Gewalt gegen Pädagogen Jeder vierte Lehrer wurde schon attackiert

Schläge, Tritte, Spucken: Sechs von 100 Lehrern sind schon einmal körperlich von Schülern angegriffen worden. Und jeder vierte Lehrer wurde bereits Opfer psychischer Gewalt, zeigt eine neue Studie.

Lehrer (in Hannover, Archivbild)
DPA

Lehrer (in Hannover, Archivbild)

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Sportunterricht am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen vor ein paar Wochen: Eine Schülerin, die mit einer Entscheidung der Sportlehrerin nicht einverstanden ist, geht plötzlich auf die Pädagogin los, tritt und beißt die Frau. Seither gehen immer zwei Sportlehrer in die Klasse - zur Sicherheit.

Nur ein Zwischenfall von vielen. Denn: "Gewalt gegen Lehrkräfte ist kein Einzelfall", sagte Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), am Montag bei der Vorstellung einer Studie über Gewalt gegen Lehrer. Sechs von 100 Lehrern sind demnach schon einmal körperlich von ihren Schülern angegriffen worden.

Hochgerechnet seien damit mehr als 45.000 Lehrkräfte (sechs Prozent) an allgemeinbildenden Schulen bereits Opfer von tätlicher Gewalt geworden. Zu den körperlichen Angriffen gehörten etwa Fausthiebe, Tritte, An-den-Haaren-Ziehen oder das Bewerfen mit Gegenständen.

Von Cybermobbing bis Bedrohung

Noch größer sei die Zahl der Lehrer, die psychische Gewalt erleben mussten, so Beckmann. Fast ein Viertel (23 Prozent) berichtete demnach über eigene Erfahrungen mit Bedrohungen, Beleidigungen, Beschimpfungen oder Mobbing - nicht nur von Schülern, sondern häufig auch von Eltern. Seltener genannt wurden Kollegen und die Schulleitung als Quelle solcher Angriffe.

Zwei Prozent der Lehrer gaben an, an ihrer Schule schon einmal Ziel von Cybermobbing gewesen zu sein.

Für die repräsentative Studie hatte das Forsa-Institut im September und Oktober bundesweit fast 2000 Lehrer interviewt, davon jeweils 500 in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern.

Trotz der weit verbreiteten Erfahrungen vor allem mit psychischer Gewalt sei das Thema dennoch ein Tabu, so Udo Beckmann. Mehr als die Hälfte aller Befragten (57 Prozent) hatten ausgesagt, dass sie darüber im Kollegen- oder Freundeskreis nicht sprechen könnten.

Bei tatsächlichen psychischen Angriffen durch Schüler hatten 86 Prozent der betroffenen Lehrer den Vorfall anschließend gemeldet. Kamen die Attacken von Eltern, hielten dagegen nur 65 Prozent der Lehrer eine offizielle Meldung für einen Erfolg versprechenden Weg. "Das dürfen wir nicht hinnehmen", so Beckmann. "Das Thema muss öffentlich werden - auch, damit entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Lehrkräfte müssen vor Angriffen geschützt werden und für Notfälle gut ausgerüstet sein."

Immer wieder Fälle vor Gericht

Aufsehen hatte etwa ein Fall in Niedersachsen erregt, bei dem ein 14-jähriger Gymnasiast einen Lehrer bei einer Klassenfahrt mit einem Schnürsenkel gewürgt haben soll. Der Lehrer hatte ihm das Handy abgenommen. Der Fall landete vor Gericht, der Schüler wurde zu Sozialstunden verurteilt. In einem anderen Fall berichtete die "Rheinische Post" im vergangenen Jahr von dem Prozess gegen einen 15-jährigen Schüler. Er soll auf insgesamt vier Lehrerinnen losgegangen sein, sie mit Fausthieben und Ohrfeigen traktiert und eine Lehrerin mit einem Farbbecher überschüttet haben.

Erst vor wenigen Tagen hatte der VBE-Landesverband Nordrhein-Westfalen vor einer Verrohung der Umgangsformen und der Sprache in der Gesellschaft allgemein gewarnt und sich einem Appell bayerischer Lehrer gegen Hasssprache angeschlossen. "Wir erleben eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Handeln", hieß es darin.

mit Material von dpa



insgesamt 49 Beiträge
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allessuper 14.11.2016
1. Warum Lehrer düe das gesellschaftliche Debakel
Kopf und Körper hinhalten sollten ist mir ein Rätsel. Ebenso Mitarbeiter von Ämtern. Die meisten sind nicht einmal mehr verbeamtet. Sobald ernsthaft in Bildung statt in Waffen investiert wird (mit Bildung ist weder Computer-Englisch noch IT gemeint, sondern das, was wir Menschen zum Zusammenleben brauchen: Persönlichkeitsentwicklung, Ethik, Sozialkunde..) und zwar für alle, und nicht nur für die Sprößlinge von streitsüchtigen Yuppie-Eltern, dürfen wir auf eine Wende hoffen. Hinzu kommen noch gutes Kantinenessen, Koch-Unterricht für Kinder, stressfreie Zonen in der Schule, Schuluniform und Handyverbot, genug Unterstützung für Alleinerziehende, mehr Sportunterricht draußen in der Natur, also alles Dinge, die so furchtbar normal sind, dass es fast schon peinlich ist, sie zu erwähnen.. sobald dafür gesorgt wird, wird der Lehrerberuf wieder Spaß machen. Es geht auch darum, dass ihn genug Männer ergreifen. Und darum, dass Lehrer unbedingt Erfahrungen "draußen" machen sollten bevor sie den Schuldienst antreten..
allesamt 14.11.2016
2. Manche Eltern sind ein großes Problem
Jetzt mal über manche Eltern: Allein der Blick in die Foren reicht, um zu erkennen, wie viel Frust, Ärger und Hass auf die Lehrer abgeladen wird. Da werden die eigenen Probleme in der eigenen Schulzeit, der Ärger darüber, dass dem Prinzen nicht genügend Anerkennung in Form von guten Noten gegeben wird, da wird alles geglaubt, was Prinz oder Prinzesschen zu Hause so erzählt: Auch so kommt ein Bild von "unfähigen Lehrern" zustande, das von den Eltern noch befeuert wird und somit die Kinder zu aggressivem Verhalten anstachelt . Natürlich gibt es im Lehrerberuf "Unfähige". Aber die gibt es in jedem Beruf.
widower+2 14.11.2016
3. Ist es so schlimm?
Unter physischer Gewalt wird zum Beispiel das Bewerfen mit Gegenständen genannt. Papierflieger? Es gibt sicherlich unschöne Entwicklungen und Lehrer hatten oder haben es oft nicht leicht. Während meiner Schulzeit habe ich keinerlei Erfahrungen mit physischer Gewalt gegen Lehrer gemacht. Allerdings einige Erfahrungen mit physischer Gewalt von Lehrern gegen Schüler. Wechselseitige psychische Gewalt war schon damals an der Tagesordnung und sie ist es heute noch, wobei das, was man wirklich als "psychische Gewalt" bezeichnen könnte, immer noch weit überwiegend von den Lehrern ausgeht, die eben nicht nur Opfer, sondern in dieser Hinsicht sehr oft auch Täter sind.
telos 14.11.2016
4. Die Sprache ist ein Spielgelbild gesellschaftlicher Entwicklungen
Es ist schon auffallend, wie die Alltagssprache das Denken vieler Menschen offenbart, ja selbst viel aussagt über die Wahrnehmung ihrer Lebensrealität. In einem Gesellschaftsmodell, in dem persönliches Vorwärtskommen, Karriere, Ellebogenmentalität den Status eines unabänderlichen Gesetzes einnimmt, in dem kein Platz ist für das Du oder Wir, in dem nur noch das Ich wichtig ist, wundert es mich nicht, dass unser soziales Miteinander zusehens verroht. Verrohung der Umgangsformen, des Anstandes, der gegenseitigen Achtsamkeit. Der Samen einer zum Exzess verstandenen Selbstverwirklichung trägt nun ihre Früchte. Eine Ansammlung von Menschen, deren Egoismus keine Grenzen kennt und die nur auf denkbar kleinst möglichem Nenner zusammenleben bez. funktionieren kann. Doch was sich an den Schulen zeigt, offenbart sich gleichzeitig auch überall in allen öffentlichen wie auch in den persönlichen Bereichen. Eine zunehmende Unordnung oder Entropie aller Lebensbereiche scheint sich gleichzeitig zu vollziehen. Doch bevor etwas Neues entstehen kann, muss das Alte absterben. Ein neues Bewußt-Sein und Einsicht, dass alles miteinander verwoben ist scheint mir ein gangbarer Weg zu sein. Es gibt einen wunderbaren Satz im Talmut, der das zuvor Gesagte kurz und präzise beschreibt: "Achte auf deine Gedanken, sie werden dein Schicksal." oder anders ausgedrückt - Gedanken werden Wirklichkeit.
matimax 14.11.2016
5. Damals war's noch umgekehrt: Schüler hatten Angst vor gewalttätigen Paukern
Von Mitte der 60-er bis Anfang der 70-er Jahre gab's für mich noch unvermittelt Schläge ins Gesicht, Ohrenlangziehen und die berüchtigten "Denkanstöße": Kopfnüsse. Wohlgemerkt, die physische Gewalt ging damals von den Lehrern aus - war sogar völlig legal. Für vergleichsweise nichtige Anlässe, sogenannte freche Antworten, die heute als Zeichen für ein aufgewecktes Kind gelten. Interessanterweise beteiligten sich auch schlagfertige Vertreter des Lehrkörpers an der robusten Erziehung formbarer Kinderseelen, die damals fast alle den Vornamen Frollein (mit O und Doppel-l) trugen - ja, das vermeintliche zarte Geschlecht. So manche nahm den gerade aktuellen Kampf um die Gleichberechtigung wortwörtlich in die eigene Hand - warum sollten nur die Kerle wehrlose Kinder schlagen?... . Als wir dann größer wurden und die Gefahr des Zurückgeschlagenwerdens für die Lehrer bestand, wechselte die physische zur psychischen Gewalt. Vor versammelter Klassen-Mannschaft am Overhead-Projektor mit gezielten Fragen zu Kurve rauf und runter, Wurzel rein und raus vom Mathepauker bloßgestellt zu werden, sind bleibende Erinnerungen. Nebst süffisanten Lächelns bei der Eintragung der provozierten "suboptimalen" Leistung mit spitzem Bleistift ins rote Notenbuch - "Was, Sie wollen studieren?" Trotz aller Demütigung, die damals gang und gäbe war, kann ich mich nur an einen Fall erinnern, in dem ein elfjähriger Mitschüler auf dem Schulhof einen schlagenden Lehrer zurück schlug. Interessanterweise fanden wir Mitschüler das fast alle völlig unerhört - darf der denn das, seinen Pauker zurück hauen? Offensichtlich waren wir Schüler damals fast alle bereits bestens dressiert... - Peace!
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