Elternhaltestellen vor Schulen Mama, lass mich hier raus!

Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto am liebsten direkt ins Klassenzimmer kutschieren würden, nerven - und gefährden andere Kinder. Mehrere Schulen in Nordrhein-Westfalen wehren sich: mit Elternhaltestellen.

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Mit Schwung biegt der schwarze Oberklasse-SUV auf den vollen Parkplatz ein, rollt durch die Reihen, bleibt dann mitten auf dem Fahrweg stehen. Der Motor läuft weiter. Eine zierliche Frau steigt aus, öffnet die hintere Tür des Wagens und lässt zwei Mädchen heraus. Schulranzen auf den Rücken, noch mal an der Jacke zuppeln, Abschiedskuss für Mama. Dann rennen die beiden zwischen den parkenden Autos hindurch zum Schulhof.

Lydia Jüschke hat die Szene beobachtet, jetzt spricht sie die Mutter an: "Sie wissen schon, dass das hier ein Lehrerparkplatz ist, der nicht befahren werden darf? Sie sorgen hier für Stau, weil die Lehrer hinter Ihnen nicht einbiegen können. Und Sie gefährden die Kinder, wenn Sie mit ihrem großen Wagen hier rangieren!" Die Fahrerin nickt, dann fährt sie davon.

Lydia Jüschke
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Lydia Jüschke

"Längst nicht alle Eltern reagieren so gelassen", sagt Lydia Jüschke, Schulleiterin der Gemeinschaftsgrundschule Götscher Weg im nordrhein-westfälischen Langenfeld. Seit Jahren beobachtet die Rektorin schon das morgendliche Autogedränge vor ihrer Schule.

Jeden Morgen drängen sich die Autos

420 Kinder gehen hier zur Schule oder in einen der beiden Kindergärten daneben, etliche von ihnen werden morgens mit dem Wagen gebracht. "Bei Dunkelheit, Regen, Kälte sind es tendenziell mehr", sagt die Schulleiterin. "Und wenn Eltern im Auto sitzen, dann sind sie in dem Moment vor allem eins: Autofahrer." Viele seien dann rücksichtsloser, als wenn sie zu Fuß unterwegs sind.

Damit zu den immer häufigeren Blechschäden nicht irgendwann ein Unfall mit einem Kind kommt, übernahmen Jüschke und die Elternvertreter der Schule eine Idee, die schon in anderen Städten wie Duisburg oder Solingen erprobt wurde:

Seit April 2016 gibt es im Götscher Weg, nur 50 Meter von der Zufahrt zum Schulhof entfernt, eine eigens von der Stadt eingerichtete Elternhaltestelle. Es ist ein Seitenstreifen an der Straße, auf dem morgens von halb acht bis acht Uhr niemand parken darf, damit Auto fahrende Eltern hier - und nur hier - ihre Kinder absetzen können.

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Ein Schild, ganz ähnlich dem an einer Bushaltestelle, weist auf die Regelung hin. Zum Schulschluss am frühen Nachmittag dürfen Eltern hier ihre Kinder auch abholen.

Damit Eltern die Regelung nicht vergessen, stellen sich immer mal wieder einige Schüler, Elternvertreter und Lehrer vor dem Unterricht an die Straße. Mit selbst gemachten Plakaten erinnern sie an die Sicherheit der Kinder, die hier täglich zur Schule gehen.

Zeitdruck, Bequemlichkeit, Angst

"Ich habe meine Kinder früher immer selbst mit dem Auto gebracht", sagt Julia Vollenbröker. Heute ist sie mit ihren Söhnen Eric, 9, und Malte, 6, zu Fuß gekommen. "Das war immer chaotisch hier, völlig unübersichtlich und viel zu riskant für die Kinder", sagt sie. Seit es die Elternhaltestelle gibt, sei das besser.

Außerdem hat die Schule ein Punktesystem eingeführt: Wer zu Fuß oder mit dem Tretroller kommt, erhält die meisten Punkte und steht in einer Tabelle in seiner Klasse ganz oben. Deshalb wollte Malte vom ersten Schultag an unbedingt zur Grundschule laufen.

"Wir haben im Frühjahr eine Befragung gemacht, warum die Eltern mit dem Auto kommen", erzählt Natalie Bohnwanger von der Elternvertretung. Die wichtigsten Gründe: Zeitdruck, der ohnehin mit dem Auto zurückgelegte Weg zur Arbeit und Angst um die Sicherheit der Kinder.

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Rücksichtslose Eltern: "Sie sorgen hier für Stau!"

Dass sie selbst mit ihren Autos zu dieser Angst bei anderen beitrugen, hatten dabei die wenigsten auf dem Schirm. "Wir mussten die Eltern regelrecht wachrütteln, damit sie ihr Verhalten ändern", sagt Bohnwanger.

"Wir haben viel weniger Angst"

Die Elternhaltestelle brachte verblüffende Erfolge: Seit die Kinder nicht mehr direkt mit dem Geländewagen ans Schultor gebracht werden dürfen, habe sich die Situation "massiv entschärft", sagt Elternvertreterin Bohnwanger. "Wir haben viel weniger Angst", bestätigen Anna und Julia aus der 4b, während sie zusammen mit ein paar anderen Schülern in Warnwesten ihre Schilder in die Luft halten.

"Die Eltern sind lernfähig", sagt auch Lydia Jüschke mit einem Lächeln. Heute hat sie nur eins ihrer selbst gemachten Knöllchen verteilen müssen. Die klemmt die Schulleiterin unter die Scheibenwischer der Autos, die trotzdem direkt vor dem Schultor parken: eine Ermahnung, kein echter Strafzettel.

Schul-"Knöllchen" für Falschparker
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Schul-"Knöllchen" für Falschparker

Weil die Erfahrungen hier am Götscher Weg so gut sind, wurden zu Beginn des Schuljahres vor zwei Wochen auch Elternhaltestellen an zwei weiteren Langenfelder Schulen eingerichtet. In den ersten Tagen gab es dort heftige Diskussionen - so wie im April auch am Götscher Weg.

"Ob die Idee mit den Elternhaltestellen funktioniert, wird sich so richtig erst nach den Herbstferien zeigen", sagt Elternvertreterin Melanie Synowsky: "Wenn es dunkel ist und regnet oder schneit, dann könnten die alten Autofahrerreflexe wieder aufbrechen."

Rektorin Lydia Jüschke gibt sich kämpferisch: "Dann stehen wir hier eben auch bei Regen und Schnee."

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
Nania 22.09.2016
1.
Nur ein Gedanke: Als ich zur Schule gegangen bin, war es relativ unüblich, dass Eltern ihre Kinder morgens zur Schule brachten, dafür kamen deutlich mehr Schüler mit dem Bus. Man muss dazu aber sagen, dass damals noch richtige Schulbusse fuhren, Busse, die nur für die Schüler kamen und auch genügend Sitzplätze boten. Ich sehe es heute, in einer größeren Stadt, immer häufiger, dass sich Schulkinder morgens und nachmittags in die Liniebusse quetschen müssen. Für manche Kinder ist aufgrund der Strecke ein Fahrrad auch nicht zuzumuten, denn neben der Tatsache, dass manche doch recht lang unterwegs sind, sind die Fahrradwege hier nicht gerade besonders sicher oder besonders gut ausgebaut. Gerade für kleinere Kinder ist das echt gefährlich. Die Idee einer Elternhaltestelle finde ich aber wirklich gut. Die Grundschule um die Ecke hat eine solche auch eingerichtet und siehe da: die ist in aller Regel sogar morgens und nachmittags tatsächlich frei. Das sorgt für entspanntere Eltern, entspanntere Lehrer und entspanntere Kinder. Ich glaube, dass man, um ganz zu verhindern, dass eine große Zahl von Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fährt, die gesamte Infrastruktur dahingehend verbessert werden müsste. Es müsste wieder richtige Schulbusse geben, die zu angepassten Zeiten fahren (nicht so, dass die Kinder, die von außerhalb kommen, entweder 45 Minuten zu früh in der Schule sind oder 15 Minuten zu spät - (den Fall hatte eine Klassenkameradin von mir und das war wirklich nicht schön)) und die auch zu angepassten Zeiten die Schüler wieder abholen.
HansPa 22.09.2016
2. Das darf nicht wahr sein
Mit ner Harley pro Kolbenhub viermal an der gleichen Eisdiele vorbeigefahren, ok. Auf der Autobahn bei 220 km/h noch mal von hinten angeblinkt, geschenkt. Mit dem SUV 700m zum nächsten BIO-Store gefahren, für'n Bündchen Radieschen, alles Ok. AAAber! Seine Kinder in die Schule bringen zu wollen ist echt das letzte! In diesem Land könnte man wirklich verzweifeln...
Phil2302 22.09.2016
3.
2 Kolleginnen haben sich gerade in meiner Hörweite darüber beschwert, dass der Autor durch das Wort "Mama" in der Überschrift suggeriert, dass nur Männer arbeiten und Frauen die Hausarbeit (und eben das Kinder-zur-Schule-bringen) übernehmen sollen. Habe sie dann darauf aufmerksam gemacht, dass bei unserer Schule doch auch hauptsächlich Mütter ihre Kinder morgens absetzen. Ja, sagten sie mir, der Grund dafür liege gerade in solchen Artikeln. Man ist das Leben schwer geworden. Zum Inhalt: Gute Idee. An unserer Schule gibt es jedoch von Natur aus einen eigenen Parkplatz fundierte Schüler, da werden die Kinder abgesetzt, so dass der Lehrer Parkplatz unbehelligt bleibt. Und die meisten kommen eh mit dem Bus. Das sind zwar (an Beitrag 1) keine speziellen Schulbusse, aber die Stadt setzt zu Stoßzeiten deutlich mehr Busse ein.
nixwieweghier 22.09.2016
4. Ich kann es nicht mehr hören !
Wir haben eine ideale Schule für unsere Kinder in 500 m Entfernung. Doch leider nimmt der Schulleiter bevorzugt Kinder aus der weiteren Umgebung auf. Uns bleibt nichts anderes übrig als für 1200 Euro / Jahr Busfahrkarten zu kaufen oder die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Wir haben uns für das Auto entschieden. Grüße an den Idi..Schulleiter in Hennef. Das Leben könnte so schön einfach sein.
Sibylle1969 22.09.2016
5. Es ist heute nicht gefährlicher als früher
In meinem Bekanntenkreis bringen fast alle ihre Kinder zu Fuß oder per Auto zur Grundschule. Auf den Hinweis, wir seien doch in unserer Kindheit auch ab der ersten Klasse zu Fuß zur Schule gegangen, wird oft die Auffassung geäußert, das würde ja heutzutage nicht mehr gehen, weil alles inkl des Verkehrs viel gefährlicher sei als früher. Statistisch ist das aber überhaupt nicht haltbar.
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