildeten Fachlehrern unterrichtet werden - nicht von Vertretungslehrern und nicht von Geografielehrern, die Geschichte irgendwie noch nebenbei abdecken.

Ich selbst kann mich nicht beklagen. Zumindest was die Quantität des Geschichtsunterrichts an meiner Schule angeht. An meinem Berufskolleg (in NRW!) unterrichte ich bis zum Abitur zwei Stunden pro Woche. Was die Qualität angeht, so scheint es aber noch Luft nach oben zu geben: Während ich neulich den Schülern begeistert von der Entstehung der deutschen Verfassung und der Bedeutung der Gewaltenteilung für eine funktionierende Demokratie erzählt habe... ist ein Schüler tief und fest eingeschlafen.

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
ulrich_loose 22.09.2016
1. In diesen Zeiten?
Doll heißen in den Zeiten des Regierungs-populismus, des Links-Populismus, des Grün-Populismus, des Rechts-Populismus? Ja, die aktuelle Zeitgeschichte sollte Berücksichtigung finden. Problem dürfte nur sein, dass von Politikern, über Lehrern bis hin zu eben der Presse, die Grundeinstellung des jeweiligen Vortragenden großen Einfluss hat und eben meist auch populistisch ist. Aus meiner Sicht, wäre Selbstdenken das wichtigste Ziel das ein jeder Bürger erlernen sollte.
Newspeak 22.09.2016
2. ...
Mal wieder ein Beitrag XXX muß Hauptfach oder Unterrichtsfach werden. XXX ist für den Manager Wirtschaft, für den Imam Islamkunde, für den Geschichtslehrer, wen wundert's, Geschichte. Nur, auch ein Hauptfach Geschichte wird nichts daran ändern, wenn der Unterricht schlecht ist. Dann langweilt man die Schüler nur zwei Stunden länger die Woche. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß Geschichtsunterricht sehr oft schlecht war. Ein ewiges Nachplappern dessen, was in einem Buch steht. Von Meinungen, die nicht die eigenen sind. Ein ewiges Auswendiglernen von Daten ohne jeden persönlichen Bezug zum eigenen Thema, oder zur Lebenswelt der Schüler. Ein ewiges sonores und altväterliche-belehrendes Gequatsche seitens des Geschichtslehrers. Das alles wird auch ein Hauptfach Geschichte nicht ändern. Eher vielleicht im Gegenteil schafft es die Schule auch hier, so wie im Kunst-, Sport- und Literaturunterricht, Schüler für ihr Leben lang von einem Thema oder einer Beschäftigung fernzuhalten, aufgrund der schlechten Erfahrungen damit in der Schule.
mathmag 22.09.2016
3. Und was soll das bringen?
Also die Theorie dahinter verstehe ich schon. Nur werden doch auch jetzt schon sämtliche historischen Lektionen von den Agierenden / Regierenden fleißig ignoriert. Und die sollten doch nach dem Artikel besseren Geschichtsunterricht genossen haben.
großwolke 22.09.2016
4.
Zu diesem Artikel hätte ich noch zwei Anmerkungen. Zum ersten: wenn schon mehr Geschichte, dann bitte von hinten nach vorne. Ich habe mein Abitur 1998 abgelegt, "Geschichte" ging bei mir jedoch nur bis 1945. Alles, was nach den Nazis kam, war offenbar zu neu, um schon "Geschichte" zu sein. Dabei hätten mir gerade die jüngeren Ereignisse sehr geholfen, z.B. die Deutsche Einheit oder den Jugoslawien-Krieg richtig einzuordnen. Was interessieren mich heute die Römer und das Mittelalter? Nicht soviel, dass man komplette Schuljahre darauf verwenden müsste. Zum zweiten möchte ich der Auffassung widersprechen, dass geschichtliche Bildung irgendwas an der Einstellung zur Rechtsextremismus-/Ausländerproblematik im Allgemeinen und zur aktuellen Flüchtlingskrise im Besonderen ändern würde. Die Grundprobleme dabei sind die Angst vor dem Islam, wofür es keinen beruhigenden Präzedenzfall gibt (eher im Gegenteil), sowie die Angst vor dem Verlust persönlichen Wohlstands im Angesicht einer Krise (Bevölkerungsexplosion in Afrika und Nahost), für die die voraussichtliche Dimension oder gar ein Ende nicht absehbar ist. Bildung ist nicht auf Geschichte beschränkt, da gibt es noch ein bisschen was links und rechts davon.
ec109 22.09.2016
5. Kann ich nur bestätigen
Ich erinnere mich an einige "Aha"-Momente während des Geschichtsunterrichts, da mir dabei bspw. oft der Hintergrund bzw. Zusammenhang aktueller Konflikte klar wurde oder wieso sich manche Länder nicht mehr oder wieder "grün" sind.
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