Umfrage an Grundschulen So wenig achten Deutschlands Lehrer auf Rechtschreibung

Wie Grundschüler am besten Rechtschreibung lernen, ist umstritten. Nun zeigt eine Studie: An den meisten Schulen zählt die korrekte Schreibweise in den ersten Jahren kaum - und es kommt auch aufs Bundesland an.

Kinder lernen das Alphabet
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Kinder lernen das Alphabet

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"Ijwa bain zanaz" - das stand in dem ersten Brief, den die Tochter des Hamburger Bildungssenators Ties Rabe am Anfang der ersten Klasse schrieb. "Wir stolzen Eltern waren begeistert", berichtete der SPD-Politiker in einem Gastbeitrag für die HAZ. "Doch die Begeisterung legt sich, wenn das Kind in der dritten Klasse noch genauso schreibt."

Bereits 2014 hatte Senator Rabe für Hamburgs Grundschulen festgelegt: Methoden, nach denen Kinder monatelang oder jahrelang nicht auf richtige Rechtschreibung achten müssen, sind von nun an in der Hansestadt verboten. Damit ist vor allem die sogenannte Reichen-Methode gemeint, auch "Lesen durch Schreiben" oder "Schreiben nach Gehör" genannt. Danach schreiben Schüler ab der 1. Klasse so wie sie meinen, dass es richtig ist - gern bis zur dritten Klasse, und zwar gänzlich ohne Korrektur, denn das sorgt nur für Frust.

Was mal als kinderfreundlich, lernförderlich und herrlich progressiv galt, ist längst hoch umstritten: Lehrer an weiterführenden Schulen klagen über mangelnde Rechtschreibkenntnisse, Wissenschaftler finden auch keine Erfolgsbeweise, und bildungsbewusste Eltern stehen am Rand eines Nervenzusammenbruchs - weil sie entweder selbst zu Hause, heimlich, Deutschunterricht geben oder mitansehen müssen, wie ihre Kinder an der deutschen Sprache verzweifeln und es deshalb nicht aufs Gymnasium schaffen. Große Probleme mit der kreativen Schreiblernmethode haben außerdem Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen oder aus eher bildungsfernen Elternhäusern kommen, also genau die Schüler, die mehr und nicht weniger Förderung bräuchten.

Nicht nur der Hamburger Schulsenator hat daraus den Schluss gezogen: Es reicht. Auch in Baden-Württemberg hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) Ende 2016 in einem Brief an die Grundschulen verordnet, dass Rechtschreibung von Anfang an wieder konsequent beigebracht werden müsse: "Methoden, bei denen Kinder monate- beziehungsweise jahrelang nicht auf die richtige Rechtschreibung achten müssen, sind nicht mehr zu praktizieren."

Und in Schleswig-Holstein werden derzeit die Lehrpläne überarbeitet, damit, so die Sprecherin von Bildungsministerin Karin Prien (CDU), "Kinder von Anfang an richtig schreiben lernen". Auch im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen hat Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) inzwischen öffentlich Zweifel an der Reichen-Methode bekundet.

Umfrage an Deutschlands Grundschulen zur Rechtschreibung

Doch: Reicht ein Verbot der Reichen-Methode? Wie der Sprachwissenschaftler Wolfgang Steinig herausfand, unterrichten bundesweit ohnehin nur circa drei Prozent der Grundschulen rein nach der Methode, die der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen in den Siebzigerjahren begründete. "Allerdings", so Steinig, "liegt eine Anlauttabelle, das zentrale Werkzeug Reichens, mittlerweile fast jeder Fibel in der Grundschule bei."

Die Idee dahinter: Die Schüler versuchen Laute, die sie in einem Wort hören, den vermeintlich richtigen Buchstaben auf der Anlauttabelle mit bunten Bildern zuzuordnen. Steinig hält die Arbeit mit Anlauttabellen generell für "sehr problematisch, da es keinen eindeutigen Bezug zwischen Lauten und Buchstaben gibt". Vielmehr sei es für Kinder besser, möglichst früh mit den Regeln der Rechtschreibung konfrontiert zu werden. Denn sonst kommen Frust und Rechtschreibprobleme einfach nur später, dann aber richtig dicke.

Die meisten Lehrer unterrichten offenbar nach Mischformen, wenn sie den Erst- und Zweitklässlern das Lesen und Schreiben beibringen. Und dabei geht es, so Steinigs Beobachtung, vor allem um die Einstellung: Wie viel Wert wird auf Rechtschreibung gelegt?

Um das herauszufinden, hat der Forscher im Frühjahr 2015 eine bundesweite Umfrage an Grundschulen durchgeführt. Diese erschien in dieser Woche in Wolfgang Steinigs Buch "Grundschulkulturen: Pädagogik - Didaktik - Politik" und liegt dem SPIEGEL vor.

Das Ergebnis:

  • 28,5 Prozent der Schulen teilten mit, dass sie in den ersten beiden Schuljahren nur wenig Wert auf Rechtschreibung legen.
  • 31,4 Prozent kümmern sich im ersten Halbjahr kaum um korrekte Schreibweise, bis zum Ende der zweiten Klasse wird die Rechtschreibung an diesen Schulen jedoch immer wichtiger.
  • Nur knapp ein Drittel (31 Prozent) der Grundschulen gaben an, dass sie durchgehend relativ viel Wert auf Rechtschreibung legen.

Das heißt: An knapp 60 Prozent der befragten Schulen spielt Orthografie zumindest zu Beginn der Grundschulzeit kaum eine Rolle.

Und zwar vor allem in Hamburg, Baden-Württemberg und Hessen, wie die bundesweite Übersicht zeigt:



Steinig hat dabei noch eine weitere Beobachtung gemacht: Wie Grundschüler die Rechtschreibung erlernen, hängt offenbar auch von der jeweiligen Schulkultur ab. Dabei geht es nicht nur um Schreiblernmethoden, sondern auch um die Frage, ob die Kinder ihre Lehrer duzen oder siezen. "Kinder, die ihre Lehrkraft siezen, formulieren anspruchsvoller", so Steinig. "Ihre Wortwahl und ihr Satzbau sind elaborierter. Sie strengen sich sprachlich wie auch kognitiv stärker an: zunächst im Mündlichen, aber dann auch im Schriftlichen, wie man nicht nur am Umgang mit der Rechtschreibung erkennen kann."

Wie der Wissenschaftler in seiner vielbeachteten Langzeitstudie mit Viertklässlern herausfand, machten diese 1972 im Schnitt sieben Fehler in 100 Wörtern, 2012 waren es 16. Dafür gibt es laut Steinig mehrere Gründe, darunter eine größere Toleranz gegenüber Rechtschreibfehlern und "ein zu langer und einseitiger Gebrauch von Anlauttabellen, die Kindern den Eindruck vermitteln, man könne so schreiben, wie man spricht".

Im Oktober wird die Kultusministerkonferenz (KMK) den neuen IQB-Bildungstrend vorstellen, der neben den Matheleistungen auch die Orthografiekenntnisse der Grundschüler getestet hat. Man darf gespannt sein. Auch darauf, ob Kinder immer noch beim zanaz waren - oder mittlerweile beim Zahnarzt.

Mitarbeit: Heike Klovert

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dialogischen 13.09.2017
1. Akademischer Offenbarungseid
Sorry, es gibt weder eine logische Begründung, noch ansatzweise zu beobachtende Ergebnisse, dass unkontrolliertes Schreiben nach Gehör und Sonnenstand in irgendeiner Weise zur Beherrschung der deutschen Rechtschreibung führen könnte! Der Ansatz ist nicht umstritten, er ist unverantwortlicher Blödsinn, der lediglich Lehrern die Mühe erspart, die Kinder zu korrigieren, bevor sie Falsches lernen.
hn-29223 13.09.2017
2. Nicht nur der Dativ ist dem Genetiv sein Feind
Da die Lehrkräfte (insbesondere jene, die selbst als Schüler oder Studenten Opfer der diversen "Rechtschreibdeformen" wurden) häufig selbst weder die "alte" noch die "neue" Rechtschreibung auch nur ansatzweise beherrschen, vermitteln Unwissende anderen Unwissenden bedenkliches Halbwissen. Und anschliessend wundern wir uns über PISA-Studien, die so ausfallen wie sie ausfallen. Alles eher kein Wunder!
viwaldi 13.09.2017
3. Danke für diesen Artikel - you made my day!
Dieser Wahnsinn von "Schreiben nach Gehör" muss beendet werden. Wir haben es am eigenen Leib erlebt, es geht schief und ist für die Kinder eine Katastrophe. Im Gymnasium kommt dann der Schock. Die Antwort der Lehrerin bei unserem nächsten Kind war: "Unsere Aufgabe ist es nicht, ein Kind fürs Gymnasium fit zu machen, es gibt doch IGS". Viele der sog. Reformgrundschulen wollen im Grunde nur ihren Schlendrian hinter viel Gerede vertuschen. Mein Bundesland: Niedersachen. Viele Eltern verzweifeln an dem System, es ist Gang und Gäbe nachmittags oder abends die "wahre Schule" zu Hause nachzuholen. Das ist dann der Gipfel: Eltern machen Schule, während die Zeit vormittags in der "Kinderbewahranstalt" verplempert wird. Und es ist vor allem eins: unsozial. Wer so schlechte Grundschulen und Grundschullehrer duldet, der darf sich nicht wundern wenn am Ende das Elternhaus über den Schul- und Lernerfolg entscheidet. Die linken Schulideologen sollten Schulverbot bekommen, leider sitzen sie mittlerweile auch schon in den Kultusministerien. Sie produzieren Chancenungerechtigkeit jeden Tag, aber darüber möchte Herr Schulz natürlich nicht reden - sind ja seine Genossen.
piep00 13.09.2017
4. Befremdlich
Für die Leistungen der angehenden Gymnasiasten scheint der Frust hausgemacht. Dieses Prinzip kann sicherlich helfen, aber nicht in einem Land, das von Dialekten nur so durchzogen ist. Lasst die Kinder die Regel der Rechtschreibung lernen, wie wir alle!
garfieƖd 13.09.2017
5. Bankrotterklärung!
Auch bei uns lernten die Kinder in den ersten Jahren, so zu schreiben wie sie die Worte hören. Da können sie als Eltern auch nicht gegensteuern, wenn die Kinder das in der Schule immer wieder eingebläut bekommen, denn die weigern sich irgendwann schlichtweg, ein falsch geschriebenes Wort zu verbessern "weil die Lehrerin das so gesagt hat". Konsequenz: Bis heute (8./9. Klasse) ist die Orthografie ein Katastrophe. die in den ersten Jahren erlernten Automatismen bekommen wir einfach nicht mehr weg aus dem Kopf, hat mal eine Lehrerin an der weiterführenden Schule geklagt. Das gilt zumindest für das Fach Deutsch. Im Fach Englisch hingegen wurde von vornherein Wert darauf gelegt, dass alle Worte auch richtig geschrieben werden. Da gibt es absolut kein Problem mit der Orthografie! Mich würde wirklich mal interessieren, auf welchen wissenschaftlichen Ergebnissen dieser Unfug überhaupt erst begonnen wurde. Und warum wird so ein Ansatz nicht in einem überschaubaren Rahmen getestet und die Langzeitfolgen kontrolliert, bevor es breit auf die Kinder losgelassen wird? Die größte Bankrotterklärung für unser Bildungssystem ist allerdings, dass offenbar jede Schule ein anderes Konzept anwendet (und anwenden darf). Da gibt es wohl keinerlei Kontrolle. Die Nachbargrundschule im gleichen Bundesland hatte zum Beispiel in unserem Fall in allen Klassen großen Wert auf die korrekte Orthografie gelegt. Ich ärgere mich bis heute, dass wir das nicht zum Anlass für einen Schulwechsel genommen haben.
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