Schulversuch in Hamburg Zoff um Waldorf-Experiment eskaliert

An einer staatlichen Hamburger Grundschule gestalten Waldorfpädagogen und Regelschullehrer gemeinsam den Unterricht. Doch um das Experiment tobt seit Monaten ein Streit - der jetzt eskaliert.

GTS Fährstraße in Wilhelmsburg
SPIEGEL ONLINE

GTS Fährstraße in Wilhelmsburg


Es ist ein bundesweit einmaliger Schulversuch: Waldorfpädagogen unterrichten in Hamburg gemeinsam mit Regelschullehrern an einer staatlichen Ganztagsschule. Am vergangenen Freitag verkündete jedoch der Verein für Interkulturelle Waldorfpädagogik Wilhelmsburg, dass er nicht mehr mitmachen wolle: "Die Unterschiede zwischen den pädagogischen Konzepten haben sich als zu groß erwiesen." Man ziehe sich aus dem Projekt zurück.

Die staatliche Ganztagsschule Fährstraße im sozial schwierigen Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg sollte attraktiver werden für Kinder aus bildungsnahen Familien. Die Schulbehörde hatte deshalb vor fünf Jahren die Idee, Waldorfpädagogik zu integrieren.

Die Behörde, die Schule und der Waldorfverein schlossen daraufhin 2014 einen Kooperationsvertrag. Er sah unter anderem "intensive musische, künstlerische und handwerkliche Lernangebote" vor, sowie eine "Reduzierung von Leistungs- und Notendruck". Außerdem sollten in jeder neu eingerichteten Klasse ein Waldorfpädagoge und eine staatliche Lehrkraft gemeinsam unterrichten.

Konflikte von Anfang an

Die Frage, wie der Unterricht allerdings konkret aussehen sollte, führte von Anfang an zu Konflikten. Der Waldorfinitiative missfiel unter anderem, dass der für die Waldorfpädagogik typische Epochenunterricht in den ersten zwei Stunden nicht durchweg von Waldorfpädagogen gehalten werden konnte.

Im Epochenunterricht haben die Grundschüler morgens zum Beispiel Deutsch, dann drei bis vier Wochen Mathe, drei bis vier Wochen Formenzeichen, dann wieder Deutsch und so weiter.

In seiner Stellungnahme greift der Verein auch den Schulleiter an, der kein "echtes Interesse an einem Konsens" gehabt habe. Der Bund der Freien Waldorfschulen machte nun seine Drohung wahr und verbot der Schule, mit "waldorfpädagogischen Elementen" zu werben. Von diesen Elementen seien zu wenige in den Schulalltag eingeflossen.

Die Zeitung "taz" berichtete daraufhin, der Schulversuch sei "geplatzt". Das "Hamburger Abendblatt" formulierte, das Experiment habe "nicht funktioniert".

"Das Beste aus zwei Welten"

Die Schulleitung und die Schulbehörde sehen das anders. "Der Schulversuch läuft weiter", sagte Schulleiter Jochen Grob. Es gehe dabei darum, "das Beste aus zwei Welten" zusammenzubringen - und nicht darum, eine staatlich finanzierte Waldorfschule zu betreiben. Von neun Waldorflehrern verließen nur zwei die Schule. Die anderen arbeiteten weiter engagiert mit - und die beiden offenen Stellen würden nachbesetzt.

Auch im kommenden Schuljahr stehen Epochenunterricht sowie Handarbeit und Werken auf den Stundenplänen. Außerdem solle es Fortbildungen in Waldorfpädagogik für das Kollegium in der Fährstraße geben, sagte Grob.

Die Schulbehörde teilte mit, dass man alle Vereinbarungen des Vertrages mit dem Verein - ungeachtet von dessen Rückzug - umsetzen wolle. Für Schüler, Eltern und Lehrer ändere sich nichts Wesentliches, sagte Pressesprecher Peter Albrecht. Und: "Das Modell staatliche Schule mit waldorfpädagogischen Elementen halten wir für Wilhelmsburg - nach wie vor - für richtig und zukunftsweisend."

Nun muss noch eine neue Beschreibung für den Schulversuch gefunden werden, ohne "Waldorf".

Waldorf-Experiment im Problemviertel: Wie Henri in Fatins Klasse kam

lov



insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
geirröd 08.07.2016
1. ...und wieder geht ein Experiment..
...zu Lasten der Kinder. Unglaublich.....aber unglaublich schlecht.
axel_roland 08.07.2016
2. Realitätsferne auf beiden Seiten
Mal völlig unabhängig davon, ob man jetzt Verfechter des klassischen oder des Waldorf-Schulsystems ist: Meiner Meinung nach haben beide eine nur sehr entfernte Idee davon, wass für heranwachsende wirklich wichtig ist. Es mag so sein, dass Waldorfschüler sozialkompatibler sind. Es mag auch so sein, dass klassische Schüler arbeitsmarktkompatibler sind. Darum geht es aber nicht: Die Frage ist doch: Werden unsere Kinder auf die Realität mit allen guten und schlechten Seiten vorbereitet? Ich sage nein! Nein von der Waldorfschule: Kein Mensch muss seinen Namen tanzen können. Nein von der klassischen Schule: Kein Mensch muss Kurvendiskussionen können. Meiner Ansicht nach sind zumindest 50% des Lehrplans völligst sinnfrei und könnten nahezu gefahrlos gestrichen werden. Dann wäre auch G8 kein Stress für den Nachwuchs und er hätte mehr Freizeit. Wenn man die (nicht nur, aber auch!) vorm Computer verbingt ist das sicherlich sehr viel mehr Wert für die Zukunft.
Puri 08.07.2016
3. Lange Schultage
"Im Epochenunterricht haben die Grundschüler morgens zum Beispiel Deutsch, dann drei bis vier Wochen Mathe, drei bis vier Wochen Formenzeichen, dann wieder Deutsch und so weiter." Und ich fand früher Nachmittagsunterricht schon furchtbar...
surry 08.07.2016
4. Hört endlich mit den Experimenten auf!
Zitat von geirröd...zu Lasten der Kinder. Unglaublich.....aber unglaublich schlecht.
Macht endlich gut strukturierten, alters- und themengerechten Unterricht und sagt de "Kleinen": Nicht für die Schule.....sondern für's Leben!
meimhoff 08.07.2016
5. wer will Waldorfpädagogik?
Die Schule sollte also attraktiver werden für Kinder aus bildungsnahen Familien? Und wie kommt man diesen Familien näher? Mit Waldorfpädagogik, ernsthaft? Wie viele bildungsfernen Kinder und Migrantenfamilien sehen sich denn nach Waldorfpädagogik? Die ist dann doch eher in anderen sozialen Milieus begehrt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.