Gewalt an Schulen "Mit dem Kopf gegen die Tafel geschlagen"

Ein Vater erhebt schwere Vorwürfe: An einer Schule in Oberbayern haben Lehrer offenbar die Kontrolle über den Unterricht verloren. Was steckt dahinter?

Gewalt an Schulen (gestelltes Symbolbild)
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Gewalt an Schulen (gestelltes Symbolbild)

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Seine Tochter sei immer gern in die Schule gegangen, berichtet Hans-Dieter Fuchslocher. Die Ferien seien ihr stets zu lang vorgekommen, schon am Samstag habe sie sich auf Montag gefreut. Doch mit dem Wechsel von der Grund- auf die Mittelschule Olching, die in Oberbayern liegt, habe sich das geändert.

Die Tochter habe nicht mehr in die Schule gehen wollen, ihre Noten seien schlechter geworden. So schreibt es Fuchslocher in einem Brief an die Schulleitung, über den zuerst das "Fürstenfeldbrucker Tagblatt" berichtete, später auch die "Süddeutsche Zeitung". Als er seine Tochter zur Rede stellte, habe sie über aggressive Lehrer und prügelnde Schüler geklagt. Offenbar habe der Krankenwagen häufig zur Schule gerufen werden müssen.

In dem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, schreibt Fuchslocher über Schüler, die treten, schubsen und schlagen. Und er zählt zwei besonders beunruhigende Vorfälle auf. Seine Tochter habe ihm erzählt, "dass ein Kind die Treppe runtergeschubst wurde" und dass "ein Kind wohl so heftig mit dem Kopf gegen die Tafel geschlagen wurde, dass es stark blutete und abgeholt werden musste."

Ignoranz und Gleichgültigkeit?

Weiter schreibt Fuchslocher, er müsse feststellen, dass von Seiten der Lehrerschaft "ein hohes Maß an Ignoranz und Gleichgültigkeit in Sachen Aggressivität und ordentlichem, zwischenmenschlichem Umgang" bestehe. Als Mitglied des Elternbeirats bekomme er viele Verfehlungen dieser Art mitgeteilt.

Weder die Mittelschule Olching noch das Schulamt wollten sich dem SPIEGEL gegenüber zu den Vorwürfen äußern und verweisen an das Kultusministerium. Dessen Sprecher Ludwig Unger teilte mit, das Ministerium nehme die Vorwürfe sehr ernst und werde sie prüfen. Bislang habe er nichts von ähnlichen Fällen in Bayern gehört.

Es gibt keine statistischen Daten dazu, ob die Gewalt an Schulen zugenommen hat. Die Jugendkriminalität geht in Deutschland seit Jahren sogar deutlich zurück. Doch in den vergangenen Wochen scheinen sich Meldungen über überforderte Pädagogen zu häufen: Lehrer der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken klagten über ein Klima der Angst, Aggressivität und Respektlosigkeit. Lehrer einer Grundschule im Harzberichteten von Schlägereien und Sabotage. Außerdem wurde der Fall einer Berliner Grundschuleöffentlich, die Security-Mitarbeiter engagiert hatte, um für Ordnung zu sorgen.

Vertreter von Erziehungsverbänden erklären sich solche Vorfälle unter anderem mit dem Lehrermangel. Sebastian Jung, Sekretär der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bayern sagt: Differenzierter und Förderunterricht würden kaum stattfinden, auch Sozialarbeiter gebe es zu wenig.

Um gegen den Lehrermangel anzugehen, stellen mehrere Bundesländer schon seit einigen Jahren Seiteneinsteiger ein. In Sachsen waren 62 Prozent aller neu eingestellten Lehrer in diesem Schuljahr Quereinsteiger, wie der MDR berichtet. In Berlin liegt die Quote in diesem Schuljahr bei mehr als 40 Prozent.

Auch andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen setzen auf Quereinsteiger. Sie sollen den Unterricht mit ihrer Berufserfahrung und ihren Fachkenntnissen bereichern. Doch die Ausbildung ist hart und immer wieder berichten Quereinsteiger auch, dass sie sich überfordert fühlten.

"Ernstes Alarmsignal"

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, warnt auch vor gestiegenen Anforderungen an die Pädagogen. Er wertet die Hilferufe, die momentan aus einigen Schulen kommen, als "ernstes Alarmsignal" und fordert, professionelle Teams an die Schulen zu holen, die Lehrer unterstützen und Schüler besser fördern können.

Ilka Hoffmann, Mitglied im Hauptvorstand der GEW, nennt das Problem vielschichtig. Einerseits kämen zunehmend Lehrer an die Schulen, die noch unerfahren seien. Andererseits gebe es häufig in Stadtteilen Probleme, in denen sozial weniger gut gestellte Familien wohnten. Hier kämen Lehrer oft schlechter mit den Schülern zurecht. Schüler seien durch die Medien mehr und mehr mit Gewalt konfrontiert. "Lehrer müssten darauf reagieren, werden aber mit diesen Problemen oft allein gelassen. Sie brauchen ein gutes Beratungs- und Unterstützungssystem."

Hans-Dieter Fuchslocher, der Vater aus Olching, hat sich inzwischen anders beholfen. Er hat seine Tochter von der Schule genommen. Sie besucht jetzt eine Privatschule in München. Er sagt, sie habe wieder Spaß am Unterricht.

insgesamt 72 Beiträge
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v. m. photon 17.10.2018
1. Billige Schuldzuweisung
Den Lehrern die Schuld zu geben finde ich unangemessen. Es findet eine erschreckende Verrohung statt. Pornos und Gewaltvideos dank Smartphone schon in der Grundschule (selbst erlebt). Dazu eine Elterngeneration, der es selbst an "guter Kinderstube" fehlt. Bei Betrachtung der heutigen Kinder bekommt man es mit der Angst zu tun, leider...
Nordstadtbewohner 17.03.2018
2. Alles schon bekannt
"Er hat seine Tochter von der Schule genommen. Sie besucht jetzt eine Privatschule in München. Er sagt, sie habe wieder Spaß am Unterricht." Wer selbst Kinder hat, die zur Schule gehen, wird sich über den Artikel nicht wundern. Um meinen Kindern einen angstfreien Schulbesuch zu ermöglichen, habe ich sie bei einer Schule in freier Trägerschaft angemeldet, die Schulgeld erhebt. Das Schulgeld bildet dabei eine positive Barrierefunktion, die bildungsferne und gewalttätige Kinder und Jugendliche auf Distanz hält. Ich kann von daher das Handeln des im Artikel zitierten Vaters nur zustimmen.
artusdanielhoerfeld 17.03.2018
3. Ein tolle Leistung...
...ein großes Problem zu beschreiben, ohne die offensichtliche Ursache zu nennen! Nun, ich werde es auch nicht tun. Die ideologische Blindheit nimmt in Deutschland allerdings bizarre Ausmaße an. Wenn die Inanspruchnahme einer Privatschule die letzte Rettung für ein Kind darstellt, sollte man mal überlegen, welches Schicksal man denen aufbürdet, deren Eltern sich das nicht leisten können. Daran tragen auch die verblendeten Medien eine Mitschuld!
pfalzkapelle 17.03.2018
4. Meiner Tochter geht es jetzt auch besser....
Wurde durch den Schulbesuch magersüchtig. War dann ein Jahr auf Therapie. Ihr Arzt sprach von "echtem" Mobbing. Die Schüler hatten Aufnahmen von ihr im Sportunterricht gemacht. Die Schulleitung wollte sich der Sache nicht annehmen, da wir mit dem Fachlehrer nicht gesprochen haben. Meiner Tochter geht es wieder gut. Sie ist auf einer anderen Schule, auch staatlich, aber in einer anderen Stadt. Der Schulunterricht hätte anders organisiert werden müssen, sofern wir belegt hätten, dass es an der Schule lag. Hätte aber meine Tochter machen müssen, da sie gerade 18 Jahre alt geworden ist, war aber dazu zu krank. Kurz, es ist durchaus gewollt, dass es Schülerinnen und Schülern in Schulen nicht gut geht, dann braucht man nichts ändern. So einfach ist das eben. Und wenn Lehrerinnen und Lehrer eben Spaß daran haben, die Leistungen eines Schülers oder Schülerin nicht sehen wollen, dann lassen sie es eben bleiben. Fazit: ich bin froh, dass ich solche Schule nicht besuchen muss. Als junger Mensch war ich mit meiner Schule immer unglücklich. Heute bin ich froh. Die Schule war einfach menschlich und unser bestes Stück war der Hausmeister. Er war der beste Pädagoge. Noch Fragen? Wenn man Schule zur Folterkammer ausbaut, braucht man sich nicht wundern, wenn gefolterte Schüler aus der Schule kommen. Und: das meiste, was man in der Schule lernt, braucht man nicht für das Leben. Vergessen Sie einfach den Müll. Es ist ein Problem, dass im Bezug auf Schule zu viele Leute mitreden, die von Schule einfach keine Ahnung haben. Ratet mal, was wir in der Schule gemacht haben: also, die Klassenkameraden war regelmäßig im Kaffeehaus und haben Kaffee getrunken. Ich war berufstätig und hatte mehrere Jobs gleichzeitig, auch in den Sommerferien. Bei mir ist die Sache klar: Abitur bestanden, habe mein Berufsleben mit einer umfangreichen Berufserfahrung begonnen... Unser Abitur haben wir übrigens fast alle bestanden!
lachina 17.03.2018
5. Unsichere Lehrer? Nicht das Problem.
Lehrer haben hier wenig in der Hand, um Schüler zu disziplinieren. Strafarbeit? Nachsitzen? Ein Witz? Schulausschluss - na und? Schulverweis - da muss der Schüler schon die Schule abfackeln. Ich habe an einer Auslandsschule gearbeitet, da gab es jeweils einen männlichen und einen weiblichen Schulpsychologen. In eskalierenden Situationen konnte ich Schüler dort hinschicken. Sie kamen auch in die Klassen und haben Situationen wie Mobbing analysiert. Aber hierzulande gibt es nichts davon. Die Schülerschaft ist anders als früher. Wir müssen die Kinder da abholen, wo sie stehen. Das kostet Geld: Psychologen, Team- Teaching etc. Da aber Wissen unser einziger Rohstoff ist, ist es kein Cent zu viel.
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