Giftschrank-Jury Wie Deutschlands Sittenwächter ticken

2. Teil: Die gute alte "Bravo", ein Metzelfilm und ein Comic - "Die Bundesprüfstelle hat den Ruf eines Henkers!", sprach der Altpunk


Karl Nagel schwant nichts Gutes, als er nach dem Manga-Comic in den Sitzungsaal gerufen wird. Aber anbiedern will er sich nicht. Der Alt-Punk und Ex-Wahlkampfmanager der "Anarchistischen Pogo-Partei" kommt in weißen Turnschuhen, mit buntem Stirntuch und Captain-Spock-Hemd. Einen Anwalt hat er gar nicht erst mitgebracht, "die sind nicht so mein Ding". Dafür ruft er den Gutachtern eine klare Meinung entgegen: "Die Bundesprüfstelle hat in der Comic-Szene den Ruf eines Henkers!" Stille - tiefes Durchatmen, leichtes Murmeln, dann geht es weiter.

Sittenwächterin Meier: "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet"
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Sittenwächterin Meier: "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet"

Nagel ist Verleger von "Die! oder Wir", eines "Magazins fürs Prekariat". Die Comic-Zeitschrift sieht aus wie ein Boulevardblatt, arbeitet mit satirischen Elementen, will die Berichterstattung über Gewalt aufs Korn nehmen. Zerschossene Körper werden gezeigt, doch die schlimmsten Details verdecken Kästen mit Hinweisen wie: "Gewaltgeil sind die anderen - auf keinen Fall wir!" Hakenkreuze sind halb übermalt und so betitelt: "Zensur. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen wollen wir auf keinen Fall zeigen, dass Nazis auch gerne Nazi-Symbole verwenden."

"Wir wollen den Leser verwirren", sagt Nagel. Der Vertrieb seiner Zeitschrift wurde vom Pressegroßhandel sowieso weitgehend verhindert, den Großteil der Hefte hat Nagel angeblich vernichtet und plant kein zweites Heft. "Eigentlich bin ich nur gekommen, um zu testen, ob man mich wirklich hängen wird."

Schamhaarfreie "Bravo" lässt keinen Prüfer erröten

So viel Gelassenheit haben die Vertreter der "Bravo" nicht im Gepäck. "Soll ich mich vor dem ersten Mal selbst befriedigen?" fragt Leonie, 15, das Dr.-Sommer-Team in der "Bravo" Nr. 6/2009. Daneben räkelt sich ein junges Mädchen lasziv in einem Bettlaken, auf der nächsten Seite sind nackte Jugendliche zu sehen. Keine ungewöhnliche Ausgabe, deshalb geht es um Grundsätzliches: Posiert das Mädchen für ihr Alter in einer "unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltung", so der juristische Terminus? Versteht der Leser, dass die Models älter sind als die minderjährigen Fragesteller?

Manchmal trägt die Sitzung Züge einer peinlichen Befragung. Doch die Gutachter sind zu routiniert, um noch rot zu werden: "Warum haben Sie Models ohne Schambehaarung fotografiert?", fragt ein Prüfer mit grün-gestreiftem Hemd. "Mehr als 50 Prozent der Jugendlichen rasieren sich", klärt Marthe Knieb aus dem Dr.-Sommer-Team ihn auf. "Wir bilden Realität ab." Am Ende ist ihr die Erleichterung anzumerken, als das Gremium die "Bravo" nicht indiziert. Die Entscheidung zeigt auch den Wandel der Moralvorstellungen. 1972 war noch eine "Bravo"-Ausgabe über Selbstbefriedigung verboten worden - denn Onanie könne zu "paranoiden Reaktionen" und "Rückenmarkschwindsucht" führen.

Am Nachmittag kommt Kino-Flair auf. Im Sitzungssaal werden die Jalousien runtergelassen, Käsehappen und Brötchen gereicht; ein Flachbildschirm wird eingeschaltet, die DVD "Mutant Chronicles" eingelegt. Schon kriechen blutrünstige Mutanten über die Erde, die Menschheit ist kurz vor dem Untergang. Während religiöse Kämpfer Mutanten mit Schwertern aufschlitzen, schiebt mancher Prüfer sich verschämt eine Frikadelle in den Mund - eine Mittagspause hatte es nicht gegeben. Nach 107 Minuten hat die Menschheit gesiegt. "Endlich", stöhnt eine Gutachterin.

"Keine Angst, das ist nicht die Inquisition"

Auch dieser Horrorstreifen wird verboten, zumindest in der "uncut"-Version - trotz einer flammenden Verteidigungsrede des Anwalts Holger von Hartlieb, Dauergast in Bonn. Seit 30 Jahren vertritt er die Interessen von Film- und Videovertrieben. Die Horrorszenen in dem Film findet er "zu irreal", als dass sie Jugendliche "verrohen" könnten: "Für Hardcore-Fans ist das kalter Kaffee." Hartlieb bemängelt die "Überregulierung", in der Vergangenheit habe "sehr viele problematische Entscheidungen" der Prüfstelle gegeben.

Die Prüfer kennen diese Kritik. "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet", räumt Petra Meier ein. "Es gibt keine hundertprozentig objektiven Kriterien, da muss man mit Sachverstand und Bauchgefühl arbeiten", pflichtet eine Kollegin bei. Ein Drahtseilakt. Denn die Prüfer müssen sich für die Urteile in die Lage der Jugendlichen versetzen, Medienentwicklungen berücksichtigen und dann noch zwischen zwei Gütern mit Verfassungsrang abwägen: Jugendschutz versus Kunstfreiheit.

Doch die Prüfstelle bekommt unverhofften Beistand - ausgerechnet von Alt-Punk Karl Nagel. Seine Zeitschrift war am Nachmittag nicht verboten worden. Nun will er seinen Freunden in der Comic-Szene sagen: "Keine Angst. Das ist nicht die Inquisition, die können auch zuhören."

Forum - Sind Deutschlands Sittenwächter Spaßbremsen?
insgesamt 659 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
delta058 19.05.2009
1.
Waren denn Sittenwächter jemals keine Spaßbremsen?
DJ Doena 20.05.2009
2.
Nicht Spaßbremsen, aber "over protective". In Deutschland wird sowieso am liebsten verboten, womit man selbst nichts anfangen kann.
Acalot 20.05.2009
3.
Zitat von sysopSex-Mangas, Metzelfilme und Schallplatten bekannter Bands - was Jugendliche verderben könnte, kommt auf den Index. Sind die Sittenwächter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien Spaßbremsen? Diskutieren Sie mit!
"Spassbremsen" , nein. Aber sie übertreibens gerne mit dem indizieren von Dingen. Computerspiele sind da ein gutes Beispiel , obwohl im Bezug auf Computerspiele ja gerne von gewissen Leuten NOCH härtere Indizierung gefordert wird. Wie mein Vorredner bereits sagt , basiert das oftmals darauf , dass diese LEute damit eben nichts anfangen können.
Rainer Helmbrecht 20.05.2009
4.
Zitat von sysopSex-Mangas, Metzelfilme und Schallplatten bekannter Bands - was Jugendliche verderben könnte, kommt auf den Index. Sind die Sittenwächter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien Spaßbremsen? Diskutieren Sie mit!
Das kommt darauf an was man darunter versteht. Die Jugend ist in Deutschland ungebremst. Die Kaufempfehlung für ab 15, 16, 16, erhöht nur den Kaufanreiz für jüngere. Jugendliche nachts auf der Strasse sind ganz normal, das bedeutet, Eltern geben da Freiheiten, von denen sie selbst nicht wissen, ob die erlaubt sind, bzw. warum etwas verboten ist. Wenn ein Mädchen mit 14-15 Schwanger wird, überschlagen sich moderne Erwachsene zu versichern, dass ma eben heute in einer anderen Zeit lebt und wer das moniert, kann nur matschig in der Birne sein. Ein Verbot wird einfach nicht akzeptiert und nicht etwa hinterfragt, sondern einfach abgelehnt. Darum wird der Gesetzgeber und die Verantwortlichen gezwungen, immer weitere Gesetze zu erlassen, die immer mehr nur als Gängelung gesehen werden, aber nicht als Zeichen die Jugend vor etwas zu schützen. Vermutlich wird unsere Spaßgesellschaft das noch eine Weile aushalten und wenn uns das System, schon weil wir es nicht mehr bezahlen können, um die Ohren fliegt, dann können wir immer noch das Gegenteil machen. Ich sehe die Sendung "auf und davon" und da gibt es, in den USA, für unter 21 jährige keinen Alkohol. Die jungen Leute sehen aus wie unsere und scheinen das zu überleben. Bei uns ein Zeichen von Freiheit und Demokratie, dass es 14-15 jährige Alkoholiker gibt. Wer ohne Führerschein Auto fährt macht sich strafbar, wer Jugendlichen Alkohol gibt, ist ein prima Kerl und sehr modern. Wenn es die Eltern selber sind, dann steht ihnen das zu, da wird Jugendschutz zur Lachnummer. MfG. Rainer
timboe, 20.05.2009
5. .
Man denke nur an die geforderte Ausweitung der Prüfung auf Browsergames, durch Sozialministerin Haderthauer. Begründet mit dem hohen Suchtpotential von MMOs wie World of WarCraft. Vollkommen ungeachtet der Tatsache, dass dieses Beispiel natürlich schon geprüft ist, belegt es nur die unzureichende Sachkenntnis unserer Protektoren. Und natürlich die große Nützlichkeit des Werkzeuges, falls man mal wieder zu wenig mediale Aufmerksamkeit hatte. Hallo Rainer *wink Die haben aber auch den Springbreak in den USA und ein Faible für den Medikamentenmissbrauch und großartiges Probleme mit Crystallmeth. Und keinerlei Hemmungen bei der Darstellung von Gewalt, trotzdem scheinen die Ihnen ganz normal vorzukommen. Sind Sie jetzt auch gegen die Arbeit der BPjM? Nur Spaß, natürlich nicht.
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