Gymnasium Niedersachsen schafft Turbo-Abi wieder ab

Zum Schuljahr 2015/16 will Niedersachsen das Turbo-Abi kippen. Erstmals kehrt damit ein Bundesland flächendeckend zum neunjährigen Gymnasium zurück, das Abitur nach acht Jahren bleibt aber als Option erhalten. Andere Länder könnten dem Beispiel folgen.

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Fünftklässler: In Niedersachsen soll G9 wieder die Regel werden
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Fünftklässler: In Niedersachsen soll G9 wieder die Regel werden


Hannover - Niedersachsen plant, das Abitur nach 13 Jahren wieder einzuführen. "Es wird eine Rückkehr zu G9 geben", sagte eine Pressesprecherin des niedersächsischen Kultusministeriums, Susanne Schrammar, SPIEGEL ONLINE. Ab dem Schuljahr 2015 sollen Gymnasien beide Wege zum Abitur anbieten. Dabei gilt: "Das Abitur nach neun Jahren (G9) wird die Regel sein, das Abitur nach acht Jahren (G8) die Ausnahme", so Schrammar.

Doch sowohl dieser schnelle Weg für leistungsstarke Schüler als auch der alte längere Weg sollen neu aufgesetzt werden. Das heißt: Es wird in Niedersachsen eine Neuauflage von G8 geben, ebenso wie eine Reform des ehemaligen G9.

An den Details wird derzeit gefeilt. Noch sitzt eine Expertengruppe an einem Prüfbericht, in dem verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Unter anderem werde darin geprüft, ob die Anzahl der Prüfungsfächer oder der Klausuren reduziert werden könnte. Der Abschlussbericht wird bis Ende März erwartet, danach will die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) ein Modell vorschlagen. "Dann wird es einen konkreten Vorschlag von mir geben, über den die politischen Gremien entscheiden werden", kündigte Heiligenstadt an.

Niedersachsen "als Katalysator"?

Im Herbst dieses Jahres wird die rot-grüne Regierung in Niedersachsen dann ein Gesetzgebungsverfahren für eine umfangreiche Schulgesetznovelle starten, in der auch die Abiturreform geregelt wird. Das Gesetz soll am 1. August 2015 in Kraft treten. "Grundsätzlich gilt: Es gibt eine große Bereitschaft zum Systemwechsel: weg vom G8 mit Dauerstress hin zu einem G9", kommentierte die Ministerin die Reform.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, ebenfalls SPD, hat bereits vor einigen Wochen im SPIEGEL die Abkehr von der achtjährigen Gymnasialzeit in ihrer bisherigen Form angekündigt. "Viele betroffene Jugendliche klagen über viel zu wenig Zeit für ein Leben jenseits der Schule", sagte Weil im SPIEGEL-Interview. Eltern wiesen auf "Druck und Stress" für ihre Familien hin, die Wirtschaft äußere Kritik an der "manchmal unübersehbaren fehlenden Reife ganz junger Abiturienten".

In Niedersachsen war vor zehn Jahren die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzt worden, in den meisten westdeutschen Bundesländern war in den vergangenen Jahren das sogenannte Turbo-Abi eingeführt worden. Dieser Schritt ist bis heute umstritten und stößt zum Teil auf heftigen Widerstand, die verkürzte Gymnasialzeit ist beim Wahlvolk unpopulär wie eh und je.

Mit der Abkehr in Niedersachsen setzt sich ein deutschlandweiter Trend fort, zurück zum neunjährigen Gymnasium. Etliche Bundesländer überlegen, wie sich G8 zurückdrehen lässt, teilweise ist die Rolle rückwärts schon beschlossen:

  • In Bayern wirbt ein Volksbegehren für eine Wahlfreiheit. Bisher gibt es dort das sogenannte Flexibilisierungsjahr - ein freiwilliges Wiederholungsjahr -, mit dem die Regierung des Freistaats das Turbo-Abi zumindest für schwache Schüler entschleunigen will. Die Forderungen des Volksentscheids gehen über diese bestehende Regelung noch hinaus.
  • In Hessen etwa können Gymnasien seit dem Schuljahr 2013/2014 zwischen G8 und G9 entscheiden. Immer mehr Schulen kehren nun zu G9 zurück.
  • Optionale G-9-Züge gibt es zudem in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.
  • In Hamburg brachte die Elternvereinigung G9 jetzt! eine sogenannte Volksinitiative für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auf den Weg. Sie ist die erste Stufe eines Begehrens von Bürgern, an dessen Ende ein für den SPD-Senat der Hansestadt bindendes Votum stehen könnte.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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Die Länder müssten zur Kenntnis nehmen, dass das Turbo-Abi nach acht Jahren nie in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei, sagte der Präsident des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Der Verbandschef hofft nun, dass Niedersachsen mit seiner Kehrtwende bundesweit "als Katalysator wirkt" und andere Bundesländer nachzögen, zitiert ihn die "Neue Osnabrücker Zeitung". Die Kultusbehörden dürften jetzt jedoch nicht wie bei der Einführung von G8 den Fehler machen, durch überstürzte Aktionen für Verunsicherung bei Schülern und Eltern zu sorgen.

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insgesamt 102 Beiträge
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Navon 20.02.2014
1. Komisch dass es in anderen Bundesländern ohne Probleme geht
Vielleicht hätten sie Kulturminister der Länder, in welchen jetzt wieder das Schnecken-Abi eingeführt werden soll, mal dort nachgefragt, wo das G8-Abitur schon immer funktioniert. Sachsen zum Beispiel: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/bildungsmonitor-sachsen-hat-das-beste-bildungssystem-a-850029.html Hier beschwert sich niemand über angebliche Belastung der Schüler durch das 8-Jahre-Abitur. Aber das kommt in der medialen Debatte um das Abitur in Deutschland nie groß zur Sprache. Warum nur?!
HänselundGretel 20.02.2014
2. Wird auch Zeit,
dass die Politik endlich umsetzt, was für Schüler, Lehrer und Eltern schon lange klar ist: G8 ist nur für eine geringe Zahl von besonders begabten Schülern geeignet und gehört zum Wohle unserer Kinder abgeschafft. Je schneller, desto besser!
dr.u. 20.02.2014
3. Und dann bitte auch wieder die Orientierungsstufe einführen
Zitat von sysopDPAZum Schuljahr 2015/16 will Niedersachsen das Turbo-Abi kippen. Erstmals kehrt damit ein Bundesland flächendeckend zum neunjährigen Gymnasium zurück, das Abitur nach acht Jahren bleibt aber als Option erhalten. Andere Länder könnten dem Beispiel folgen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/gymnasium-niedersachsen-plant-rueckkehr-zu-g9-a-954574.html
Und dann bitte auch wieder die Orientierungsstufe einführen und die vereinfachte Ausgangsschrift abschaffen, dann kann man das unsägliche Kapitel der verkorksten Schulreformen endlich abschließen und sich wieder wirklicher Bildungspolitik widmen.
gf256 20.02.2014
4.
Zitat von NavonVielleicht hätten sie Kulturminister der Länder, in welchen jetzt wieder das Schnecken-Abi eingeführt werden soll, mal dort nachgefragt, wo das G8-Abitur schon immer funktioniert. Sachsen zum Beispiel: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/bildungsmonitor-sachsen-hat-das-beste-bildungssystem-a-850029.html Hier beschwert sich niemand über angebliche Belastung der Schüler durch das 8-Jahre-Abitur. Aber das kommt in der medialen Debatte um das Abitur in Deutschland nie groß zur Sprache. Warum nur?!
Weil folgender Zusammenhang hergestellt werden soll: Sachsen = Ex-DDR, DDR = Böse! Ich komme selbst "von drüben" und bin vor 15 Jahren nach Hessen gezogen und war damals in der 7. Klasse. Im Vergleich zu Sachsen-Anhalt ist das Schulsystem hier ein schlechter Witz. In fast allen Fächern hatte ich mindestens ein Jahr Vorsprung, in manchen Naturwissenschaften sogar zwei! Wenn man so lahmarschig ist, dann wundert mich nicht, dass die Verkürzung um ein Schuljahr hier so fanatisch und frei von objektiven Argumenten bekämpft wird.
olicrom 20.02.2014
5. Und wieder ein Projekt des neoliberaler Aktionimus vor die Wand....
Zitat von sysopDPAZum Schuljahr 2015/16 will Niedersachsen das Turbo-Abi kippen. Erstmals kehrt damit ein Bundesland flächendeckend zum neunjährigen Gymnasium zurück, das Abitur nach acht Jahren bleibt aber als Option erhalten. Andere Länder könnten dem Beispiel folgen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/gymnasium-niedersachsen-plant-rueckkehr-zu-g9-a-954574.html
.... gefahren. Danke Niedersachsen. Verstand, Vernunft und Intelligenz zählen. Das ist unser Kapital. Weist die gelbschwarzroten, dummgefährlichen Gschäftleswurschtler, die auch jedem angloamerikanschen Mist hinterherrennen, in ihre Schranken! Und als nächstes nehmt Euch die Universitäten vor!
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