Ghetto-Kids aus Los Angeles Sie tanzen um ihr Leben

Little Ti, 17, und seine Freunde stammen aus der miesesten Gegend von Los Angeles. Als HipHop-Clowns tanzen sie gegen die Kriminalität an. Und sind damit so erfolgreich, dass Popstars wie Madonna und Missy Elliott die Ghetto-Kids für ihre Videos wollen.

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Er nennt sich "Little Tight Eyez" oder "Little Ti". Wie er wirklich heißt, will er nicht sagen. Bei seinen Auftritten fühlt sich der 17-Jährige nicht nur wie irgendein Tänzer, sondern als Künstler, und auf der Bühne zählt nur sein Pseudonym. Sein richtiger Name und sein Leben in South Central, dem ärmsten und kriminellsten Viertel von Los Angeles, spielen dann keine Rolle.

Little Ti versteckt sein Gesicht bei diesem Auftritt in Hamburg wie immer hinter dicker Schminke: Vor jeder Aufführung schmiert er sich viel weiße Grundierung über Augenlider und Nase, zeichnet rote und gelbe Zacken auf seine Wangen und malt seine Lippen mit drei Farben aus. Mit der Bemalung sieht der junge Amerikaner aus wie ein afrikanischer Krieger. Sie zeigt, wo Little Ti hingehört: zu den HipHop Clowns.

Als Little Ti loslegt, fangen die Zuschauer an zu johlen. Er demonstriert, was er in den letzten sieben Jahren in den schwarzen Ghettos gelernt hat: Clowning und Krumping. Es ist ein roher Tanz, extrem schnell und irgendwie grimmig, mit ruckartigen Bewegungen und akrobatischen Tricks. Umringt von neun anderen Tänzern lässt Little Ti seine Arme durch die Luft schlingern, er stampft mit den Füßen, lässt seinen Brustkorb zucken und zittern, als wäre sein Körper aus Gummi. Daneben steht ein als Clown verkleideter Mann mit einer riesigen Regenbogen-Perücke und dirigiert die Tänzer mit einer Trillerpfeife. Er nennt sich Tommy the Clown.

Tommy hat diesen Tanz vor zehn Jahren erfunden, heute lässt er die Jugendlichen gegeneinander antreten: "In der linken Ecke Little Tight Eyez, rechts sehen wir Tiny Mite. Die beiden waren mal ein Paar. Sie haben ein Beziehungsproblem und werden es jetzt auf der Bühne austragen. Los geht's!" Tommy gibt ein Zeichen, der DJ spielt "Make Noise" von Busta Rhymes.

Das sieht ein bisschen aus wie Choreografie im Schnellvorlauf: schwitzende Körper und energiegeladene Bewegungen, ebenso artistisch wie aggressiv. Es geht um Kraft, Schnelligkeit, Dehnung, Ausdauer und Gleichgewicht, manchmal auch um pantomimische Witze. Ohne sich zu berühren, führen Little Ti und Tiny Mite, 15, eine Art Kampf auf der Bühne auf, eine Show, die Tommy "The Battle Zone" nennt.

Vom Knastbruder zum frommen Clown

Mit dieser Show füllen er und seine HipHop-Clowns in Los Angeles ganze Stadien, in Deutschland traten sie auf den Fanfesten zur Fußball-WM auf, im Herbst ist eine große Europa-Tournee geplant. Kreischende Schülerinnen warteten in Hamburg auf Little Ti und drückten ihm Einladungen zu ihren Abi-Partys in die Hand. Doch Little Ti hatte keine Zeit. Er musste gleich wieder in den Tourbus, ab zur nächsten Show.

Angefangen hat alles, als Tommy the Clown noch Thomas Johnson hieß. Die Geschichte des bulligen, herzlichen Mannes klingt wie ein melodramatisches Ghettomärchen: 1992 war Johnson ein gerade aus der Haft entlassener Ex-Drogendealer, als ihn Frauen seiner Kirchengemeinde fragten, ob er auf einem Kindergeburtstag aushelfen könne. Er verkleidete sich als Clown, schminkte sich und setzte eine regenbogenfarbene Perücke auf. Doch der Clown hatte nicht nur Zaubertricks und Luftballons im Repertoire - er tanzte auch mit zuckenden HipHop-Bewegungen. Bald imitierten ihn hunderte Kids, sein Name sprach sich in der Nachbarschaft herum, und Tommy the Clown wurde mit seinem innovativen Tanz von Party zu Party gereicht. Ein Clowning-Fieber breitete sich aus.

Nehmt keine Drogen, meidet die Gangs, geht zur Schule, glaubt an Gott - das ist die Message des 38-Jährigen, der sich mehr als Sozialarbeiter denn als Begründer eines Tanz-Hypes versteht. Für Tommy sind Tanzgruppen die einzige Alternative zur Gewaltspirale der Gangs in Los Angeles, die zu den größten Banden Amerikas gehören. "Jeder Jugendliche will sich zugehörig fühlen", sagt Tommy. "Entweder du bist bei einer Gang - bei den Crips oder den Bloods - oder du gehörst zu den Clowns", erklärt er. "In den Gangs bringen sich die Kids für schnelles Geld gegenseitig um. Wir Clowns aber sind eine Familie, wir sind die positive Seite der HipHop-Kultur." Diese Banden tanzen gegeneinander, statt aufeinander zu schießen.

Die HipHop-Clowns verstehen sich als Gegenbewegung zur Protzkultur des kommerziellen HipHop. Dicke Uhren, Autos und Waffen brauchen sie nicht. Aggressiver ist ein zweiter Stil, der sich aus dem Clowning entwickelt hat: das Krumping. Krumper verkleiden sich nicht als Clowns, ihr Tanz hat nichts Kindliches mehr. Ihre Moves sind so wild und ekstatisch, dass man den Bewegungen kaum folgen kann.

Tanzen gegen Drogen und Gangs

Auch auf einer Geburtstagsparty von Madonna tanzten Tommy und seine HipHop Clowns. Prompt verarbeitete die Poplegende die Eindrücke in ihren neuesten Videos und buchte die Zehnjährige Little Mama für einen Gastauftritt im Clip zum Song "Hung up". Die 16-jährige Lil C wand sich durch ein Video von Missy Elliott, auch Christina Aguilera und die Black Eyed Peas schmückten ihre Videos mit dem zuckenden Ghetto-Ballett.

Little Ti fände es cool, für das Tanzen richtig bezahlt zu werden - als Hintergrundtänzer für Christina Aguilera würde er aber nicht arbeiten wollen, behauptet er. "Ich bin Künstler. Was ich mache, spürte ich tief in mir", sagt er und klopft sich überzeugt mit der Faust auf die Brust, "das lernt man nicht in zehn Minuten." Er fände es höchstens angebracht, als Spezialgast in einem Video aufzutreten.

Dass auf MTV Popstars mit seinem Tanz Geld verdienen, stört Mentor und Trainer Tommy nicht. Wer könnte es besser verstehen als er, dass seine Clowns und Krumper von einem Weg raus aus South Central hinein in eine Stretchlimousine träumen? "Ich fühle mich nicht beklaut", sagt er. "Es wäre aber fair, wenn die Leute, die unsere Kids in Videos stecken, auch unserer Bewegung weiterhelfen würden. Schließlich holen wir die Jugendlichen von der Straße."

Tommy, die Clowns und die Krumper sind weltberühmt, seit Filmemacher David LaChapelle den Dokumentarfilm "Rize" über die Tanzbewegung gedreht hat. Zwölf Jahre nachdem Tommy das Clowning erfand, machte der Film den Stil zum Hype. Mittlerweile existieren 50 Clown-Gruppen in L.A., andere Tänzer entwickeln den verwandten Stil Krumping weiter, und Tommy hat 30.000 E-Mails von Jugendlichen beantwortet. Selbst die Drogendealer akzeptierten ihn, sagt Tommy, denn er mache ihre Kinder glücklich. Seine wichtigste Aufgabe sieht er immer noch darin, mehr Jugendliche auf den Pfad der Tugend zu bringen, weg von Drogen und Gangs. Die Lawine, die er losgetreten hat, ist für Tommy nebensächlich: "Ich stehe eigentlich gar nicht auf HipHop, aber die Kultur begeistert die Jugendlichen. Zu Hause höre ich nur Gospelmusik", gibt Tommy zu.

Geld allerdings fehlt dem frommen Clown für seine Mission noch immer. Am Ende von "Rize" sieht man Tommy weinend im Gang eines großen Stadions sitzen, wo er in einer orgiastischen "Battlezone" die Clown-Tänzer gegen die Krumper vor 6000 Gästen antreten ließ. Doch während er und seine Freunde auf dem "Battle" waren, demolierten Gangster seine Wohnung und seine Tanzschule. Bis heute hat er kein Geld, diese Schule wieder aufzubauen. Tommy hofft nun auf Finanzspritzen von Prominenten: "Auch Snoop Dogg ist unser Fan. Ich hoffe, er hilft uns eines Tages."

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