Gutachten zur Bildung Frustrierte Lehrer, ausgebrannte Dozenten

Seit dem Pisa-Schock reformiert Deutschland sein Bildungssystem - doch die Entwicklung der Schulen und Hochschulen ist keine Erfolgsstory: Namhafte Forscher stellen der Bildungsrepublik in einem Gutachten ein durchwachsenes Zeugnis aus. Vor allem beim Personal gebe es Probleme.

Unterricht: Viele Lehrer leisteten "offenen Widerstand" gegen Reformen
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Unterricht: Viele Lehrer leisteten "offenen Widerstand" gegen Reformen

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Es ist eine umfassende Studie zu den Bildungsreformen seit 2000, doch die Autoren lenken die Aufmerksamkeit weniger auf Strukturen und politische Entscheidungen, als auf die Personen, die in ihnen und mit ihnen arbeiten müssen: Lehrer würden angesichts unausgegorener Reformen in die "innere Emigration" gehen, während Hochschuldozenten nach den Anstrengungen der Bologna-Reform dem Burnout nahe seien, die Belastungsgrenze sei erreicht.

Es ist das fünfte Jahresgutachten, das der Aktionsrat Bildung am Dienstag vorgelegt hat. In den Vorjahren konzentrierten sich die namhaften Forscher um Hamburgs Uni-Präsidenten und Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft auf Aspekte wie "Bildungsgerechtigkeit" oder "Bildungsautonomie", dieses Mal nahmen sie sich das große Ganze vor: Die Entwicklung aller Bildungsbereiche seit dem Jahr 2000.

Das Jahr kommt einer Stunde Null gleich. Damals kam der Bologna-Prozess in Gang, damals wurde die erste Pisa-Studie durchgeführt, deren niederschmetternde Ergebnisse den Pisa-Schock auslösten, der bis heute zu spüren ist.

Forscher fordern eine Reform der Bologna-Reform

Heilsam sei der Schock gewesen, die Bedeutung von Bildung sei erkannt worden, vor allem im frühkindlichen Bereich und in den Grundschulen sei das Bewusstsein für Qualität geweckt worden, schreiben die Forscher. Allerdings fehle es bei der Lehrerausbildung noch an Professionalität. Die aber sei unverzichtbar, etwa bei der Umsetzung der länderübergreifenden Bildungsstandards oder bei der Entwicklung des Unterrichts hin zu einer stärkeren individuellen Betreuung der Schüler.

Zudem habe das schlechte Abschneiden Deutschlands bei Vergleichsstudien das Selbstverständnis vor allem der Grundschullehrer erschüttert, das sei "für die weitere Grundschulreform nicht ungefährlich". Der Erschütterung folge nicht automatisch eine Verbesserung der Lehrerleistungen, sondern nicht selten sogar "offener Widerstand".

Doch das vergangene Jahrzehnt war nicht nur von Pisa geprägt: Mit dem neuen Jahrtausend begann auch die Umwälzung der Hochschulen. Die Bologna-Reform wurde 1999 von europäischen Bildungsministern beschlossen. Nach Meinung der Forscher ist es nun Zeit für eine Reform der Reform: Das Studium diene heute zu sehr der Berufsausbildung und zu wenig der Wissenschaft.

Insgesamt kritisiert der Aktionsrat die Unterfinanzierung des deutschen Bildungssystems: Zwar seien die Ausgaben pro Bildungsteilnehmer in den vergangenen Jahren gestiegen, dies sei aber vor allem auf den demografischen Wandel zurückzuführen. Sprich: Es wird nicht mehr ausgegeben, es sinkt nur die Zahl der Empfänger. Die demografische Rendite müsse im Bildungsbereich ausgebenen werden, zudem sollten die Ausgaben vor allem in den Schulen erhöht werden.

In fast allen Bereichen findet der Aktionsrat positive Trends. Zugleich warnen die Forscher vor bedrohlichen Tendenzen und mahnen Reformen an:

Frühkindliche Bildung

  • Professionalisierung der Erzieher-Ausbildung:

Für die Ausbildung der Erzieher fordert der Aktionsrat fachliche Mindeststandards. Fachschulen sollten nur noch Lehrer beschäftigen, die eine zu vereinheitlichende Qualifizierung vorweisen können. Zudem sollten die Studiengänge in Frühpädagogik stärker vereinheitlicht werden.

  • Bildungsplan für Frühpädagogik:

Die Länder sollen sich auf einen bundesweit gültigen Bildungsplan für frühpädagogische Einrichtungen einigen. Sprachtests sollten für Kinder mit Sprachproblemen verbindlich sein und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken.

Schulen

  • Entmachtung der Bildungspolitiker:
Es zeichnet sich ein Trend ab: Länder wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen wollen den Kommunen in Zusammenarbeit mit den Schulen und Eltern mehr Entscheidungsfreiheit geben, welche Schulform vor Ort die richtige ist. Der Aktionsrat stellt sich auf die Seite solcher Reformen: Die Bevölkerung solle an Bildungsreformen und Bildungspolitik beteiligt werden, um "die Determinationskraft von Berufspolitikern zurückzudrängen".

  • Verringerung des sozialen Einflusses:

Die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist in den vergangen Jahren zwar kleiner geworden, sie ist allerdings weiterhin im internationalen Vergleich sehr hoch. Deshalb fordern die Gutachter mehr Anstrengung bei der Leseförderung in den Kindergärten, in den Grundschulen, aber auch in den weiterführenden Schulen.

Eine hohe selektive Wirkung hat in Deutschland der Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule. Um den zu verbessern, fordern die Forscher eine engere Zusammenarbeit über Schulformen hinweg, etwa indem Grundschullehrer vermehrt auch an weiterführenden Schulen eingesetzt werden.

  • Mehr soziale Kompetenzen:

Die Bildungsforscher warnen vor einer "Überkognitivierung" der Lerninhalte: Ästhetik, Emotionalität, Persönlichkeitsentwicklung und sozialen Fähigkeiten sollten mehr beachtet werden. Die Vielzahl und Bedeutung der Vergleichsstudien hätten dazu geführt, dass die Fachkompetenzen zum Nachteil der sozialen Kompetenzen an Bedeutung gewonnen hätten.

  • Verbesserung der Lehrerausbildung:

Die Lehrerausbildung an den Hochschulen sollte mehr Gewicht auf die Praxis legen, zudem sollte sie die Lehrer besser befähigen, individualisierten Unterricht anzubieten. Allgemein habe die Ausbildung nicht mit den gestiegenen Anforderungen Schritt gehalten. Vor allem im Referendariat fehle es an übergreifenden Konzepten und Evaluierung.

  • Effizientere Finanzierung:

Die finanziellen Mittel, die Schulen erhalten, sollen sich stärker nach der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft richten. Sprich: Kommen viele Schüler aus sozial schwachen Familien und haben einen entsprechend höheren Förderbedarf, braucht es mehr Mittel für die Finanz-, Personal- und Schulentwicklungsplanung.

  • Wirkungsvollere Evaluierung:

Schulinspektionen sollten vermehrt durchgeführt und professionalisiert werden: Der Aktionsrat empfiehlt, Zielvereinbarungen und Anreize mit den Inspektionen zu verknüpfen, so dass sie auf die Qualität der Schulen wirken können.

Hochschulen

  • Überlastetes Personal:

Von den Mitarbeitern an deutschen Hochschulen zeichnet das Gutachten ein alarmierendes Bild. Sie hätten die Bologna-Reform durch "die erhöhte Arbeits- und Einsatzbereitschaft des wissenschaftlichen Personals realisiert". Ergebnis: Das Personal leide oft an "erheblichen Burnout-Symptomatiken". "Die durch kontinuierlichen Evaluationsdruck und Wettbewerbskämpfe um Forschungsmittel erforderlich gewordenen Anstrengungen haben ihre Grenze erreicht", so die Forscher.

  • Erleichterung des Zugangs:

Weil aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der Studenten mittel- und langfristig zurückgehen werde, sollte der Zugang zu Hochschulen erleichtert werden: Das betrifft vor allem Menschen mit beruflicher Erfahrung, aber ohne Hochschulreife, die bisher von einem Studium ausgeschlossen werden. Zudem fordern die Forscher den freien Zugang zu Masterstudiengängen.

  • Re-Akademisierung der Studiengänge:

Die Autoren beklagen, dass das Studium immer mehr der Berufsausbildung diene und weniger der Wissenschaft. Sie warnen vor erneuten Protesten der Studenten, sollte sich herausstellen, dass der Bachelor bei Arbeitgebern unbeliebt ist. Es bedürfe einer Reform der Reform: Die Curricula sollten re-akademisiert werden.

  • Mehr Autonomie:

Hochschulen sollten selbst entscheiden können, ob sie Studiengebühren verlangen wollen oder nicht, empfiehlt das Gutachten. Sie sollten insgesamt mehr Autonomie erhalten, etwa indem sie neue Studiengänge ohne Zustimmung der Ministerien einführen können.

Berufsbildung

  • Weniger Maßnahmen, standardisierte Angebote

Der Aktionsrat mahnt eine grundlegende Strukturreform des Übergangssystems an. Das System ist dazu gedacht, Schulabgänger aufzufangen, die keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben. Seit langem wird kritisiert, dass das System unübersichtlich und wenig effektiv sei. Auch der Aktionsrat meint: Die Vielzahl der Maßnahmen sollten reduziert, die Angebote standardisiert werden.

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demophon 22.03.2011
1. Pro Bologna-Reform
Es wird von den Gutachtern beklagt, das Studium diene heute zu sehr der Berufsausbildung und zu wenig der Wissenschaft. Gleichzeitig fordern sie jedoch, die Lehrerausbildung sollte mehr Gewicht auf die Praxis legen. Erkennen sie denn nicht den Widerspruch? Was für den Lehrerberuf gilt, hat die gleiche Gültigkeit in anderen Bereichen. Viele Unternehmer klagen darüber, dass die deutschen Hochschul-Curricula zu wenig praxisorientiert sind. Die Kritiker der Bachelor/Master Studiengänge haben auch immer noch nicht begriffen, dass die vertiefte wissenschaftliche Ausbildung erst im Masterstudium beginnt. Warum sollte jemand, der beruflich gar nicht in die Wissenschaft gehen möchte, ein rein theoretisch-wissenschaftliches Studium absolvieren, mit dem er im Berufsleben kaum etwas anfangen kann. So ein Absolvent hat i.d.R. noch nicht einmal gelernt, Projekte professionell zu präsentieren. Im Ausland wurden deutsche Akademiker deshalb allzu oft als eigenbrödlerische Fachidioten angesehen, ohne ausreichende "social skills" und Praxisbezug. Jetzt schaffen 3/4 der Studierenden ihren Abschluss in der Regelstudienzeit, vor der Bologna-Reform waren es nur knapp 1/3. Das Bachelor/Master System hat sich weltweit bewährt, nur Kontinentaleuropa hat diesen Trend jahrzehntelang verschlafen.
Sleeper_in_Metropolis 22.03.2011
2. Titel
Zitat von demophonEs wird von den Gutachtern beklagt, das Studium diene heute zu sehr der Berufsausbildung und zu wenig der Wissenschaft. Gleichzeitig fordern sie jedoch, die Lehrerausbildung sollte mehr Gewicht auf die Praxis legen. Erkennen sie denn nicht den Widerspruch? Was für den Lehrerberuf gilt, hat die gleiche Gültigkeit in anderen Bereichen. Viele Unternehmer klagen darüber, dass die deutschen Hochschul-Curricula zu wenig praxisorientiert sind. Die Kritiker der Bachelor/Master Studiengänge haben auch immer noch nicht begriffen, dass die vertiefte wissenschaftliche Ausbildung erst im Masterstudium beginnt. Warum sollte jemand, der beruflich gar nicht in die Wissenschaft gehen möchte, ein rein theoretisch-wissenschaftliches Studium absolvieren, mit dem er im Berufsleben kaum etwas anfangen kann. So ein Absolvent hat i.d.R. noch nicht einmal gelernt, Projekte professionell zu präsentieren. Im Ausland wurden deutsche Akademiker deshalb allzu oft als eigenbrödlerische Fachidioten angesehen, ohne ausreichende "social skills" und Praxisbezug. Jetzt schaffen 3/4 der Studierenden ihren Abschluss in der Regelstudienzeit, vor der Bologna-Reform waren es nur knapp 1/3. Das Bachelor/Master System hat sich weltweit bewährt, nur Kontinentaleuropa hat diesen Trend jahrzehntelang verschlafen.
Genau so ist es.Anstatt es zu begrüßen, das ein Studium nun endlich mehr an der Praxis orientiert ist, will man das ganze nun wieder zurückdrehen ? Studenten, die in ihrer verkopften Uniwelt schweben und im Berufsalltag nirgendwo landen können hat man doch in der Vergangenheit genug gehabt.
anders_denker 22.03.2011
3. Wie wäre es mit
Bundesweiten einheitlichen (oder gar Europaweiten?) Prüfungen? Wechsel einer Schulform Empfehlungs und Elternwillenneutral mittels Qualifikatinsnachweis. Rückkehr zu einem System, in dem die Leistungsträger das Tempo eines Faches vorgeben, in dem Leistungserbringer einen Bonus, Leistungsverweigerer einen Zwang auswirkenden Malus erhalten.
dayo, 22.03.2011
4. keine kosten
Zitat von sysopDie Bedeutung der Bildung ist seit dem Pisa-Schock enorm gewachsen - doch die Entwicklung der Schulen und Hochschulen ist keine Erfolgsstory: Namhafte Forscher stellen der Bildungsrepublik in einem Gutachten ein durchwachsenes Zeugnis aus.*Vor allem beim Personal gebe*es Probleme. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,752403,00.html
ich denke, man ist mit all den verbesserungsversuchen auf dem holzweg. das gute ist ja, laut wilhelm busch, das schlechte, das man (sein)lässt.ich meine, verbietet und unterbindet ganz konsequent die bildzeitung und das privatfernsehen und ihr werdet sehen, wie dieses land aufblüht.
ede_wolff 22.03.2011
5. Falsches Foto?
Bei Betrachtung des Fotos mit 12 Schülern und einem Lehrer frage ich mich, in welcher Privatschule das Foto aufgenommen wurde? Ich arbeite an einer Realschule in Niedersachsen und die normale Klassenstärke liegt weit oberhalb von 27 Schülern! Einige Klassenstufen sind mit 32 Schülern pro Klasse vollgestopft. Dies in Zusammenhang mit einstündigen Fächern wie Physik, Chemie, Biologie in Unterrichtsräumen, die für 28 Versuchsplätze ausgelegt sind, entspricht der traurigen Realität an Schulen. Ein Foto mit etwa dreimal so viel Schülern wäre dem deutschen Bildungssystem angebrachter gewesen.
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