70 Jahre Kriegsende Mein Opa und der Hitlergruß

Annina Ducceschis Großeltern waren Kinder in Berlin während des Zweiten Weltkriegs. Die 18-jährige Schülerin schreibt jetzt ihre Abschlussarbeit darüber, wie sie die Zeit im Bunker und auf der Flucht erlebt haben.

Ein Interview von

Kinder in Nachkriegsdeutschland: "Mit Handgranaten gespielt"
DPA

Kinder in Nachkriegsdeutschland: "Mit Handgranaten gespielt"


Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Annina Ducceschi,18, beschäftigt sich in ihrer Abschlussarbeit am Gymnasium mit den Anekdoten, die ihre Großeltern ihr über den Zweiten Weltkrieg erzählt haben. Die Schülerin aus Zürich macht im nächsten Jahr Abitur.
SPIEGEL ONLINE: Frau Ducceschi, Sie schreiben Ihre Abschlussarbeit am Gymnasium über Erlebnisse, die Ihren Großeltern im Zweiten Weltkrieg widerfahren sind. Warum?

Ducceschi: Meine Großeltern aus Berlin haben mir schon immer Geschichten vom Krieg erzählt, die mich sehr berührt haben, die ich mir aber nie genau merken konnte. Ich wollte sie daher sammeln und aufschreiben. Was heißt es, im Krieg aufzuwachsen und zurechtzukommen? Wie sah ihr Alltag aus? Am meisten interessiert mich dabei, wie sie als Kinder den Krieg erfahren haben. Meine Oma und mein Opa sind beide 1937 in Berlin geboren, zwei Jahre bevor der Zweite Weltkrieg begann. Sie haben damals in derselben Straße gewohnt und kannten sich vom Sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Großeltern den Krieg erlebt?

Ducceschi: Meine Urgroßeltern haben mit ihren Kindern nicht über Politik geredet. Die Kinder wussten also nicht, was los war. Vor allem haben sie mit ihnen nicht über Hitler gesprochen, weil sie Angst hatten, sie könnten in der Schule etwas Falsches über ihn sagen. Die Kinder haben auch die Kriegssymbolik überhaupt nicht verstanden. Mein Opa erzählte mir davon, wie er an Hitlers Geburtstag mit seinen Klassenkameraden den Hitlergruß machen sollte. Er hob den rechten Arm, aber weil mein Opa nach einer Weile keine Kraft mehr hatte, streckte er dann einfach den linken Arm aus.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Großeltern haben in Berlin gewohnt. Wie haben sie die Bombenangriffe erlebt?

Ducceschi: Am Ende des Krieges mussten sie jede Nacht im Bunker ihres Hauses verbringen. Die Erwachsenen hatten die ganze Zeit Angst. Sie haben sich große Sorgen gemacht und befürchtet, ihr Haus stünde nicht mehr, wenn sie am nächsten Morgen wieder nach oben gingen. Aber die Kinder hatten ganz andere Probleme. Meine Oma hatte einmal vergessen, ihren Teddybären mit in den Bunker zu nehmen und wollte ihn unbedingt holen.

SPIEGEL ONLINE: Ist sie gegangen?

Ducceschi: Ja, sie schlich sich an den Erwachsenen vorbei und lief zurück ins Wohnhaus. Bevor sie die Wohnung im ersten Stock erreichte, schlug im Nachbarhaus eine Bombe ein. Durch die Druckwelle zersprangen die Fenster und meine Oma wurde die Treppe zum Keller heruntergeschleudert. Mit großem Glück hat sie überlebt, doch seit diesem Ereignis hatte sie einen Sprachfehler: Sie fing plötzlich an zu stottern - und tat es dann die ganze Schulzeit über. Erst später wurde ihr klar, dass das Stottern mit dem Schock zu tun hatte.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Ihre Großeltern gar keine Angst?

Ducceschi: Sie waren sich vieler Gefahren nicht bewusst. Bevor die Alliierten Bomben über Berlin abwarfen, feuerten sie Leuchtraketen ab, um zu schauen, wo noch Häuser standen. Die Erwachsenen wussten, was das bedeutet, aber die Kinder fanden diese Lichter am Himmel toll, sie erinnerten sie an den Christbaum.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Großeltern das Ende des Krieges erlebt?

Ducceschi: Gegen Kriegsende wurde meine Uroma mit ihren Kindern nach Schlesien evakuiert, wo sie bei einer Nazifamilie Unterschlupf fand. Mein Opa lebte nach der Flucht aus Berlin in Platkow bei seinen Großeltern. Das Haus, in dem er untergekommen war, hatte einen Garten und mein Opa hat erzählt, dass sie aus den Dingen, die sie dort fanden, Bomben und Panzer gebaut haben. Sie spielten auch mit Handgranaten. Manchmal haben sie die Granaten gezündet und in einen See geworfen und sich dann gefreut, wenn das Wasser blubberte und tote Fische nach oben gespült wurden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist aus Ihren Großeltern geworden?

Ducceschi: Beide sind irgendwann zurück nach Berlin gezogen, dort wohnten sie wieder in derselben Straße. Doch als sie 16 waren, verloren sie sich erneut aus den Augen. Viele Jahre später haben sie sich zufällig wieder getroffen. Meine Oma war damals schon verheiratet. Aber sie ließ sich scheiden, um den Rest ihres Lebens mit meinem Opa zu verbringen.

SPIEGEL ONLINE: Viele ältere Menschen erzählen nicht gern vom Krieg. Warum ist das bei Ihren Großeltern anders?

Ducceschi: Sie haben uns schon immer vom Krieg berichtet, für sie ist das kein Tabuthema. Auch mit meinen Eltern und meinem Zwillingsbruder unterhalte ich mich darüber. Ich interessiere mich eben sehr dafür und frage oft nach. Mein Opa hat außerdem viel Humor und erzählt gern von seinen Kinderstreichen. Da spielt der Krieg auch immer eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Interessieren sich Ihre Mitschüler auch so sehr für den Zweiten Weltkrieg wie Sie?

Ducceschi: Nein. Sie haben dazu keinen persönlichen Bezug. Ich stehe meinen Großeltern sehr nahe und interessiere mich für ihr Leben. Ich möchte wissen, was sie die vergangenen 75 Jahre gemacht haben. Für meine Schweizer Mitschüler ist der Zweite Weltkrieg wahrscheinlich nichts anderes als die Französische Revolution.

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Ontologix II 20.05.2015
1. saluto romano
Ich kann mich auch noch erinnern, wie man mir den "Deutschen Gruß" beibrachte, den Hitler wie fast alles Andere von seinem Vorbild Mussolini übernommen hatte. Ich erinnere mich auch noch, wie ich den gerade erlernten Gruß mit einem Mal nicht mehr praktizieren durfte. Schlimmer für mich als Kleinkind waren die nächtlichen Sirenen, wenn die englischen Bomber auf die Innenstädte anflogen. Die Amerikaner bombardierten wenigstens tagsüber und zielten auf Militäranlagen und Fabriken. Ich wünsche den jungen Menschen von heute keine solchen Erlebnisse, freue mich aber, wenn sich jemand aus der jungen Generation mit dieser unseligen Vergangenheit befasst.
lili-noel 20.05.2015
2. Danke
Zitat von Ontologix IIIch kann mich auch noch erinnern, wie man mir den "Deutschen Gruß" beibrachte, den Hitler wie fast alles Andere von seinem Vorbild Mussolini übernommen hatte. Ich erinnere mich auch noch, wie ich den gerade erlernten Gruß mit einem Mal nicht mehr praktizieren durfte. Schlimmer für mich als Kleinkind waren die nächtlichen Sirenen, wenn die englischen Bomber auf die Innenstädte anflogen. Die Amerikaner bombardierten wenigstens tagsüber und zielten auf Militäranlagen und Fabriken. Ich wünsche den jungen Menschen von heute keine solchen Erlebnisse, freue mich aber, wenn sich jemand aus der jungen Generation mit dieser unseligen Vergangenheit befasst.
Schön, wenn Zeitzeugen nicht davor zurückschrecken, von damals zu erzählen. Meine Großmutter - 1928 geboren - berichtet leider nicht darüber.
mmaaeepp 20.05.2015
3. bei mir genauso
ich habe zu allen meinen 4 Grosseltern ein sehr enges Verhaeltnis (gehabt). Leider haben sie nie, trotz unzaehliger Nachfragen, ihre Kriegserlebnisse mit mir geteils. Heute ist nur noch 1 Opa uebrig (1930 geboren) und ich befuerchte er wird als letzter Zeitzeuge unserer Familie seine Erlebnisse mit ins Grab nehmen.
koenigludwigiivonbayern 20.05.2015
4. Bellamy-Salute
Der sogenannte "Hitlergruß" ist der ameikanische "Pledge of Allegiance (Fahneneid)" in seiner Version vor 1941. Hitlers PR-Berater Ernst Sedgwick "Putzi" Hanfstengel hatte die Geste während seiner Studienzeit bei Cheerleadern der Harvard University abgeschaut und in Deutschland eingeführt. Nach dem Kriegseintritt der USA 1941 wurde der "Pledge of Allegiance", auch genannt nach dessen Erfinder "Bellamy Salute", in den USA wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Hitlergruß geändert. Wichtig ist das, wenn man alte Sportveranstaltungen, z.b, die Olympiade Berlin 1936 sieht, und jemand behauptet, Amerikaner, Franzosen oder Japaner seien mit dem Hitlergruß ins Stadion einmarschiert. Das ist Unsinn. Die machen den Bellamy-Salute. http://is.gd/gZ9gUH
Ontologix II 20.05.2015
5.
Zitat von mmaaeeppich habe zu allen meinen 4 Grosseltern ein sehr enges Verhaeltnis (gehabt). Leider haben sie nie, trotz unzaehliger Nachfragen, ihre Kriegserlebnisse mit mir geteils. Heute ist nur noch 1 Opa uebrig (1930 geboren) und ich befuerchte er wird als letzter Zeitzeuge unserer Familie seine Erlebnisse mit ins Grab nehmen.
Wer um 1930 und davor geboren wurde, kann - solange er kein Jude oder Sinti war - durchaus angenehme Erinnerungen an das sog. 3. Reich gehabt haben. Er erfuhr von seinen Eltern z.B., dass es nach Versailler Vertrag und den zwei Wirtschaftskrisen 1920 und 1929 dann unter den Nazis wieder aufwärts ging, dass es in der HJ und im BDM Budenzauber gab usw. Ich bin Jahrgang 1940 und kenne nur die nächtlichen Sirenenalarme, die Paniken im Keller wenn die Bomben wummerten und den Hunger nach dem Krieg. Dabei bin ich als Bayer noch relativ glimpflich davongekommen. Mein Vater, Jahrgang 1900, berichete auch kaum etwas. War allerdings Alter Kämpfer und SA-Mann, der nie irgendetwas einsah. Er starb 1981 als Nazi und Antisemit. Danke auch an lili-noel für ihren Beitrag. Ich berichte gerne mehr, da sonst eh kaum jemand was aus jener Zeit hören will. Leider hat man aus den damaligen Fehlern der Menschheit nichts gelernt, wie die Nachkriegsgeschichte zeigt(e).
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