Bodycams für britische Lehrer Big Teacher is watching you

In Polizeimanier tragen Lehrer an zwei britischen Schulen neuerdings Kameras am Körper: Sie sollen damit Schüler filmen, die stören. Das Projekt ist umstritten.

Ein Polizist trägt eine mobile Miniaturvideokamera (Bodycam) auf seiner Schulter (Symbolbild)
DPA

Ein Polizist trägt eine mobile Miniaturvideokamera (Bodycam) auf seiner Schulter (Symbolbild)


Sie quasseln mit dem Sitznachbarn, rascheln mit Butterbrotpapier, bewerfen sich mit Radiergummis: Störenfriede gibt es in jeder Klasse. An zwei britischen Schulen sollen Lehrer jetzt mithilfe von Bodycams, Kameras, die am Körper getragen werden, für Ruhe sorgen. Es ist ein Testlauf, der zunächst für drei Monate angelegt ist - und für heftige Kontroversen sorgt.

Die Idee: Lehrer halten Verfehlungen im Video fest, um dann die Schüler - oder auch deren Eltern - damit zu konfrontieren und Missetäter zur Rechenschaft zu ziehen. So sollen die Schüler abgeschreckt werden, sich überhaupt danebenzubenehmen.

"Lehrer haben die Nase voll davon, dass sie nicht mehr unterrichten können", sagte Tom Ellis, Mitarbeiter des Instituts für Strafjustiz an der Universität Plymouth, dem "Guardian". Er begleitet das Pilotprojekt als Wissenschaftler - und hatte sich auch schon für den Einsatz von Bodycams bei britischen Polizisten eingesetzt.

Die Lehrer würden die Kameras sehr offen tragen, sagte Ellis dem Sender BBC. Allerdings seien sie nicht die ganze Zeit angeschaltet. Die Pädagogen sollen selbst entscheiden, wann sie die Filmaufnahme starten.

In Großbritannien stößt die Aktion auf massive Skepsis. Daniel Nesbitt, Forschungsleiter bei der Organisation Big Brother Watch, warnte im "Guardian", mit dem Einsatz der Bodycams bestünde das Risiko, dass "Lehrer zu Schnüfflern werden". Das Ganze wirke wie eine völlig überzogene Reaktion auf ein jahrhundertealtes Problem.

In einer Umfrage des Times Educational Supplement die am Freitag veröffentlicht wurde, geben immerhin 38 Prozent von rund 600 befragten Lehrern an, sie seien bereit, eine Bodycam im Klassenzimmer zu tragen.

Die Idee sei verlockend, aber: "Ich würde niemals eine Kamera am Körper tragen, wenn ich in der Schule unterrichte", schreibt die Lehrerin Lola Okolosie in einem Artikel für den "Guardian". Der Lehrerberuf bestünde dann nur noch darin, Schüler beim Versagen zu erwischen.

"Die meisten Lehrer würden sich ein Instrument wünschen, um das schlechte Benehmen ihrer Schüler festzuhalten und dann zu erleben, wie sich der kleine Joshua windet, wenn man seinen beschämten Eltern zeigt, wie er mal wieder im Unterricht gequatscht hat", so Okolosie. Aber: "Kinder werden sich immer danebenbenehmen, das liegt in ihrer Natur. Das ist nervig, rechtfertigt aber nicht, sie einer ständigen Überwachung zu unterziehen."

Ein Lehrer aus Leeds wünscht sich dagegen die Bodycams für Lehrer. "Ich wurde schon angegriffen, während ich unterrichtet habe", sagte Tom Starkey dem Sender BBC. Eine Bodycam hätte nicht nur zeigen können, was passiert sei, sondern auch, was er hätte anders machen können.

fok

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Thorkh@n 10.02.2017
1. Dann sollten ...
... die Schüler aber auch eine Bodycam tragen dürfen, um zeigen zu können, wenn sich Lehrer als unfähig erweisen oder gar Schüler mobben. Die Unschuldsvermutung muss dann in beide Richtungen aufgehoben werden. Was das wohl für eine Gesellschaft wäre?
seikor 10.02.2017
2. was für eine Entwicklung...
Wieso nur bodycam? Dann doch gleich mehrere Cams mit Livestream nach Hause. Gugl liefert die Videoanalysesoftware dazu... Das einzige, wo ich für Überwachungskameras bin, ist der Autoverkehr. Mitschneiden und die Dashcambilder beim Unfall als Beweismittel vorzeigen. Streamen muss verboten sein. Die Schule ist der falsche Platz. Hier wären eher empfindliche Strafen für renitente Schüler angebracht. Leider fährt hier der Zug aber auch pro Eltern und contra Lehrer...
lupulus 10.02.2017
3. Bodycam ist eine Bankrotterklärung in der Schule
1. Wenn Schüler den Unterricht stören, dann muss sofort reagiert werden, weil sonst Unterrichtszeit verplempert wird. 2. Wichtig sind die Sanktionen auf Störungen. Um diese zu begründen, reicht auch ein Eintrag. 3. Bodycams zur Überwachung, egal ob Schüler oder auch Lehrer, unterminieren die grundlegende Basis für den Unterricht, eine vertrauensvolle Beziehung. 4. Auch Lehrer können zur Entstehung und Eskalation von Unterrichtsstörungen beitragen; durch eine gute Lehrerausbildung und berufsbegleitende Inter- oder Supervision kann das Problem minimiert werden. In Deutschland gab es speziell dafür das Konstanzer Trainingsmodell, welches aber leider in Vergessenheit geraten ist. Der Glaube, mit Digitaltechnik alle unsere menschlichen Probleme lösen zu können, ist naiv.
vox veritas 10.02.2017
4.
Zitat von Thorkh@n... die Schüler aber auch eine Bodycam tragen dürfen, um zeigen zu können, wenn sich Lehrer als unfähig erweisen oder gar Schüler mobben. Die Unschuldsvermutung muss dann in beide Richtungen aufgehoben werden. Was das wohl für eine Gesellschaft wäre?
Die Schüler filmen den Unterricht schon jetzt mit ihren Smartphones.
verspiegelung 10.02.2017
5. Möglicherweise sinnvoll
Zitat von Thorkh@n... die Schüler aber auch eine Bodycam tragen dürfen, um zeigen zu können, wenn sich Lehrer als unfähig erweisen oder gar Schüler mobben. Die Unschuldsvermutung muss dann in beide Richtungen aufgehoben werden. Was das wohl für eine Gesellschaft wäre?
Vielleicht eine zumindest fairerer als das bisherige Modell, wo dann im Streitfall Aussage/Erinnerung gegen Aussage/Erinnerung steht … es gibt nichts schlimmeres als Menschen zu sehen, die zu beschreiben versuchen, "wie etwas sich genau abgespielt hat". Dafür ist unser Hirn schlichtweg nicht gemacht worden. Deswegen habe ich auch kein Problem per se mit Bodycams, nur damit, wenn auf diese nur nach Lust und Laune einer der beiden Parteien zum Einsatz kommen. Wenn schon, dann sollte Symmetrie zwischen beiden Parteien herrschen. Denn sich andern gegenüber wie der letzte Mensch zu benehmen, sollte kein Grundrecht sein, für niemanden.
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