Gothic-Festival in Leipzig Schwarz ist bunt

Tausende von Gruftis gehen um in Leipzig. Das "Wave Gotik Treffen" taucht die Stadt an Pfingsten in Schwarz. Dabei zeigt die Gothic-Szene, wie viele Schattierungen selbst die Farbe Schwarz haben kann - wobei sich die Schwarzen nicht immer grün sind.

Von Almut Steinecke, Leipzig


Leipzig - Der Herr trägt einen Anzug in Hellgrau, seine Gattin ein Abendkleid in Beige. Die beiden Eheleute gehobenen Alters kommen gerade aus einem Beethovenkonzert, spazieren jetzt durch die Innenstadt - und stechen wie zwei Paradiesvögel aus der Masse: Um sie herum sind fast nur Menschen in schwarzer Kleidung. "Aber wir haben uns daran gewöhnt", sagt der Mann, "schließlich bin ich gebürtiger Leipziger." Und schließlich ist dies hier der Auftakt zum "17. Wave Gotik Treffen" - und da kehrt sich der Exoten-Effekt glatt um.

Schwarz muss nicht immer schwarz sein: Selbst die Kontaktlinsen passen bei dieser Besucherin des Wave-Gotik-Treffens zu Lippen und Haaren
DPA

Schwarz muss nicht immer schwarz sein: Selbst die Kontaktlinsen passen bei dieser Besucherin des Wave-Gotik-Treffens zu Lippen und Haaren

Unter den rund 20.000 Schwarzen, die aus allen Ecken der Welt für die vielen schwarzen Konzerte, Lesungen, Märkte und Partys angereist sind, sticht jeder Normalo hervor - wie ein bunter Fleck auf schwarzem Hintergrund. Wobei es bei diesem Festival aber nicht nur um reine Düsterdominanz von Schwarz geht, geballt an vier Tagen, es geht um mehr. Wer genauer hinguckt, entdeckt: Kaum eine Kultur spielt so eigenwillig mit einer Farbe, variiert, interpretiert und kombiniert sie in den unterschiedlichsten stylischen Strömungen.

Die 27-jährige Melanie, die gerade im Studententreff "Moritzbastei" bei einem Milchkaffee entspannt, kann das nur bestätigen; für sie bedeutet "Schwarz-Sein" überdies nicht ausschließlich "Schwarz-Tragen". Melanie, die Pflegemanagement in München studiert, zählt sich zu den "Cyber-Gothics", den selbsternannten "Neon-Kindern", die in den letzten Jahren immer mehr die Szene bevölkern.

"Fasching ist vorbei"

Auf dem Kopf der Studentin thront eine überdimensionale Schweißerbrille, in ihre schwarzen Haare hat sie schulterlange grellpinke Kunststoffschläuche wie futuristische Rastalocken eingearbeitet. Vor vier Jahren hat sich Melanie der schwarzen Szene angeschlossen, damals zählte sie sich noch zu der "romantischen Rüschchenfraktion" mit Fächer, Reifrock und Spitzenschirmchen. Durch ihren neuen Freund ist sie vor einem Jahr mit dem "Cyber-Style" in Berührung gekommen, der noch mehr ihrem Wunsch nach "Ausgleich für die Alltagsanpassung" nachkam: "weil man sich innerhalb der Szene noch mal abhebt - man sieht aus wie eine Fantasyfigur".

Alexander, 18, Schüler aus Bocholt, fühlt sich momentan auf der Flaniermeile des Agra-Messegeländes wohl, denn hier sieht man vielerorts grelle Neons wie ihn. Dafür hat man ihm in heimischen schwarzen Discos auch schon mal "Fasching ist vorbei!" hinterhergerufen, ihn die Toleranz der Szene in Frage stellen lassen.

Besonders in schwarzen Internet-Foren, wo es sich anonym am muntersten lästern lässt, werden Cyber-Gothics angegriffen, erzählt auch Melanie. "Da ist es mir schon mal passiert, dass wir als Schande für die Szene beschimpft wurden", nicht nur durch ihr Aussehen; da Cyber-Gothics sich auch durch einen raumfordernden Tanzstil auszeichnen, mit Armbewegungen, die an die Gestik von Flugzeug-Einwinkern erinnern, fühlen sich besonders diejenigen Schwarzen gestört, die sich den Anfängen der Bewegung nahe fühlen.

Auspowern in der Fetisch-Ecke

Die 20-jährige Studentin aus Bochum zum Beispiel, die ein paar Meter weiter im sonnendurchfluteten Park der Moritzbastei auf der Wiese hockt: Die Gothpunk-Frau mit der Plüschkröte auf der Schulter, die sich mit dem Spitznamen "Kitten" vorstellt und katholische Theologie in Bochum studiert, ist "stolze Iro-Trägerin", schwört auf die Punkwurzeln der Schwarzen und findet sich authentischer als die Cyber-Leute; die hechelten nur einem Modetrend nach.

Janina aus dem oberfränkischen Hof trägt ein knappes Kleid aus hautengem Lack, mit einem Oberteil, das einerseits eng den Hals umschließt, andererseits unterbrochen ist von einem tiefen Brustausschnitt. Von ihrem Look her würde sie in die Fetisch-Ecke passen, deren Lack- und Latex-Style viele Schwarze magisch anzieht - und auch Janina fasziniert. Trotzdem ist sie bei der Fetisch-Fraktion "mehr Zuschauerin" und sieht ihr Faible für Lack eher stimmig mit ihrer Vorliebe für knallharten Electro von Bands etwa wie "Combichrist". "Schwarz-Sein bedeutet für mich vor allem, mich zu aggressiver Musik auszupowern, heftig zu tanzen, bis ich kaum noch Luft kriege."

Xenia, 19, trägt einen Traum aus tiefrotem Taft, schwebt durch die Straßen von Leipzig und lässt sich von allen Seiten bestaunen und fotografieren. Aber nicht alle Schwarzen, die sich für den klassisch-historischen Style entschieden haben, können so locker mit dem umständlichen Look umgehen. Die 19-jährige Studentin Sandra, süß wie eine Prinzessin mit Schillerlöckchen, Schleifchen und einem schulterfreiem Kleid mit imposantem Reifrock, plagt jedenfalls momentan ein ganz profaner Gedanke: "Hoffentlich muss ich nie zur Toilette."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.