Gustav Mahler im Problemkiez Die "Auferstehung" Neuköllns

Das Fiasko in der Rütli-Schule hat das schlechte Image des Berliner Stadtteils Neukölln weiter verstärkt. Jetzt hat das junge Sinfonieorchester Tonika ein Gegenprogramm gestartet und spielt Klassik in Turnhallen. Das Projekt zeigt: Neuköllner Schüler können auch anders.

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"Es ist ein Wunder geschehen", sagt Wolfgang Schimmang, Bezirksstadtrat für Bildung, Schule und Kultur in Neukölln. Ein Wunder sei es, dass das Berliner Problemviertel plötzlich positive Schlagzeilen mache - nach allem, was in den letzten Monaten über Neukölln in den Zeitungen stand.

"Tonika" in der Turnhalle: "Unglaublich, wie still es war!"
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"Tonika" in der Turnhalle: "Unglaublich, wie still es war!"

Schimmang steht in der rappelvollen Turnhalle des Albert-Einstein-Gymnasiums. Etwa 1000 Schüler und Eltern von sechs Neuköllner Gymnasien sind gekommen, um Gustav Mahlers zweiter Sinfonie "Auferstehung" zu lauschen. Die Basketballkörbe sind hochgeklappt, stattdessen ragen hohe Mikrophone in die Luft. Notenständer stehen aufgebaut, statt Linoleum liegt hellgrauer Teppich aus. Licht flutet durch den Saal.

Schon jetzt ist es heiß in der Sporthalle. Die 110 jungen Musiker des Orchesters beginnen mit dem Stimmen ihrer Instrumente. "Tonika" nennen sie sich und haben sich ein hübsches Motto gegeben: "Raus aus der Oper, raus aus der Philharmonie - rein in die Turnhalle." Dirigent Moritz Onken, 28, der Tonika gegründet hat, will Schüler mit der ihnen oft so fremden klassischen Musik konfrontieren. Unmittelbar, ohne die Grenzen, die in einem normalen Konzertsaal zwischen Publikum und Musikern herrschen.

Gebannt lauschen die Schüler in der Turnhalle

Seit letzten Frühjahr gibt es Tonika, lange bevor die Gewalt an der Rütli-Schule die Debatte um Integration und Bildung neu angefacht hat. Der Auftritt in dem Neuköllner Gymnasium ist das vierte Konzert in einer Schulturnhalle - das erste nach dem Rütli-Desaster und das größte bisher. Finanziert werden die Auftritte des jungen Orchesters, das sich aus Berufsmusikern, Musikhochschülern und Soldaten des Bundeswehrmusikkorps zusammensetzt, durch Spenden von Privatleuten und Firmen.

Vorn, fast direkt vor den Musikern, sitzen Paul, Flo und Henrike vom benachbarten Leonardo-da-Vinci-Gymnasium und warten, dass es los geht. Die 17-Jährige Henrike hat ihre Haare rosa gefärbt, Paul einen roten Irokesenschnitt.

Um halb drei steigt Dirigent Moritz Onken auf seinen Podest, es ist mucksmäuschenstill in der Turnhalle. Onken blickt kurz zu Boden, dann gibt er den Einsatz. Sein Orchester beginnt zu spielen: Mahlers "Auferstehung" breitet sich in der Halle aus, nimmt sie ein, lässt die Schüler konzentriert innehalten. Anderthalb Stunden lang.

Derweil drängen sich auf der oberen Tribüne der Turnhalle dutzende Jungs und Mädchen in feinen schwarzen Kleidern und Anzügen. Es sind Schüler aus den Chören der sechs Neuköllner Gymnasien. Sie warten auf ihren Einsatz. Neben den Tonika-Musikern machen auch sie mit beim heutigen Konzert. Am Ende des dritten Satzes, wenn Moritz Onken und seine Musiker längst schweißüberströmt sind, sind sie dran und begleiten die Instrumente mit ihrem Gesang.

Unter Schülern vom Chor ist auch Steffi, 14 Jahre alt. "Das war eine ganz tolle Erfahrung für mich, bei den Proben mit professionellen Musikern zusammenzuarbeiten", sagt sie.

Es ist zehn vor vier, als Moritz Onken zum letzten Mal seinen Dirigentenstab senkt. Es herrscht kurz Stille, dann tosender Applaus, der kaum abebben will. Minutenlang bleiben die Schüler auf ihren Plätzen sitzen und klatschen.

"Eine Stunde mehr wäre noch besser gewesen!"

Wie Yasin und Mehmet, die ganz hinten in der Turnhalle hocken. Beide sind 16 Jahre alt und sehen aus wie typische Ghettokids: Die Kapuzen ihrer Pullis tief ins Gesicht gezogen, ums Handgelenk schwere Goldarmbänder. Aber was sie nach dem Konzert sagen, passt nicht zum Stereotyp eines abgestumpften, unerzogenen Jugendlichen. "Es war super", findet Yasin. "Es war einfach eine tolle Stimmung. Und noch toller wäre es gewesen, wenn es noch eine Stunde länger gedauert hätte." Und Mehmet ergänzt: "Wir müssen zeigen, was unseren Stadtteil wirklich ausmacht." Auch Flo, Henrike und Paul sind begeistert. "Es war einfach ein tolles Stück!", sagt Flo. "Die Stimmung, das Gefühl war super!"

Jugendliche, die durch klassische Musik und das richtige Konzept dahinter einen Ausweg aus ihrer Perspektivlosigkeit finden - der Vergleich zu Simon Rattles Projekt an der Berliner Philharmonie, verfilmt im Dokumentarkinofilm "Rhythm is it", drängt sich auf.

Auch für Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD), der heute ebenfalls in das Albert-Einstein-Gymnasium gekommen ist. Böger ist von Anfang an Schirmherr des Projektes Tonika, aber heute das erste Mal live vor Ort. "Ich fand das wirklich außergewöhnlich", sagt er. Und wiederholt das Wort außergewöhnlich immer wieder. "Solche Stille, solche Konzentration. Ich habe Mahlers Sinfonie mal in der Berliner Philharmonie gesehen, und ich muss sagen, da war es nicht so ruhig!", so der Senator.

Es sei erstaunlich, dass so viele Schüler an einem Freitagnachmittag vor einem verlängerten Wochenende den Weg in die Turnhalle in Neukölln gegangen sind. Böger: "Das zeigt, welche Kraft und welches Potential auch in Neukölln steckt. Und das ganz sicher nicht nur in den Gymnasien!"

Ob das Konzept auch in die Rütlischule passt, wird sich vielleicht schon bald zeigen. "Das ist in Planung", so Tonika-Sprecher Daniel Gerlach. Von den Schülern im Albert-Einstein-Gymnasium war Dirigent Onken jedenfalls begeistert: "Ich bin fast sprachlos, wie ruhig die waren", sagt er. Irgendwie war der Name von Mahlers Sinfonie heute Programm: die "Auferstehung" eines abgeschriebenen Stadtteils.



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