Grundschulen Kleinere Klassen bringen nichts

Eine neue Schulstudie zeigt, wie sehr Arbeiterkinder bei der Auswahl fürs Gymnasium benachteiligt sind. Zugleich widerlegen die Forscher ein Lieblingsanliegen von Eltern und Politikern: Sind weniger Schüler in einer Klasse, lernen sie keineswegs besser.

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Iglu-Folgestudie: Schieflage an deutschen Schulen
Als Wilfried Bos vor knapp anderthalb Jahren die Ergebnisse der großen Iglu-Bundesländerstudie präsentierte, interessierte plötzlich nicht mehr, was der Schulforscher herausgefunden hatte. Stattdessen erstaunte, was der Professor aus Dortmund überhaupt nicht untersucht hatte: wie ungerecht es im deutschen Schulsystem zugeht.

Wie viel leichter kommt - bei gleicher Leistung - ein Kind ans Gymnasium, nur weil sein Vater ein Professor und kein einfacher Arbeiter ist? Das ist die große soziale Frage im gegliederten deutschen Schulsystem, und eine Antwort hätte Bos schon damals geben können. Die Daten lagen schließlich vor, die große Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung ( Iglu) 2006 hatte sie geliefert.

Aber die Kultusminister wollten davon offenbar gar nichts wissen. Bei gemeinsamen Projekten müssen sie stets den kleinsten gemeinsamen Nenner finden - und ihre Furcht vor Debatten über das richtige Schulsystem ist groß. In dem Auftrag, den die Kultusminister Bos und anderen Wissenschaftlern erteilt hatten, war diese Auswertung nicht mehr vorgesehen, anders als noch bei der Vorgängerstudie, dem Iglu-Bundesländervergleich inklusive Sozialauswertung.

Nun aber geben die Wissenschaftler, mit einiger Verspätung, nicht nur diese Antwort. Unter Federführung von Bos haben sie neue Studien versammelt, zu ganz unterschiedlichen Themen - von sozialen Schieflagen bei der Grundschüler-Verteilung auf weiterführende Schulen bis zum Einfluss von großen und kleinen Klassen.

Akademikerkind aufs Gymnasium, Arbeiterkind auf die Hauptschule

Gemeinsam ist den Untersuchungen die Grundlage, die letzte Iglu-Erhebung, die die Lese-Leistung von Viertklässlern misst. Im internationalen Vergleich stand Deutschland dabei ganz gut da, noch knapp im oberen Viertel der Teilnehmerstaaten. Deutschland erreichte Platz 11 von 44; Thüringen rangierte deutlich über dem deutschen Mittelwert, Hamburg und Bremen lagen darunter.

Das war bekannt. Neu aber sind die Zahlen, die bald veröffentlicht werden sollen. Kinder von Führungskräften haben demnach deutlich größere Chancen als Arbeiterkinder, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen - die Chance ist 4,06 mal größer, wenn man die Lehrer-Empfehlungen betrachtet, und gar 4,46 Mal größer, wenn man die Eltern fragt. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind beträchtlich. Im Saarland, in Hamburg und in Hessen bestehe "eine besonders enge Koppelung mit der sozialen Herkunft der Kinder", so die Forscher.

Die Forscher berechnen in einem zweiten Schritt, inwieweit sich die Herkunft auswirkt, wenn Kinder gleiche Leseleistungen und Fähigkeiten aufweisen. In diesem Fall sei die Chance für ein Kind aus höheren Schichten im Bundesdurchschnitt immer noch rund drei Mal größer, dass es zum Gymnasium geschickt wird. Besonders im Saarland und in Sachsen bestehe ein solcher Zusammenhang zur Herkunft. In immerhin fünf Bundesländern aber fanden die Forscher keine signifikanten Unterschiede für gleich gute Schüler aus sozial unterschiedlichen Elternhäusern: Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen.

In ihrem Fazit fragen die Forscher, "wie - unter Beibehaltung des bisherigen Systems - das unvermeidliche Ausmaß der Fehlentscheidungen angemessen gestaltet werden kann". Aus ihrer Sicht spricht vieles dafür, ein Kind eher auf eine höhere Schule gehen zu lassen: im Zweifel für das Gymnasium. Die Forscher plädieren für einen "pädagogischen Optimismus", da erfahrungsgemäß viele Schüler, denen die Lehrer keine Eignung für das Gymnasium bescheinigt hätten, dort nicht scheiterten.

Kleine Klassen, keine Wirkung

Weitere Studien beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen, etwa mit dem Einfluss der Klassengröße auf die Leistung der Schüler oder das Befinden der Lehrer. Eltern fordern immer wieder, dass die Klassen ihrer Kinder kleiner werden sollen, und Politiker versprechen es immer wieder. Aber lohnen sich kleinere Klassen tatsächlich? Klare Antwort der Wissenschaftler: nein.

Nach ihren Erkenntnissen erbringen die Schüler keine besseren Leistungen, wenn weniger Schüler zusammen lernen. Auch fühlen sich die Lehrer nicht weniger belastet. Ein Einfluss der Klassengröße sei nicht nachweisbar, heißt es in der Studie. Klassen zu verkleinern, sei darum nicht empfehlenswert. Besser seien "Maßnahmen zur Steigerung der Unterrichtsqualität, die sich direkt auf den Unterricht richten", meinen die Forscher. Als Beispiele nennen sie "die Unterstützung der Diagnosefähigkeit von Lehrkräften oder die Implementierung von Fördermaßnahmen oder auch einfach ein Mehr an Unterricht".

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie jetzt die Iglu-Wissenschaftler war bereits vor einigen Jahren die Essener Forscherin Grit Arnhold gekommen. Für ihre Doktorarbeit hatte sie vierte Klassen verglichen, kleine mit großen. Das vernichtende Fazit: "In der Regel lassen die Lehrer die Chancen kleinerer Klassen ungenutzt." Bei einem Frontalunterricht mache es "keinen Unterschied, ob 40 oder 60 Ohren dem Lehrer zuhören", so Arnhold. Zudem betreuten Lehrer ihre Schüler in kleinen Klassen nicht individueller, gingen kaum auf gute und schlechte Schüler ein. Arnhold vermutete sogar, dass eine "größere Schülerzahl ein besseres Klassenmanagement erzwingt".

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Seite 1
Peter-Freimann 11.08.2008
1.
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Mad Mace 11.08.2008
2.
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das Bildungssystem da anders sein? Da werden dann eben die Hauptschüler als Doofmänner charakterisiert, und Leute die sich lediglich dank ihrer Verbindungen durch Schule und Studium mogeln ohne je etwas verstanden zu haben, sind bereits für Vorstandsposten eingeplant. Sie 'Elitenbildung' ist in Deutschland beschlossene Sache, und diese Elite will unter sich bleiben, eine möglichst kleine Gruppe. Dann bleibt nämlich mehr für jeden. Was das dreigeteilte Schulsystem nicht nachhaltig genug regeln konnte besorgen jetzt die Studiengebühren. Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem? 'Gerecht' und 'deutsch' sollten niemals in einem Satz auftauchen, so gegensätzlich sind die Bedeutungen.
natterngesicht 11.08.2008
3.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
Piri 11.08.2008
4.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Peter-Freimann 11.08.2008
5.
Zitat von PiriEs sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen in Deutschland, eine Ausgrenzung von ganz vielen Kid's, die doch eigentlich unsere Zukunft sein sollen und doch wird nur diskutiert, statt die Weichen zu stellen und wie in Finnland eben alle Kinder ganz individuell in einer gerechten Einheitschule zu fördern, wo sie dann auch mit ihrem eigenen Lernweg respektiert werden. Es muss in den Lehrplänen allerdings noch viel entstaubt und abgespeckt werden, um den heutigen Lebenswelten der Kid's gerechter zu werden und nicht überholte bürgerliche Welten einer vergangenen Klassengesellschaft wie zu Zeiten der "Buddenbrooks" zu transportieren.
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