Ungewöhnliche Maßnahme Warum Schüler in Hamburg kiloschwere Westen tragen

Erstklässler Tom konnte kaum still sitzen, manchmal fiel er sogar vom Stuhl. Dann legte ihm seine Lehrerin eine schwere Sandweste an. Das Ergebnis begeistert auch andere Schulen.

Sandweste
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Ein Interview von


Zur Person
  • Bianca Delfs
    Gerhild de Wall, geb. 1964, ist Sonderpädagogin und Leiterin der Abteilung Inklusion an der Harburger Schule Grumbrechtstraße - eine Schwerpunktschule für Inklusion, die auch Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf besuchen. Die Schule ist eine von 13 in Hamburg, die die Westen einsetzt. Hier ist de Wall vorn links mit ihrem Schüler Tom, Schulleiter Arndt Paasch und Sponsoren der Schule zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Frau de Wall, wenn Ihre Schüler im Unterricht zappeln, werden sie schon mal in eine kiloschwere Weste gesteckt, die mit Sand gefüllt ist. Ist das Ihre Art, die Kinder zu bestrafen?

De Wall: Ganz im Gegenteil. Die Westen sind bei den Kindern total beliebt, und es wird niemand gegen seinen Willen hineingezwängt. Wir sind auch nicht die einzige Schule, die sie einsetzt. Allein in Hamburg werden sie von zwölf weiteren Schulen benutzt. Die Westen helfen besonders Schülern, die viel herumzappeln oder eine Wahrnehmungsstörung haben. Diese Kinder haben häufig Probleme, Reize richtig einzuordnen. Durch die Westen können sie sich besser spüren und dadurch leichter konzentrieren, weil sie nicht ständig ihre Arme und Beine unter Kontrolle halten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee mit den Westen gekommen?

De Wall: Ich hatte einen sechsjährigen Schüler namens Tom (Name von der Redaktion geändert), er ist vermutlich hochbegabt, konnte in der Schule aber nicht die Leistungen bringen, die seinem Potenzial entsprechen. Er war einfach zu unruhig. Manchmal zappelte er so sehr herum, dass er vom Stuhl fiel. Da habe ich seiner Mutter von den Westen erzählt, die mit Sand beschwert werden. Ich hatte von den Westen das erste Mal in den USA gehört, als ich dort als Lehrerin arbeitete. Sie werden dort bei Kindern mit Autismus und Wahrnehmungsstörung eingesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Toms Mutter reagiert?

De Wall: Sie war von der Idee begeistert und hat sich sofort voll dahintergeklemmt und im Internet recherchiert, wo es die Westen zu kaufen gibt. Das war gar nicht so leicht. Bisher gibt es nur wenige Anbieter. Die Westen sind auch nicht gerade günstig. Eine kostet zwischen 140 und 170 Euro. Die Mutter musste die Kosten selbst übernehmen. Für Tom war die Weste sehr hilfreich. Er trägt sie bereits seit drei Jahren freiwillig und sagt, sie mache ihn ruhiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben seine Mitschüler reagiert? Wird Tom seitdem gehänselt?

De Wall: Wir unterrichten viele Schüler mit speziellen Bedürfnissen, viele haben eigene Hilfsmittel. Da fällt so eine Weste überhaupt nicht auf. Außerdem erzählen wir den Kindern, dass man vom Tragen der Weste Muskeln bekommt. Dadurch verhindern wir, dass sie als Makel empfunden wird. Die Schüler reißen sich regelrecht um die Weste. Deshalb wird sie auch von Kindern getragen, die sie eigentlich gar nicht brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Eltern, wenn sie hören, dass ihre Kinder im Unterricht eine kiloschwere Weste tragen?

De Wall: Ich habe bisher keine Beschwerden gehört. Im Gegenteil, der Schulverein hat sogar erfolgreich eine Spendenaktion gestartet, und dadurch können wir sieben weitere Westen anschaffen. Die Eltern wissen von den Westen und sind damit einverstanden, dass sie eingesetzt werden. Die Sandwesten ersetzen auch keine differenzierte Diagnose.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Westen nicht zu schwer für Kinderrücken?

De Wall: Eine Gefahr durch das zusätzliche Gewicht besteht für die Kinder nicht. Die Westen für Grundschüler wiegen zwischen 1,2 und drei Kilo und für Fünf- und Sechstklässler bis zu fünf Kilo. Der Druck verteilt sich gleichmäßig auf den ganzen Oberkörper. Außerdem tragen die Kinder die Westen meist nur zwanzig Minuten, damit sie sich nicht daran gewöhnen. Ein kiloschwerer Schulranzen ist eine größere Belastung.

insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
arnieduke 08.12.2017
1. Vermutlich hochbegabt...
Aus eigener Erfahrung (Mutter pensionierte Lehrerin) sind angeblich hochbegabte Kinder in der meisten Faellen einfach nur gestoert. Die Zappelweste ist daher sicherlich eine gute Investition.
Thomas Mank 08.12.2017
2. Temple Grandin
Das erinnert ein wenig an die Geschichte der amerikanischen Spezialistin für Tierhaltung Temple Granden, die sich als Autistin ein Gestell baute, in das sie sich einspannte, um ihre Zwangsstörung kontrollieren und sich entspannen zu können https://de.wikipedia.org/wiki/Temple_Grandin
Shelly 08.12.2017
3. Immerhin sehr viel besser
als Ritalin und seine Nebenwirkungen.
lachina 08.12.2017
4.
ich denke, die Weste geht in Richtng Haltetherapie. Es gibt Menschen, die wissen nicht so ganz genau, wo sie aufhören und anfangen , sind sehr reizoffen. Ihnen hilft manchmal eine Berührung, um sich zu fokusieren. Die Berührung sollte fest sein, kein Streicheln, so wie die Weste. @Arnieduke ,natürlich gibt es Hochbegabung. Und so wie Sie gleichzeitig Spiegeleier und Speck in die Pfanne hauen können, können Sie beides gleichzeitig sein: hochbegabt UND gestört.
schrumpel500 08.12.2017
5. The Daily Mail
also das Laufen einer Meile pro Tag, ursprünglich eine Initiative einer schottischen Grundschulen, ist insgesamt sicher die bessere Lösung. Man könnte auch beides kombinieren.
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