Forderung von Hamburger Eltern Gute Grundschüler sollen die zweite Klasse überspringen

Von der ersten direkt in die dritte Klasse - in Hamburg sollen Kinder ein Jahr überspringen dürfen, wenn sie schon lesen und schreiben können. Das fordert die Hamburger Elternkammer. Dem Schulsenator gefällt die Idee.

Grundschüler (Archivbild)
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Grundschüler (Archivbild)


Einige Kinder können schon lesen und schreiben, wenn sie in die Schule kommen - andere lernen dort erst die Buchstaben kennen. In Hamburg sollen Grundschüler, die dem Lernstoff voraus sind, deshalb direkt von der ersten in die dritte Klasse wechseln dürfen. Das hat die Hamburger Elternkammer der dortigen Schulbehörde vorgeschlagen.

Dabei soll das Konzept der "flexiblen Schuleingangsphase" den Klassenwechsel erleichtern. Dieses ermöglicht Kindern, die Inhalte der ersten zwei Grundschuljahre individuell in ein bis drei Jahren zu erlernen.

Schüler, denen es "ein bisschen schwerer fällt", hätten dann mehr Zeit, sich denselben Lernstoff in drei Jahren anzueignen, sagte die Vorsitzende der Elternkammer, Antje Müller, dem NDR. Kinder kämen mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen in die Schule, erläuterte sie auch mit Blick auf Kinder mit Migrationshintergrund, die etwa noch Probleme mit Deutsch hätten.

Durch die "flexible Schuleingangsphase" sollen die Kinder ihre unterschiedlichen Startbedingungen ausgleichen können, ohne ihre sozialen Kontakte zum Klassenverband zu verlieren. In jahrgangsübergreifenden Klassen bleiben die Kinder - unabhängig davon, wann die Kinder in die dritte Klasse wechseln - mit einem Teil ihrer Lerngruppe zusammen.

Pilotprojekt zuvor gescheitert

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) zeigte sich offen für das Konzept. "Ich finde die Idee sehr gut", sagte er. Es gebe tatsächlich Schüler an den Grundschulen, die vom Lernstand her drei Jahre auseinander seien.

Allerdings habe er vor fünf Jahren ein solches Pilotprojekt starten wollen, aber keine Grundschule gefunden, die habe mitmachen wollen. Der Schulsenator sagte nun einer erneuten Prüfung zu.

Auch der Chef der Kultusministerkonferenz (KMK), Helmut Holter, begrüßte den Vorschlag. "Das Modell ermöglicht, die immer größeren Unterschiede im Vorwissen der Schülerinnen und Schüler besser zu berücksichtigen", sagt der Linke-Politiker in Erfurt. So könne sowohl Über- als auch Unterforderung verhindert werden. Die Kultusministerkonferenz habe bereits im Jahr 2002 empfohlen, dass die ersten beiden Schuljahre in ein bis drei Jahren durchlaufen werden können.

In einigen Ländern bereits möglich

Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sieht den Vorschlag aus Hamburg kritisch. "Vier Jahre Grundschule sind aus meiner Sicht für die Entwicklung der Kinder grundsätzlich sinnvoll und wichtig", erklärte sie. "Es sollte nicht darum gehen, Kinder schnellstmöglich durch die Schule zu schleusen. In Einzelfällen ist der Ansatz aus Hamburg aber durchaus denkbar."

In Schleswig-Holstein etwa gibt es seit 2004 eine flexible Eingangsstufe: Grundschulkinder können dort den ersten und zweiten Jahrgang in ein bis drei Jahren absolvieren. Auch in Sachsen-Anhalt ist das möglich. An bayerischen Schulen wird das Konzept ebenfalls bereits ausprobiert. Die Grundschulzeit würde somit je nachdem drei bis fünf Jahre dauern.

lie/dpa



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allessuper 21.08.2018
1. Stichwort lautet: In Einzelfällen. Und das ist das einzig Richtige.
Dieses System darf sich den Einzelfall erlauben. Wichtiger wäre, dass das Schulsystem insgesamt bundesweit vereinheitlicht wird.
adh30 21.08.2018
2. Komisch...
... geht in Baden-Württemberg auch. Dort kann man in den ersten beiden Jahren zu jedem Halbjahr anfangen und wechseln. Zumindest eine Grundschule in Reutlingen bietet das an.
fuchsi 21.08.2018
3. Gibt es schon
Hamburg entdeckt, was anderswo in Deutschland längst existiert? Das ist doch bemerkenswert. Zumal es diese Regelung seit Jahrzehnten gibt. Ich selbst wurde 1966 im April eingeschult, dann Kurzschuljahr und die 3. Klasse übersprungen, so dass ich im Sommer 1968 in der 5. Klasse Gymnasium war - solange gibt es dieses Modell mindestens schon, und ich war kein Einzelfall. Es ist keine Entschuldigung für Herrn Rabe oder Herrn Holter, wenn sie das nicht wissen, weil dies alles vermutlich vor ihrer Zeit liegt. Sie könnten sich informieren. Wie kann man Regelungen, die es bereits seit über 50 Jahren gibt, als Neuigkeit verkaufen?
stefanmargraf 21.08.2018
4. Klassen überspringen gibt es schon lange, keine Neuheit
In der Praxis machen die Lehrer und Schulleiter selten mit, warum auch immer. Für viele Kinder könnte man gleich zwei Grundschuljahre streichen. Wenn Ersties schon lesen und schreiben können, was sollen die da? Grundschule ist eigentlich weniger Schule, sondern Kinderaufbewahrung mit singen und malen. Viel besser wäre es, wenn alle Kinder ab einem bestimmten Notenschnitt in den Kernfächern 6-8 Tage Extraurlaub bekämen, und zwar an frei wählbaren Tagen. Das wäre wenigstens motivierend.
ChulaV 21.08.2018
5. Schon lange erfolgreich...
Wie man hier nachlesen kann, gab es bereits in den 90er Jahren einen langjährigen Feldversuch dazu in Hessen für die Bund-Länder-Kommission. Er war so erfolgreich, dass der frisch an die Macht gekommene MP Koch die Einführung (als Option) wieder kippen wollte - Pech für ihn, dass Frau Schavan es in BW gerade eingeführt hatte. Somit wird es auch heute weiterhin in Hessen praktiziert - u.a. seit 25 Jahren an der Schule meiner verstorbenen Frau. Wer daran zweifelt, sollte sich die Kinder anschauen, wie sie nach einem halben Jahr "den Kleinen" die Regeln und Rituale erklären - stolz auf das eigene bereits Erlernte. https://www.pedocs.de/volltexte/2014/9108/pdf/Karg_Hefte_1_2011_Becker_Westerholt_Uebergang_KiTa_Grundschule.pdf
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