Pro & Contra Handys an Schulen - verbieten oder nutzen?

Handys lenken ab, Handys vermasseln die Noten, Handys nerven. So denken viele Lehrer - und die Schulen reagieren mit einem Verbot. Ist das sinnvoll - oder kurzsichtig?

Zwei Meinungen von und Arne Ulbricht

Smartphones: praktische Mini-Computer oder nervige Süchtigmacher?
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Smartphones: praktische Mini-Computer oder nervige Süchtigmacher?


Handys! Es gibt kaum ein anderes Thema, über das sich Lehrer, Schüler und Eltern so leidenschaftlich streiten.

Wer darf wann wo sein Handy benutzen und für was? Es ist ein Dauerbrenner, mit dem Schulen unterschiedlich umgehen - die meisten mit einem Verbot.

Der Verband der Digitalbranche Bitkom fand in einer Umfrage heraus: Die große Mehrheit der Schüler zwischen 14 und 19 Jahren, nämlich 84 Prozent, darf ihr Handy im Unterricht nicht benutzen. Fast jeder fünfte Schüler berichtet sogar von einem generellen Handy-Verbot, auch in den Pausen.

Das Thema beschäftigt auch den Landtag in Schleswig-Holstein. Dort haben Juristen des Wissenschaftlichen Dienstes festgestellt, dass Schulen den Jugendlichen zwar verbieten dürften, ihre Handys während der Schulzeit einzuschalten. Es sei aber unverhältnismäßig, Schülern vorzuschreiben, ihre Mobiltelefone ganz zu Hause zu lassen - schließlich wollten Eltern, dass ihre Kinder erreichbar seien.

Es gibt immer wieder Schulen, die den Verzicht aufs Handy proben - zum Beispiel auf Klassenfahrt. Doch ist es sinnvoll, die Geräte pauschal zu verbieten? Der Lehrer und Autor Arne Ulbricht sagt: Ja! "Andernfalls züchten wir uns eine Generation heran, die Panik bekommt, sobald der Akku leer ist." SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Heike Klovert widerspricht: Schulen sollten die Chancen nutzen, die Smartphones böten - und gleichzeitig den sinnvollen Umgang mit ihnen lehren.

Marcel Klovert

Heike Klovert

"Handy nutzen, nicht verbieten!"

Smartphones sind wie kleine schwarze Löcher, die Schülern die Aufmerksamkeit aus dem Hirn saugen, die Achtsamkeit, wenn nicht gar die Intelligenz? Diese Angst treibt Lehrer so sehr um, dass sie sich oft nicht anders zu helfen wissen als mit einem Verbot. Damit verändern sie die Denke ihrer Schüler nicht, sondern werten Smartphones nur unnötig auf. Denn was verboten ist, ist bekanntlich umso reizvoller.

Natürlich können Schüler mit Smartphones peinliche Fotos im Netz posten oder anonyme Beleidigungen verbreiten. Doch wenn sie das tun wollen, tun sie es sowieso. Dann halt abends zu Hause. Und egal, wo Mobbing passiert: Die Schule sollte darüber aufklären und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Netz lehren.

Davon abgesehen steckt in Smartphones eine riesige Chance für jene Schulen, die wenig Geld für Tablets, Notebooks, PCs und Videokameras haben.

Es ist eine einfache Rechnung: Ein durchschnittliches deutsches Gymnasium hat laut einer Studie des Cornelsen-Verlags 45 PCs und 23 Notebooks. Für 907 Schüler. Das ist nicht sehr viel. Von diesen 907 Schülern besitzen jedoch fast 90 Prozent ein Smartphone. In den allermeisten Fällen sind die Geräte internetfähig und mit einer Flatrate ausgestattet.

Das soll jetzt kein Freibrief fürs Daddeln und Surfen im Unterricht sein. Aber ein Appell. Schulen müssen sich noch viel mehr die riesigen Vorteile zunutze machen, die Smartphones bieten. Als Recherchewerkzeug: Wie schnell dreht sich die Erde? Als Wörterbuch: Was heißt gleich "procrastination"? Als Kommunikationsmittel: Morgen fahren keine Schulbusse? Telefonkette adé.

So lernen Schüler früh, Handys sinnvoll zu nutzen - zumal die Geräte auch im späteren Leben der meisten eine große Rolle spielen werden.

Die Handys müssen ja nicht klingeln. Ausgeschaltet oder lautlos im Unterricht, das wäre sinnvoll. Und wenn sie nicht im Einsatz sind, liegen alle Handys auf dem Tisch, wie die Taschenrechner in Mathe, nur mit dem Bildschirm nach unten. Dann kann niemand nach einer SMS vom Schwarm aus der Parallelklasse schielen - und gleichzeitig ist klar: Smartphones sind keine Schmuddelkästen, sondern Arbeitsmittel.

Wenn es Schüler trotzdem noch hin und wieder schaffen, heimlich zu chatten oder zu surfen - was soll's? Sie könnten dem Banknachbarn auch Zettel schreiben, oder Käsekästchen spielen und Tic-Tac-Toe. Wer Ablenkung braucht, der findet sie. Und letztendlich liegt's am Lehrer, den Stoff so zu vermitteln, dass seine Schüler sich nicht so leicht ablenken lassen.

Heike Klovert, 33, arbeitet als Redakteurin im Ressort Schule und Uni bei SPIEGEL ONLINE.

Daniel Schmitt

Arne Ulbricht

"Nein zu Handys in der Schule!"

Früher spielte Kai während des Unterrichts mit Mark Schiffe versenken und während der Pausen zog man sich aufs Klo zurück und blätterte dort im Playboy, in dem man eine nackte Frau sah, die an einem Auto lehnte.

Schüler suchten schon immer nach Ablenkung oder versuchten, Grenzen zu überschreiten. Daran hat sich nichts geändert. Das Problem ist, dass Schüler heute spätestens in der fünften Klasse ein Handy besitzen. Und allein durch das Handy haben sich die Möglichkeiten, sich ablenken zu lassen und Grenzen zu überschreiten, grenzenlos gesteigert.

Schon die für Fünftklässler attraktiven Spiele verfügen über ein derartiges Suchtpotenzial, dass es oft unmöglich zu sein scheint, darauf zu verzichten. Deshalb wird manchmal während des Unterrichts und immer während der Pausen gezockt. Aufs Klo gehen die Schüler während der Pause übrigens nicht. Das erledigen sie dann im Unterricht (und nehmen ihr Handy mit).

Je älter die Schüler werden, desto mehr Ablenkungsmöglichkeiten kommen Jahr für Jahr hinzu. Facebook, WhatsApp, Instagram, YouTube-Kanäle, Pornoseiten, auf denen man andere Sachen sieht als im Playboy, Hinrichtungen, usw., usw.

Es ist so dramatisch, wie es klingt: Schulhöfe und Klassenzimmer entwickeln sich zu einem Paradies für all diejenigen, die sich auch während der Schulzeit in ihre virtuellen Welten zurückziehen wollen, statt über den Schulhof zu laufen.

Schüler, die ihr Suchtverhalten auf dem Schulgelände ausleben, schaden übrigens nicht nur sich selbst. Denn wer im System Schule sich selbst schadet, schadet auch den Mitschülern und den Lehrern.

Schulen sollten deshalb den Handykonsum grundsätzlich verbieten und gleichzeitig auf die Digitalisierung reagieren, indem die Schule selbst pädagogisch sinnvolle Ausnahmeregeln einführt: Neben digitalen Projekten in der Oberstufe sollte es ab der siebten Klasse Digitalunterricht geben. In einem hervorragend ausgestatteten Raum lernen Schüler dann einmal pro Woche den Umgang mit verschiedenen Geräten und werden darin geschult, wie man im Internet recherchiert, wie es sich mit dem Copyright verhält und warum man nicht jedes Foto posten sollte.

Abgesehen davon gilt das Verbot! Wahrscheinlich würden sowohl die Schüler als auch die Eltern massiv dagegen protestieren. In diesem Fall müssen die Schulen halt gegen den Strom schwimmen und zum Wohl der Kinder eine digitale Zwangsauszeit dennoch durchsetzen. Andernfalls züchten wir uns eine Generation heran, die nur weiß, wie man googelt und Panik bekommt, sobald der Akku leer ist.

Arne Ulbricht, 43, ist Lehrer für Französisch und Geschichte in Teilzeit an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen. Außerdem arbeitet er als Autor. Gerade ist sein neues Buch "Lehrer? Ein unverschämt attraktiver Beruf!" erschienen.

Smartphone-Verbot auf Klassenfahrt: "12.000 Nachrichten auf meinem Handy - völlig verrückt"
  • Fabienne Kinzelmann
    Auf Klassenfahrt einen Gletscher besteigen und dann nicht mal ein Selfie posten - gibt es etwas Grausameres für Schüler? Schweizer Jugendliche haben den kollektiven Handyverzicht geprobt.
  • Hier sind ihre Entzugserscheinungen.



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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
bubu123 04.11.2015
1.
Wie wäre es mal mit so einem interessanten Untrtricht, dass die Schüler freiwillig aufs Handy verzichten? Wenn sowas nichtmal ansatzweise klappt sollte sich der Lehrer wohl einen anderen Beruf suchen.
curly988 04.11.2015
2.
Man muss sich der Tatsache stellen das Handys nun mal zum Alltag gehören. Durch den richtigen Einsatz von ihnen ( Bsp.: Lernapps, vielleicht mal eine App selbstprogrammieren) können, glaube ich, Schüler und Lehrer profitieren
Graphite 04.11.2015
3. naja,
da macht es sich die Autorin ja recht einfach. Waren sie einmal in einer Klasse mit Jugendlichen (ca. 14)? die Sprache hat mit deutsch so viel zu tun wie Fastfood mit gesundem Essen. die Aufmerksamkeitsspanne reicht gerade soweit bis das Handy wieder vibriert. Klar kann das Handy zur recherche herangezogen werden und das sollte auch gefördert werden. und dennoch wird ein Handy keinen PC ersetzen. habe es erst selbst die Tage erlebt: WORD, was ist das? wie geht das? ähh..Öhhmmm ja nee kann ich nicht! das ist leider die Realität. wie viele Jugendliche kennen sich mit Cybersecurity aus? wer kann Apps programmieren? dahin sollte die Nutzung der Handys im Unterricht gehen. Dafür kann man auch gerne "langweilige" Fächer wie Religion, Geschichte o.ä. verkürzen. Aber da hat das Kultusministerium was dagegen ;)
sok1950 04.11.2015
4. SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Heike Klovert hat ja auch jeden Tag
mit Schülern zu tun und erlebt täglich, dass Handy-Gucken überhaupt nicht vom Lernen ablenkt, erst recht nicht, wenn es im Unterricht auf dem Tisch liegt.
Tiananmen 04.11.2015
5.
Zitat von bubu123Wie wäre es mal mit so einem interessanten Untrtricht, dass die Schüler freiwillig aufs Handy verzichten? Wenn sowas nichtmal ansatzweise klappt sollte sich der Lehrer wohl einen anderen Beruf suchen.
Sie sind tatsächlich der Meinung, dass es einen Lehrer gibt, der es schafft, 30 Schüler so mitzureißen, dass nicht einzelnen das Thema am berühmten Rücken vorbei geht? Das schaffen Sie nicht mal bei Erwachsenen. Träumen Sie weiter - wenn Ihre Berufsempfehlung nur halbwegs zutreffend wäre, käme morgen kein Lehrer mehr in die Schule.
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