Globale Bildungskrise 2030 Die Welt wird dumm gehalten

Schon 2030 könnte mehr als der Hälfte der jüngsten Weltbevölkerung der Zugang zu Bildung verwehrt sein. Eine globale Gefahr, die eine Initiative verhindern will. Doch der Westen zahlt nur lächerliche Summen.

Kinder in Monrovia
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Kinder in Monrovia

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Nur knapp zwei Minuten spricht die 20 Jahre alte Nobelpreisträgerin aus Pakistan. Doch in dieser kurzen Rede bewirkt Malala Yousafzai mehr als all die Honoratioren hier, die lange, gestelzte Ansprachen vom Blatt lesen. "Ich kann nicht sagen, dass ich stolz bin auf den Fortschritt der letzten zwei Jahre", sagt Yousafzai. "Bisher scheitern wir."

Der Sitzungssaal des Uno-Wirtschafts- und Sozialrats ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Yousafzai steht vorne am Pult, in einen leuchtend orangefarbenen Hidschab gehüllt. Ihr Publikum: Uno-Generalsekretär António Guterres, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und weitere internationale Politiker.

"Was haben Sie denn bisher geleistet?", fragt Yousafzai sie. "Wir hatten so ehrgeizige Ziele." Und jetzt? "Wir lassen uns selbst im Stich."

Die Schelte ist verdient. Denn die Teilnehmer des Treffens wollen sich eigentlich auf die Schultern klopfen, dazu sind sie kürzlich ins Uno-Hauptquartier am New Yorker East River gekommen. Am Ende aber ist die Bilanz ernüchternd - und Yousafzai, bekannt für ihre Unverblümtheit, ist nicht die Einzige, die das erkennt.

Zukunft von mehr als der Hälfte der Kinder gefährdet

Im Mittelpunkt steht ein sperriges, doch brisantes Thema: die "globale Krise des Lernens", wie es die Weltbank in einem neuen Bericht nennt. Ergreife die Politik nicht schnellstens Notmaßnahmen, so warnt die Organisation, dann würden im Jahr 2030 insgesamt 825 Millionen Kinder keine Chancen haben, zu lernen. Das ist mehr als die Hälfte der jüngsten Weltbevölkerung.

Zu ähnlichen Erkenntnissen kommt die Unesco: Bereits jetzt könnten 617 Millionen Kinder und Jugendliche nicht lesen und rechnen. Am schlimmsten betroffen sind die Entwicklungs- und Schwellenländer, die so im Teufelskreis aus Armut, Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und Instabilität stecken bleiben. EineViertelmilliarde Kinder und Jugendliche weltweit kann erst gar nicht eine Schule besuchen.

Malala Yousafzai
AFP

Malala Yousafzai

Das wiederum bedroht die politische Sicherheit der ganzen Welt: Je ungebildeter die Kinder, desto anfälliger sind sie später für Propaganda, Fake News, Indoktrination, Extremismus und als Populismus getarnten Autoritarismus.

Trotzdem tun viele reiche Länder, als ginge sie das nichts an. Das zeigt sich auch hier bei der Uno-Konferenz: Die meisten Teilnehmer stammen aus Entwicklungsländern. Die einzigen prominenten Vertreter des Westens am Tisch sind neben Frankreichs Präsident Macron Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg und der britische Ex-Premier Gordon Brown, der jetzt Uno-Sonderaufbeauftragter für globale Bildung ist.

Geberkonferenz soll mehr Geld denn je bringen - und doch zu wenig

Die USA sind nicht dabei. Kein Wunder: Präsident Donald Trump hält wenig von der Uno und von Entwicklungshilfe sowieso, solange sie den USA nichts nutze. Seine Bildungsministerin Betsy DeVos, eine Milliardenerbin, demontiert derweil das öffentliche US-Schulsystem zugunsten privater Schulen, die die Kinder Besserverdienender bevorzugen.

Immerhin: Die Bildungsrunde verpflichtet sich zu ihrer bisher größten Finanzinitiative. 3,1 Milliarden Dollar soll eine Geberkonferenz im Februar zusammenbringen. Damit soll das "Global Partnership for Education" (GPE) unterstützt werden - ein Netzwerk, das 65 Staaten unterstützt, die Hälfte davon in Konfliktgebieten. Seine bekannteste "Botschafterin" ist die Sängerin Rihanna, die im Sommer ins afrikanische Malawi reiste, wo es vor allem den Mädchen schlecht geht.

"Es ist erstaunlich, dass es im Bildungsbereich so wenig internationale Hilfe gibt", klagt GPE-Chefin Julia Gillard, die ehemalige Ministerpräsidentin von Australien, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch Deutschland gebe zwar "relativ viel", gucke bei der Verteilung aber "genauer hin" und stecke das meiste in bilaterale Projekte wie etwa Stipendien.

Kurzfristige Erfolge bleiben aus

Die Dringlichkeit der Bildung, sagt Guillard, lasse sich nur schwer vermitteln. Schließlich dauere es ziemlich lange, bis konkrete Resultate zu sehen seien: "länger als die Legislaturperioden der Politiker, die die Gelder bewilligen müssen". Selbst die jetzt vereinbarte Milliardenspritze sei eigentlich ein Witz: "Wir brauchen 39 Milliarden Dollar."

Denn man muss ganz unten anfangen. In vielen betroffenen Ländern können Millionen Kinder bis heute nicht lesen und schreiben oder einfachste Mathe-Aufgaben lösen, trotz längeren Schulbesuchs. Diese Kinder, oft zusätzlich durch Armut, Konflikte, Geschlecht oder Behinderung benachteiligt, werden zu Erwachsenen, denen es an Lebenskompetenzen fehlt.

Die Weltbank zitiert erschütternde Beispiele aus vielen Regionen. In Kenia, Tansania und Uganda scheiterten Drittklässler schon an der Aufgabe, auf Englisch oder Swahili den Satz "Der Name des Hundes ist Fido" vorzulesen.

"Wir dürfen die Wortführer unserer Zukunft nicht verlieren", sagt Malala Yousafzai, die ihren eigenen Kampf für Schulbildung unter den Taliban damals fast mit dem Leben bezahlte. "Ich bitte euch: Vergesst uns nicht!"



insgesamt 41 Beiträge
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GoaSkin 15.11.2017
1.
Von allen Problemen in der Welt kann man sich weder freikaufen, noch Diese weg spenden. Man sollte viel mehr einmal die westliche Arroganz ablegen und aufhören, in den Entwicklungsländern die Business-Kultur der Industrieländer als Leitkultur der Welt zu preisen. Die Regionen der Dritten Welt sind seit vielen Jahrhunderten besiedelt. Die Menschen konnten dort zufrieden leben, bis der weiße Mann kam und für einen nachhaltigen Kulturschock sorgte - ganz in Tradition der christlichen Mission.
Florian_L 15.11.2017
2. Immer der Westen?
Wie so oft scheint auch einzig und allein der Westen für die Krise verantwortlich zu sein. Nicht unwesentliche Faktoren dürften auch die ungebremmste Bevölkerungsentwicklung, die mangelnde Effizienz und die hohe Korruption in vielen Entwicklungsländern darstellen, die auch jeden kleineren Fortschritt wieder zurückwirft. Das wird aber nicht weiter thematisiert, sondern natürlich braucht es immer nur mehr Geld aus dem Westen.
KuGen 15.11.2017
3. DSer Westenb muss fast alles tun....
.....und die Explosion der Weltbevölkerung aufzuhalten. Die Zahlung enormer Beträge für die Bildung in Afrika (etc) ist hier genau kontaproduktiv.
KlausF20 15.11.2017
4. Gigantisch
Es kann gar nicht hoch genug eingeschätzt, welche globalen Auswirkungen dieses Problem mit sich bringt. Vor allem eine möglichst weitgehende Bildung für Mädchen und junge Frauen hätte in vielen Bereich von Bevölkerungswachstum über Umwelt bis hin zu Krieg und Frieden enorme positive Auswirkungen. Schade, dass nur wenige die Weitsicht aufbringen...
Plasmabruzzler 15.11.2017
5.
Ich kann nicht verstehen, warum der Westen angeblich so wenig zahlen soll. In den besagten Ländern gibt es sehr viele Reiche, die den Armen jedoch nicht genug für den täglichen Bedarf - auch Bildung - abgeben. Da gilt das Motto: Sagt der Priester zum Fürsten "Halt du sie arm, ich halte sie dumm". Die Strukturen muss man vor Ort aufbrechen bzw. aufbrechen lassen. Allein mit Geld verändert man da nichts. Des weiteren nutzt Schulbildung jemandem wenig, dessen weiteres Leben durch kulturelle Strukturen vorbestimmt ist und seine Zukunft beim indigenen Naturvolk sein wird. Bei solchen Naturvölkern käme es auch nicht gut, wenn in den Ländern die Schulpflicht eingeführt werden sollte. Wurde in besagten Ländern auch einmal erhoben, wie viele Menschen dort Bildung (insb. Schule) nachfragen?
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