Gespaltene Bildung Zwei Schulen, zwei Welten

Gemeinsam haben diese Hamburger Jugendlichen fast nichts: Die Gymnasiasten fliegen zum Austausch nach Costa Rica, die Hauptschüler tragen am Morgen Zeitungen aus. Zwischen dem noblen Hochrad-Gymnasium und der Hauptschule Slomanstieg liegt nur die Elbe – und doch eine Welt.

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Kevin* gibt sich cool. "Wo ist das Problem?", sagt er und schiebt die Unterlippe nach vorne. Hiltrud Kneuer seufzt. Was tun mit einem Siebtklässler, der die Scheibe des Feuermelders einschlägt und den Alarm auslöst? Die Eltern verständigen? Einen Verweis erteilen? "Strafen bringen hier wenig", klagt Kneuer. Die 54-Jährige ist Direktorin der Schule Slomanstieg, einer Grund- und Hauptschule im Hamburger Stadtteil Veddel. In dem Viertel südlich der Elbe wohnen überwiegend Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, Ausländer, Zuwanderer. "Die Eltern können bei Problemen in der Schule nicht helfen, die kriegen ihr eigenes Leben oft nicht auf die Reihe", sagt Hiltrud Kneuer.

Slomanstieg-Schule in Hamburg-Veddel: Jede Unterrichtsstunde ist Deutschstunde
Hiltrud Kneuer

Slomanstieg-Schule in Hamburg-Veddel: Jede Unterrichtsstunde ist Deutschstunde

Mathematik-Unterricht in Klasse sieben: Nur 2 der 18 Schüler sprechen Deutsch als Muttersprache. Die Kinder sollen eine Sachaufgabe lösen. Doch viele Wörter in dem Text sind unklar: Was bedeutet Pegelstand? Und was Maßeinheit? "Bei uns ist jede Unterrichtsstunde Deutschstunde", sagt Hiltrud Kneuer. Für die wenigen deutschen Schüler in der Klasse ist das oft ermüdend. Sie fühlen sich unterfordert, schalten ab, schlafen ein.

Hiltrud Kneuer hat an ihrer Schule Sprachkurse für die Mütter der Schüler eingeführt, sie bietet Berufsberatung an und beschäftigt Sozialpädagogen. Doch gegen die Armut im Viertel kommt sie kaum an. Wer auf der Veddel aufwächst, glaubt die Schulleiterin, fühle sich als Verlierer – von Geburt an. "Loser forever" steht auf einer der Toiletten an die Wand geschmiert.

"Vom Staat kommt ja doch nichts"

Um 9.50 Uhr läutet der Schulgong zur Pause. Die Kinder stürmen aus den Klassenzimmern. "Komm schon, Motherfucker!", ruft einer. "Halts Maul, Hurensohn", brüllt ein anderer. Einige der Schüler sind übergewichtig, man merkt ihnen an, dass sie es nicht gewohnt sind, sich zu bewegen. "Wir erklären den Kindern, wie sie sich richtig ernähren, was sie tun dürfen und was nicht. Was wir leisten, ist Basisarbeit – für Mathe, Geschichte, Biologie bleibt da wenig Zeit", sagt ein Lehrer.

Viele der Schüler kommen übermüdet zur Schule, weil sie bereits früh am Morgen Zeitungen austragen. Andere fehlen häufig, weil sie im Laden des Onkels arbeiten. "Wir müssen den Kindern helfen", fordert Kneuer.

Auf den Staat will sie sich nicht verlassen: "Da kommt ja doch nichts." Im Gegenteil: Im vorigen Jahr hat der Hamburger Senat die Lernmittelfreiheit abgeschafft. Schulbücher müssen jetzt von den Eltern erworben oder zu einem Drittel des Kaufpreises geliehen werden. Lediglich Sozialhilfeempfänger können auf einen Antrag hin von den Kosten befreit werden. An der Schule Slomanstieg hat fast die Hälfte der Eltern diesen Antrag gestellt.

Und die Schüler? Wissen sie, was sie nach der Schule machen wollen? "Keine Ahnung", sagt Kevin und zieht die Schultern hoch. Auch Sibel aus der 8a ist ratlos, ihre Freundin Jacqueline mit den rot lackierten Fingernägeln will Friseurin werden. Prince aus der Neunten hat im Fernsehen die MTV-Show "Pimp my Ride" gesehen, in der der US-Rapper Xzibit alte Wägen aufmotzt. Prince fand das cool. Also hat er beschlossen, nach der Schule Autos zu lackieren. "Wenn ich 'nen Job kriege."

"Wir verstehen uns als Global Player"

Am Hochrad-Gymnasium, im vornehmen Hamburger Stadtteil Othmarschen, haben sie ganz andere Sorgen: Die Hockey-Schulmannschaft will Bilder vom Turnier in Cornwall zeigen, doch der Beamer funktioniert nicht. Die Schüler hantieren an dem Gerät, schnell ist das Problem gelöst: Die Fotos erscheinen auf der Video-Leinwand. Die Hauptschule Slomanstieg und das Gymnasium Hochrad trennt nur die Elbe – und doch eine Welt.

"Wir verstehen uns als Global Player", sagt Direktorin Inge Voltmann-Hummes, 52. Die Lehrer unterrichten am Hochrad auf Deutsch und auf Englisch; die Gymnasiasten fliegen zum Schüleraustausch nach Costa Rica, Südafrika und Jordanien. Im hell gefliesten Foyer hängen Bilder aus Florida an der Wand – zur Erinnerung an die Amerikareise des Schulchors im vergangenen Jahr. "Unsere Schüler sollen etwas sehen von der Erde", sagt Voltmann-Hummes. Und sie sollen optimal auf das vorbereitet werden, was nach dem Abitur kommt: mit Karriere-Coaches, in Praktika und Bewerbungstrainings.

Julius weiß noch nicht, was er studieren will: "Vielleicht Jura, vielleicht Medizin." Jetzt ist der Elftklässler erst einmal genervt. Er muss warten. Der Italienisch-Wahlkurs, den er belegt hat, beginnt erst in einer Stunde. Julius sitzt im Foyer und nippt an einem Milchkaffee. Er trägt braune Lederschuhe, den Kragen seines Hemds hat er aufgestellt. "Italienisch kann nie schaden", sagt er.

Debattierclub und Theater-AG

Aus dem Nebenraum tönt Saxophon- und Gitarrenmusik. Die Bigband probt die Schulhymne: "No matter whether you are rich or poor". Am Schwarzen Brett suchen zwei Schüler nach "Creative Heads", nach Aktionären für ihre neu gegründete Werbeagentur, und der Debattierclub wirbt um neue Mitglieder.

In Hamburger Schulrankings liegt das Hochrad-Gymnasium stets weit vorne. Die Schüler gewinnen bei "Jugend forscht", "Jugend musiziert", "Jugend trainiert". Die Theater-AG schaffte es mit einer Aufführung bis ins Thalia Theater. Das Geld für die Reisen, die Projekte, das Equipment bezahlen großteils die Eltern der Schüler.

Im Büro von Inge Voltmann-Hummes stehen Pokale, die ihre Schüler errungen haben, und eine schwarze Couchgarnitur. Ein Elternpaar hat Platz genommen und will die Tochter am Hochrad-Gymnasium anmelden. Er ist Deutscher, sie Französin. Das Kind spreche beide Sprachen perfekt, versichert der Mann. Er formt die Hände zu einem Revolver. "Wir wollen nur das Beste für unsere Tochter. Was kann Ihre Schule unserer Tochter bieten?" Die Direktorin erzählt, dass die Schule die Lehrer selbst auswähle und den Schülern Praktika in China vermittle. Das überzeugt den Vater.

"Es gibt am Hochrad-Gymnasium überdurchschnittlich viele engagierte und zugleich reiche Eltern. Manche sorgen sich fast zu sehr um ihre Kinder, aber insgesamt nützt das der Schule natürlich enorm", sagt Voltmann-Hummes. So könne es sich das Gymnasium leisten, vier Ein-Euro-Jobber zu beschäftigen, die darüber wachen, dass am Schulgelände keine Fahrräder gestohlen werden. "Die reparieren auch mal ein Rad, wenn es sein muss."

* Namen der Schüler geändert



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