Weltlehrerpreis Das ist die vielleicht beste Lehrerin der Welt

Marie-Christine Ghanbari ist Lehrerin im Münsterland. Beim Weltlehrerpreis steht sie im Finale - und kann eine Million Dollar gewinnen. Hier verrät sie, was guten Unterricht ausmacht.

Marie-Christine Ghanbari mit Schülern ihres Sportpaten-Projekts
Privat

Marie-Christine Ghanbari mit Schülern ihres Sportpaten-Projekts

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA/ Stefan Lehmann
    Marie-Christine Ghanbari, Jahrgang 1982, unterrichtet Deutsch, Mathe und Sport an der Gesamtschule Gescher im Münsterland und hat einen Lehrauftrag an der Uni Münster. Dort hat sie auch studiert und promoviert. 2013 wurde sie mit dem Cusanus-Preis ausgezeichnet. Jetzt ist sie in der Endrunde des "Global Teacher Prize". Die mit einer Million Dollar dotierte Auszeichnung wird von der Varkey GEMS Foundation vergeben, einer Stiftung des indischen Geschäftsmanns und Philanthropen Sunny Varkey, die sich weltweit für bessere Schulqualität und die Unterstützung benachteiligter Kinder einsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ghanbari, für den Global Teacher Prize haben sich 20.000 Lehrer aus 179 Ländern beworben - und Sie haben es unter die letzten 50 geschafft. Was macht Ihren Unterricht so besonders?

Ghanbari: Ich bin nicht nur Lehrerin, sondern auch Forscherin. Ich versuche, eine Brücke zu schlagen zwischen Schule, Uni, Forschung und Ehrenamt. Die Erkenntnisse aus der Forschung setze ich direkt in soziale Schulprojekte um. Für meine Dissertation in Sportpsychologie habe ich zum Beispiel das Bewegungsverhalten in Nigeria und Deutschland erforscht - und daraus ist ein Sportpatenprojekt entstanden, bei dem Sportstudierende und ältere Schüler Kinder mit ungünstigen Entwicklungsbedingungen ein Jahr lang begleiten. Mir geht es darum, Kinder im Glauben an sich selbst zu bestärken, und ihnen beizubringen, Verantwortung zu übernehmen und Probleme selbst zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht das konkret im Unterricht aus?

Ghanbari: Mein Unterricht beginnt häufig mit einem 'Train the Brain'. Das kann zum Beispiel ein Bewegungsspiel sein. Ich kopple Aufgaben gern mit Handlungen. So habe ich in Mathe die Schüler zum Beispiel den perfekten Basketballwurf berechnen lassen. Dafür haben sie in kleinen Gruppen mit Bällen experimentiert und sich die Lösung selbst erarbeitet. Das ist für mich das Entscheidende: Dass die Schüler lernen, sich Wissen selbst anzueignen und dabei Spaß haben. Wenn Schüler im Unterricht auch lachen können, fühlen sie sich wohl und lernen effektiver. Das haben auch internationale Studien gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das im Sportunterricht?

Ghanbari: Ich versuche, den Kindern Spaß an der Bewegung zu vermitteln, zum Beispiel mit afrikanischen Bewegungsspielen. Da geht es nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern um Rhythmus und Teamgefühl. So kann man auch Kinder begeistern, die sportlich nicht so fit sind. Niemand muss traurig in der Ecke stehen, und es ist unglaublich, wie kreativ die Kinder werden, wenn sie sich zum Beispiel eigene Choreografien mit Basketbällen ausdenken sollen. Kooperative und selbstbestimmte sportliche Aktivitäten stärken die Schüler, das haben auch die Ergebnisse meiner Doktorarbeit gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Choreografie mit einem Basketball?

Ghanbari: Ja, wir tanzen mit den Bällen, so wie im Hip-Hop. Da sind die meisten ganz scharf drauf, übrigens auch die Jungs. Im Sport muss es nicht immer um 'schneller und weiter' gehen. Ich bin in meiner Kindheit noch Bäume hochgeklettert, aber leider machen das viele jetzt nicht mehr. Als Lehrerin sehe ich mich deshalb auch als Moderatorin: Ich gebe den Kindern den Freiraum, einfach mal etwas auszuprobieren. Beim Skateboard fahren bringen sich die Schüler vieles selbst bei.

        Marie-Christine Ghanbari in Nigeria
Privat

Marie-Christine Ghanbari in Nigeria

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen steht Skateboard fahren auf dem Stundenplan?

Ghanbari: Ja, genau. Über das Sportpatenprojekt bin ich zu 'skate-aid' gekommen, einer gemeinnützigen Organisation, die Titus Dittmann gegründet hat. Ich bin dort sozusagen die wissenschaftliche Begleiterin. Wir haben unter anderem ein Projekt mit Flüchtlingskindern gestartet, bei dem alle zusammen Skateboards gestaltet haben. Jedes Kind hat seine eigene Kultur aufs Board gebracht, das war großartig. Natürlich mache ich auch mal was vor mit dem Board, aber das meiste erarbeiten sich die Kinder selbst.

SPIEGEL ONLINE: Und wie reagieren die Eltern darauf?

Ghanbari: Sehr positiv. Aber was sollten sie auch dagegen haben? Skateboard fahren ist nicht gefährlicher als Fußball. Und mein Verständnis von gutem Unterricht deckt sich mit dem der Schule. Autonomie und demokratische Erziehung stehen hier im Vordergrund. So wird zum Beispiel generell mit Tischgruppen gearbeitet: Jeweils vier Kinder, Jungen und Mädchen gemischt, lernen zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Setzen Sie auch elektronische Medien im Unterricht ein?

Ghanbari: Ich unterrichte mit PowerPoint. Und natürlich sollen die Schüler Google für Recherchen nutzen. Wenn es passt, zeige ich auch mal ein YouTube-Video. Da gab es zum Beispiel einen Song über binomische Formeln, der ist bei allen gut angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erstellen für jede Schulstunde eine PowerPoint-Präsentation?

Ghanbari: Ja, ich bin damit großgeworden, für mich ist das gar nichts Besonderes. Ich finde es praktisch, wenn ich nicht erst die Tafel vollschreiben muss, sondern gleich schon alles vor mir habe. Und für die Schüler ist es motivierend. Ich würde mir aber nie anmaßen, meinen Unterricht als das Nonplusultra zu sehen. Es gibt viele großartige Ansätze und viele großartige Lehrer, von denen ich viel gelernt habe und noch immer viel lerne. Wichtig ist, authentisch zu sein und eine Lehrmethode zu finden, die zu einem passt. Anders zu sein ist okay. Heterogenität bereichert den Unterricht.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht alle Lehrer bewerben sich bei solchen Ausschreibungen.

Ghanbari: Ich habe von dem Wettbewerb von Freunden erfahren und war gleich begeistert, weil er auf die Wichtigkeit des Berufs aufmerksam macht. Der Lehrberuf hat eine Schlüsselrolle für die gesellschaftliche Entwicklung. Ich habe zunächst Jura studiert, wollte mich für Kinder als Richterin oder Anwältin einsetzen. Da kann ich Kinder auf die richtige Bahn bringen, habe ich gedacht. Ein Richter hat mir dann die Augen geöffnet: Als Lehrerin kann ich viel mehr bewirken. Wenn ein Kind in der Schule auffällig ist, hat das immer einen Grund. Vielleicht haben sich die Eltern geschieden oder es gibt andere Probleme. Als Mentor hinter diesem Kind zu stehen und ihm zu zeigen: Du bist da, ich sehe dich - das ist so wichtig. Ich habe selbst erfahren, was es bedeutet, Mentoren im Leben zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Million gewinnen?

Ghanbari: Ich würde als Erstes das Sportpatenprojekt ausweiten. Da gibt es noch so viele Möglichkeiten! Auch in Nigeria engagiere ich mich noch und würde das gern weitertreiben. Als ich das erste Mal dort in der Schule war, gab es weder fließend Wasser noch durchgängig Strom. Jetzt gibt es 25 Rechner und Internet. Und ein E-Mentor-Programm, bei dem talentierte Schüler durch digitale Paten gefördert werden. Das Projekt soll noch erweitert werden, indem deutsche und afrikanische Schüler als App-Buddies zusammenarbeiten. Der Preis wäre deshalb nicht für mich, sondern für alle. Mein Leitspruch ist: 'I am because we are', ich bin, weil wir sind. Dieses Motto habe ich aus Nigeria. Das Miteinander steht für mich im Vordergrund, bei allem, was ich tue. Und Kinder sind für mich das Wichtigste auf der Welt.

insgesamt 43 Beiträge
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jackohnereacher 14.12.2016
1. Respekt!
Wohl dem Schüler, der von so einer Pädagogin unterrichtet werden darf. Absolute Hochachtung vor dieser Frau.
finger_weg 14.12.2016
2. Bravo
Davon müsste es mehr geben.
demokritos2016 14.12.2016
3.
„Vielleicht“ sollte Frau Töpper bei der Lehrerin einmal den Unterricht besuchen und sich mit Satzbau beschäftigen: "Das ist die vielleicht beste Lehrerin der Welt". Wie wäre es damit? "Das ist vielleicht die beste Lehrerin der Welt". Nur weil in der Tat alle Welt so seltsam daherredet, muss man das nicht online stellen. Meine Empfehlung: Wolf Schneider lesen!
Teilzeitalleinerzieherin 14.12.2016
4. Nichts gegen die Lehrerin, aber
auch in diesem Artikel scheint wieder sehr deutlich durch, dass ein "guter Lehrer" ein Lehrer ist, der sich für die irgendwie Benachteiligten engagiert. So lobenswert das ist, aber ich fände es schön, wenn sich auch mal ein Lehrer mit den ganz normalen in keiner Weise besonderen Kindern beschäftigen und diesen etwas beibringen würde.
uglyripper 14.12.2016
5.
Zitat von Teilzeitalleinerzieherinauch in diesem Artikel scheint wieder sehr deutlich durch, dass ein "guter Lehrer" ein Lehrer ist, der sich für die irgendwie Benachteiligten engagiert. So lobenswert das ist, aber ich fände es schön, wenn sich auch mal ein Lehrer mit den ganz normalen in keiner Weise besonderen Kindern beschäftigen und diesen etwas beibringen würde.
Wo genau steht geschrieben, dass die von ihr unterrichteten Schüler in irgendeiner Weise benachteiligt sind? Ein darüber hinausgehendes Engagement ist sicher sinnvoller für "Benachteiligte" als Bevorteilte eingesetzt, das ist bereits den Begrifflichkeiten zu entnehmen.
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