Vorwurf an Berliner Gymnasium Schüler sollen zu Horst-Wessel-Lied marschiert sein

Nazi-Marsch in einer Berliner Schule? Am Emmy-Noether-Gymnasium soll eine 11. Klasse das Horst-Wessel-Lied gesungen haben und dazu marschiert sein - auf Wunsch der Lehrerin. Jetzt ermittelt die Polizei.

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Horst Wessel: Berliner Gymnasiasten sollen das von dem Nationalsozialisten getextete und in Deutschland verbotene Lied gesungen haben
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Horst Wessel: Berliner Gymnasiasten sollen das von dem Nationalsozialisten getextete und in Deutschland verbotene Lied gesungen haben


Ungewöhnlicher pädagogischer Zugang oder gedankenlose Unterrichtsplanung? Am Emmy-Noether-Gymnasium in Berlin soll ein Musikkurs der 11. Klasse das nationalsozialistische, in Deutschland verbotene Horst-Wessel-Lied gesungen haben. Die zuständige Lehrerin soll die Schüler dazu ausdrücklich aufgefordert haben.

Der Polizei liegt eine Strafanzeige vor, die den Vorfall auf den 19. März datiert. "Die Anzeige stammt aber nicht von jemandem, der dabei war", sagt Polizeisprecher Stefan Redlich. Der Erstatter habe selbst nur vom Hörensagen von der betroffenen Musikstunde erfahren. Demnach hatte die Lehrerin zunächst den Text des Liedes verteilt und die Schüler dann zum Singen animiert, außerdem sollen sie dazu marschiert sein.

Seit 70 Jahren verboten

Das Horst-Wessel-Lied ist seit 1945 verboten. Es war ab Ende der Zwanzigerjahre zunächst das Kampflied der SA und wurde von den Nationalsozialisten später als NSDAP-Parteilied genutzt. Benannt ist es nach dem SA-Mann Horst Wessel, der den Text verfasste. Bei der Beurteilung des Vorfalls, so Stefan Redlich, komme es "auf den genauen Kontext" der Schulstunde an. "Wir haben die Lehrerin zu dem Vorwurf vernommen, sie hat sich auf den Rahmenlehrplan berufen", sagt Redlich.

Tatsächlich heißt es im Berliner Rahmenlehrplan für Musik in der gymnasialen Oberstufe unter der Überschrift "Musik im gesellschaftlichen Kontext", dass sich die Schüler der Oberstufe das gesellschaftliche Umfeld von Musikausübung und Musikrezeption erschließen sollen. "Soziale, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht." Die Schüler sollten Verständnis entwickeln "für die Funktionalisierung von Musik im Dienste politischer, religiöser und wirtschaftlicher Interessen". Mit welchen pädagogischen Methoden das geschieht, lässt der Rahmenlehrplan offen.

Schule zeigt sich wenig kooperativ

Zur Beurteilung der konkreten Unterrichtssituation hatte die Polizei eigentlich auch die beteiligten Schüler als Zeugen vernehmen wollen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen weigerte sich die Schule jedoch, den Beamten eine entsprechende Namensliste auszuhändigen. Für eine Stellungnahme war die Schulleitung am Dienstag nicht erreichbar. Die Ermittlungen sollen jetzt von der Polizei an die zuständige Staatsanwaltschaft abgegeben werden.

Das Emmy-Noether-Gymnasium ist nach einer jüdischen, von den Nazis vertriebenen Wissenschaftlerin benannt und gehört dem Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" an. Wie das "Neue Deutschland" berichtet, prüfe jetzt auch die Berliner Schulaufsicht den Fall. Möglicherweise sei es der Pädagogin darum gegangen, Bertolt Brechts "Kälbermarsch" im Unterricht zu behandeln.

Das Stück ist eine Parodie auf das Horst-Wessel-Lied, in dem es heißt: "Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen. SA marschiert mit ruhig festem Schritt." Bertolt Brecht machte daraus: "Der Metzger ruft. Die Augen fest geschlossen. Das Kalb marschiert mit ruhig festem Tritt."

Eine Sprecherin der Senatsverwaltung erklärte nach dem Bericht: "Der Kälbermarsch ist ohne das Horst-Wessel-Lied nicht zu verstehen." Jetzt müssen die weiteren Ermittlungen von Schulaufsicht und Staatsanwaltschaft zeigen, was in der Stunde wirklich passierte - und ob die Anzeige nach Hörensagen wirklich berechtigt war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
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j.vantast 14.04.2015
1. Bestimmt nicht
"Mit welchen pädagogischen Methoden das geschieht, lässt der Rahmenlehrplan offen." Na, aber bestimmt nicht mit Methoden die gegen geltendes Recht verstossen. Die Funktionalisierung von Musik in Politik und Religion lässt sich auch anhand diverser rechtlich legitimer Titel den Schülern näherbringen. Erst recht im Zusammenhang mit einer Schule die nach einer jüdischen Wissenschaftlerin benannt ist und sich "Schule ohne Rassismus" angeschlossen hat.
May 14.04.2015
2.
1) Es ist eine Schande, dass auch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs immer noch keine Meinungsfreiheit herrscht. Durch solche Verbote mythologisiert man das Dritte Reich nur noch mehr. Damit aber ist der Fall recht klar: Wurde das Lied gesungen, dann wurde eine Straftat begangen, egal in welchem Kontext. 2) Gerade auf diesen Kontext kommt es aber an. Sollte die Lehrerin das Lied zu Propagandazwecken haben singen lassen, dann sollte das natuerlich auch dann dienstrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen wenn es prinzipiell legal waere. Ich kann mir aber viel eher vorstellen, dass sie die Sogwirkung solcher gemeinschaftlicher Rituale (hier Singen und Marschieren) hervorheben und veranschaulichen wollte, um den Schuelern das Ruestzeug zu geben eben NICHT auf solche Psychotricks hereinzufallen und das ganze dargestellt anhand der eigenen Geschichte. In dem Fall sollte sie eher ein Lob als eine staatsanwaltliche Untersuchung bekommen.
reifenexperte 14.04.2015
3. Der letzte Absatz erklärt doch alles;
vielleicht sollte jetzt die Berliner Polizei erklären weshalb sie deshalb einen solchen Aufruhr macht und welche Motivation dahinter steckt. Soll eine Lehrerin, die die Schüler über die Mechanismen der Nazis aufklärt, eingeschüchtert werden? Und was bezweckt der Spiegel mit diesem Bericht?
Meyer A. 14.04.2015
4.
Was ist denn das für ein Artikel? Wo ist denn da der Sachgehalt. Soll ich mich jetzt etwa empören oder soll sich die Lehrerin von ihrem Tun distanzieren? Und diese böse Schule die keine Namensliste ausgehändigt hat ... ja Gott sei Dank. Es ist doch sehr wahrscheinlich, dass die Lehrerin ähnlich wie zum Film "Die Welle" durch drastische Mittel versucht hat, die Schüler zum nachdenken anzuregen, was ich nur begrüßen kann. MfG
rvogt 14.04.2015
5. Und das…
…an einem Gymnasium, das nach einer jüdischen Mathematikerin benannt wurde!
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