Übertritt aufs Gymnasium Lehrer wählen besser aus

Am Ende der Grundschulzeit wird es ungerecht im deutschen Schulsystem: Arbeiterkinder haben weniger Chancen, von Lehrern auf das Gymnasium geschickt zu werden. Doch Forscher warnen: Wenn Eltern selbst die Schule wählen dürfen, verschärfen sie das Problem.

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Grundschulunterricht: Akademikerkinder first
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Grundschulunterricht: Akademikerkinder first


Die Frage, ob ein Kind von der Grundschule auf das Gymnasium wechseln darf, sorgt immer wieder für Streit. Denn wer soll die weiterführende Schule bestimmen und damit Weichen für das spätere Leben stellen - Lehrer oder Eltern? Wer soll über Jobchancen, Zugang zu Hochschulen, spätere Gehälter entscheiden?

In einigen Bundesländern ist die Regelung streng: In Bayern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sprechen die Lehrer eine Empfehlung aus, und die ist bindend. Dabei geht es allerdings höchst ungerecht zu: Ärztekinder bekommen dreimal so häufig Empfehlungen für Gymnasien wie Arbeiterkinder - bei gleichen Kompetenzen. Kinder aus armen Familien müssen ihre Klassenkameraden aus dem Bildungsbürgertum übertrumpfen, damit ihre Lehrer ihnen das Gymnasium zutrauen.

In Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Hamburg will man es besser machen: Dort dürfen die Eltern entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Auch in Baden-Württemberg, wo seit jeher die Lehrerempfehlung bindend war, entscheidet seit diesem Jahr der Elternwille.

In Berlin und Bremen gibt es außerdem ein Losverfahren, das eingesetzt wird, wenn mehr Kinder das Gymnasium besuchen sollen, als es Plätze gibt. Dort zählt als erstes Kriterium die Schulnote am Ende der vierten Klasse. Wer unter dem Notenschnitt liegt, den dürfen die Eltern für das Losverfahren anmelden.

Doch der Elternwille verschärft die soziale Ungleichheit, haben die Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) herausgefunden. Die Autoren des Forschungsberichts "Soziale Spaltung am Ende der Grundschule" schreiben, es seien meist die Eltern aus sozial höheren Schichten, die sich über Lehrer und Noten hinwegsetzen. "Sozial privilegierte Schichten haben höhere Bildungsansprüche und sind zuversichtlicher. Sie denken: Das kriegen wir schon hin mit dem Abitur", sagt Mitautor Marcel Helbig. So boxen Akademiker ihre Kinder auch ohne Empfehlung öfter aufs Gymnasium als Nicht-Akademiker.

Geschwister sind Vorreiter

Kinder mit Migrationshintergrund hingegen profitieren nicht von der Freigabe des Elternwillens. In Bundesländern, in denen die Schulform frei gewählt werden kann, wechseln sie bei vergleichbaren Leistungen nicht häufiger gegen eine Empfehlung auf eine höhere Schulform. "Nur wo ein hoher Sozialstatus nahelegt, dass das Kind das Abitur schafft, wird der Elternwille auch durchgesetzt", sagt Helbig. Sein Forschungsbericht fasst die Ergebnisse vorangegangener Studien zur Grundschulempfehlung, der Bildungserwartungen von Migranten und dem Einfluss von Geschwistern beim Gymnasialübergang zusammen.

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Auch die Geschwisterkonstellation hat deutlichen Einfluss auf den Mut der Eltern, sich über eine Empfehlung hinwegzusetzen, hat Helbig herausgefunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind das Gymnasium besucht, steigt um 14 Prozent, wenn ein älteres Geschwisterkind bereits diese Schulform besucht. Sie sinkt um 16,5 Prozent, wenn das ältere Geschwisterkind nicht am Gymnasium lernt.

"Als Vater würde ich natürlich auch über die Schulwahl meiner Tochter bestimmen wollen", sagt Forscher Helbig, "doch gesamtgesellschaftlich treibt dies die Schere noch weiter auseinander."

"Nur zum Schutz der Kinder"

Maurer oder Manager, die Chancen auf die eine oder andere Karriere werden in Deutschland schon nach der vierten, in Berlin und Brandenburg nach der sechsten Klasse, verteilt. Nur wenige andere Länder, etwa Österreich, selektieren die Kinder so früh wie die Mehrzahl der deutschen Bundesländer, und Streit gibt es darüber immer wieder. "In Nordrhein-Westfalen wurden in 15 Jahren die Bestimmungen zum Schulwechsel drei Mal geändert. Schon das zeigt, dass dieses Thema in Deutschland nicht befriedigend gelöst ist", sagt Helbig.

Stets werde in der Debatte mit dem Schutz der Kinder argumentiert: Die Befürworter des Elternwillens möchten den Leistungsdruck mindern, den Kinder mit bildungsorientierten Eltern in der vierten Klasse spüren, wenn es um die Schulempfehlung geht. So soll unbeschwertes Lernen ermöglicht werden. Verfechter der Lehrerempfehlung, wie die ehemalige nordrhein-westfälische Kultusministerin Barbara Sommer (CDU), möchten "die Kinder vor ihren Eltern schützen" und vor Misserfolgen auf einer falschen Schule bewahren, schreibt Helbig.

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Einen Ausweg sehen die Autoren des Forschungsberichts in einer längeren Zeit gemeinsamen Lernens: "So können zum einen herkunftsbedingte Leistungsunterschiede von Schülern aus sozial benachteiligten Elternhäusern besser ausgeglichen werden, zum anderen können auch die Interessen der Kinder selbst in stärkerem Maße in die Schulwahl einbezogen werden."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 323 Beiträge
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Seite 1
gregoriusxix 12.12.2013
1. aha
und in BaWü, M-V und Saarland gibt es keine Gymnasien? Oder wozu soll die unvollständige Aufzählung dienen?
Mettek 12.12.2013
2. Aus eigener Erfahrung..
Zitat von sysopDPAAm Ende der Grundschulzeit wird es ungerecht im deutschen Schulsystem: Arbeiterkinder haben weniger Chancen, von Lehrern auf das Gymnasium geschickt zu werden. Doch Forscher warnen: Wenn Eltern selbst die Schule wählen dürfen, verschärfen sie das Problem. http://www.spiegel.de/schulspiegel/gymnasialempfehlung-elternwille-macht-schulsystem-noch-ungerechter-a-938615.html
... halte ich die Aussage Lehrer würden Arbeiterkinder weniger Chancen einräumen für unwahr. Der größere Teil der Lehrerschaft macht die Schulempfehlungen einzig von 'MÖGEN' und 'NICHT MÖGEN' abhängig. Ich halte es für vollkommen falsche, dass eine Einzelperson (Lehrer) über die Zukunft von Schülern bestimmen kann. Meine eigene Tochter hat ihre Gymnasialempfehlung nur unter 'größten Bauchschmerzen' von ihrer Grundschullehrerin erhalten. Mit einem Grundschulnotenschnitt von 2.0. Jetzt ist sie Inder 12. Klasse des Gymnasiums und hat durchweg einen Notendurchschnitt zwischen 1,4 und 1,8. Dies ist kein Einzelfall und auch nicht nur in eine Richtung. In der 4. Klasse die meine Tochter besucht hat sind von 24 Kindern 9 vollkommen falsch 'empfohlen' worden - für oder auch gegen eine gymnasiale Ausbildung.
Whitejack 12.12.2013
3.
Ich habe nie so richtig verstanden, warum man die Kinder so früh aussortieren muss. Im Alter von etwa zehn Jahren sind sie schlichtweg noch nicht alt genug, um sich über ihren späteren Bildungsweg Gedanken machen oder die Konsequenzen ihrer Einstellungen abschätzen zu können. Auch sind die Interessen noch viel zu sehr im Fluss, als dass man hier schon in spätere Akademiker oder Arbeiter trennen könnte. Warum nicht bis Klasse 10 gemeinsam lernen? Wer dann nicht mehr in die Schule gehen will (oder die Anforderungen nicht mehr schafft), sucht sich halt eine Lehrstelle. Und die Hauptschule, diese Anstalt zur Aussortierung zukünftiger Arbeitsloser, gehört ohnehin abgeschafft.
alasiaperle 12.12.2013
4. xxx
---Zitat--- Doch Forscher warnen: Wenn Eltern selbst die Schule wählen dürfen, verschärfen sie das Problem. ---Zitatende--- Nicht unbedingt...es gibt tatsächlich Eltern die es besser einschätzen können als ein Lehrer. *Oh shock* Kommt vielleicht nicht oft vor aber ja, das soll auch mal gegeben haben... Trotzdem finde ich, dass bei der Übertritt rein nur der Notendurchschnitt eine Rolle spielen soll und nicht die Meinungen der Eltern oder Lehrern.
pedestrianscribbler 12.12.2013
5.
Die Selektion durch Lehrer benachteiligt vor allem Schueler die irgendwie "anders" sind. Dazu zaehlt nicht nur die soziale Schicht der Schueler sondern auch ihre Hautfarbe oder ethnische Herkunft. Schauen Sie sich die Studien an. Eine Selektion bei 10-Jahrigen ist zudem viel zu frueh. Wer in dem Alter noch schuechtern ist wird oft als weniger leistungsfaehig eingestuft, auch wen das nicht so ist. Meine Grundschullehrerin bescheinigte mir mit 10 Jahren keine Eignung fuers Gymnasium. Dank meiner Eltern ging ich trotzdem hin und schloss die Schule mit Einserabitur ab. BA und MA dann auch jeweils mit Bestnote. Wieviele Leben hat diese Grundschullehrerin wohl negativ beeinflusst?
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