Hamburger Jugendcrew Vom Gangster zum Rapper

Früher haben sie geprügelt, erpresst, Drogen verkauft: kriminelle Jungs aus Hamburgs Problemvierteln. Jetzt rappen die Mitglieder der "Doppel H-Gang" für ihren sozialen Aufstieg und haben ein eigenes Musikstudio. Sertan O. ist einer von ihnen.

Von Christian Fuchs


Als der dunkelblaue Mercedes langsam in den Hinterhof in Hamburg-Altona einbiegt, ist Sertan nur noch wenige Augenblicke vom Glück entfernt. Der 20-Jährige trägt Goldkettchen um den Hals und am Handgelenk und einen schwarzen Haarstreifen auf dem Kopf - den "Boxerschnitt". Sertan O. stoppt den Wagen, durchschreitet die Dunkelheit des Hofes und verschwindet in einem Eingang. In der ersten Etage öffnet er eine schwere Eisentür und schnappt sich ein Messer. Er schlitzt einen Karton auf, greift sich das erste Sweatshirt, streift es über. Auf dem gelben Pulli prangt das geschwungene Logo seiner Gang.

Eben war Sertan noch ein arbeitsloser Kurde, jetzt ist er sichtbares Mitglied der "Doppel H-Gang" - einer Mischung aus Band und Hamburgs größter Jugendcrew.

Die Gangmitglieder kommen aus den ärmsten Stadtteilen, aus Harburg, Neuwiedenthal, vom Osdorfer Born. Sie sind Kurden, Türken, Ghanaer, Deutsche oder Araber. Auf 1000 Jugendliche schätzt die "Bild"-Zeitung die Mitgliederzahl. Sertan sagt, der harte Kern seien acht Jungs, aber in jedem der Stadtteile hätten sie 1000 Fans. Jeder Fünfte lebt in diesen Vierteln von Hartz IV. Wer hier die Schule verlässt, hat meist nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen. Und keine Perspektive.

"Die Firmen nehmen lieber Stefan als Sertan"

"Von meinen 300 Freunden haben nur drei eine abgeschlossene Berufsausbildung", sagt Sertan. "Klar, die Firmen nehmen lieber Stefan als Sertan." Früher haben die Jungs von "Doppel H" Drogen gedealt, andere Jugendliche erpresst und zusammengeschlagen. Auch Sertan hing früher viel draußen oder im Jugendcafé rum. "Manchmal haben wir jemandem einfach so auf die Schnauze gehauen, aus Langeweile", sagt er. Zwei, drei Mal wurde er wegen Körperverletzung angezeigt. So genau wisse er das nicht mehr, sagt Sertan.

Für Außenstehende ist nur schwer zu unterscheiden: Was ist bei den Erzählungen von Jugendlichen aus Problemvierteln echt, was Gangsta-Pose, wann untertreiben sie bei ihren eigenen Straftaten und wann machen sie auf dicke Hose. Klar ist: Als sich ein Erpressungsopfer vor den Zug warf, griff die Polizei durch. Einige der Jugendlichen kamen ins Gefängnis.

Auch Sertans Onkel, der jetzt mit ihm eine Kiste mit Pullis in den Kofferraum des Mercedes packt, wurde gerade erst aus dem Knast entlassen. Er saß dort wegen Raubes sechs Jahre in Haft. Seit etwa einem Jahr versuchen es die Gangster von gestern auf die legale Tour, mit der "Doppel H-Gang" nehmen sie ihren sozialen Aufstieg selbst in die Hand - als Unterschicht-Rapper aus dem Migrantenmilieu. Dafür haben sich die Gangmitglieder in einer ehemaligen "Öffentlichen Bedürfnisanstalt" im Harburger Nirgendwo neben einer Tankstelle ihr eigenes Musikstudio eingerichtet.

Songs über das Leben als Migranten

Es riecht nach Urin, Graffiti bedecken die Außenwände und Türen, Rohre ragen aus der Decke. Aber es gibt ein Profi-Mischpult und eine schalldichte Aufnahmekabine. Diese 30 Quadratmeter sind Sertans ganzer Stolz: "Das haben wir alles selbst ausgebaut und bezahlt", sagt er. Die 40.000 Euro haben ihnen ihre Familien geliehen. Ihre Hoffnung, dass es klappen könnte, ruhen auf einem weiteren Onkel von Sertan: Deniz Türksömnez alias "Bacapon". Er ist der Kopf der Bewegung.

Schon 1999 sah es so aus, als ob Bacapon den Sprung aus dem Ghetto schaffen würde. Damals liefen die Videos seiner Band "Die wahren Bosse" bereits auf Viva und MTV. Der große Erfolg blieb aus, doch Bacapon rappte weiter und animierte immer mehr Jungs mitzumachen.

Inzwischen besteht die Crew aus acht Rappern, sie nennen sich Doppel-S, Ali Gold oder Black Casa. Ihre Themen stammen aus dem Leben als Migranten in Deutschland, in den Liedern der "Doppel H-Gang" dreht sich vieles um Kanonen und den Traum vom Gang- zum Rapstar. Auf seinem ersten Album "Der Henker aus dem elften Stock" singt Bacapon:

"Deine Nachbarn kochen Koks zu Crack,
ohne Geld kommst du hier nicht weg.
Meine Jungs kommen von ganz weit unten,
wollen keinen Euro für ne Stunde,
wir bescheißen unsere Kunden."

"Wenn ich das höre, bekomme ich Gänsehaut", sagt Sertan, "das spricht mir aus der Seele, bei manchen Liedern habe ich sogar geheult." Er selbst rappt nicht, er ist bei "Doppel H" für die Grafik zuständig. Seit sechs Monaten darf Sertan sich um Flyer, Plakate und die Internetseiten der "Doppel H-Gang" kümmern. Auch die Produktion der gelben "Doppel H"-Sweatshirts war seine Aufgabe. "Ich hab' in den letzten Monaten nichts erreicht, außer das mit Doppel H", sagt Sertan. "Hätte ich Bacapon nicht gehabt, wäre ich noch nicht so weit. Er hat mich motiviert, immer weiter an mir zu arbeiten."

Auf den Gang-Pulli ist man in Neuwiedenthal stolz

Der Erfolg eines Mitglieds motiviert die anderen - das ist das Geheimnis von "Doppel H". Bacapons erstes Album, das sie noch selbst in Hamburger Plattenläden brachten, war nach kurzer Zeit ausverkauft. Seine Myspace-Seite wurde schon über 230.000-mal aufgerufen. Im Frühjahr 2008 sollen Bacapons Solo-CD "Raubtiermuzik" und der erste "Doppel-H"-Sampler erscheinen. Auch Sertans Vorgänger als Grafiker hat "Doppel H" als Sprungbrett genutzt: Inzwischen gestaltet er Logos und CD-Cover für die Band "Revolverheld" oder die Berliner Rapper "King Orgasmus" und "Fler".

Obwohl Sertan erst wenige Monate für "Doppel H" arbeitet, gibt es bereits Jungs, für die Sertan ein Vorbild ist. Am Nachmittag streift er durch Neuwiedenthal, vorbei an einem Call-Shop, der eigentlich eine illegale Spielhalle ist. Vorbei an grauen Hochhäusern und Büschen, die aussehen wie alternativ geschmückte Weihnachtsbäume - so viel Plastikmüll hängt in den Ästen.

Vor dem Aldi trifft Sertan zwei Jugendliche. Sie sehen sein neues gelbes Sweatshirt schon von weiten, einer brüllt "Ey 'Doppel H', die gehen ab". Shake hands und weiter. "Die zwei sind unsere Youngsters, wenn sie gut genug sind, gehören sie bald zu 'Doppel H'", sagt Sertan. Vielleicht tragen sie dann auch den gelben Gang-Pullover. Auf den man stolz sein kann in einer Gegend wie Neuwiedenthal.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.