"Hart aber fair" über Handyverbot an Schulen Möglichst smart in die Zukunft

Sollten Smartphones an Schulen verboten werden? Auf der Suche nach Antworten lässt Frank Plasberg Eltern, eine Politikerin, einen Wissenschaftler und einen Medienpädagogen zu Wort kommen - nur Lehrer und Schulleiter nicht.

Moderator Plasberg (Archivbild)
WDR/ Klaus Görgen

Moderator Plasberg (Archivbild)

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Faye Montana sollte eigentlich so langsam ins Bett gehen, am nächsten Tag muss sie früh raus, um in die Schule zu gehen. Doch die 15-Jährige sitzt kurz vor zehn Uhr abends in ihrem Zimmer, eine Schulfreundin schleicht im Hintergrund um sie herum, und Faye schaut mit hellen Augen zu Frank Plasberg ins Studio. Per Skype wird sie aus ihrem Zimmer zu "Hart aber fair" geschaltet, weil sie ganz gut zu dieser Sendung passt, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Handys an Schulen verboten werden sollten, so wie in Frankreich.

Faye hat 318.000 Follower auf YouTube, ihren Kanal hat sie seit fünf Jahren, und sie erklärt Plasberg, warum es eine gute Idee ist, die Schule nach der zehnten Klasse zu verlassen, um das Abitur nicht auf dem Gymnasium, sondern online zu machen. Sie sei eben eher kreativ, wolle Karriere machen und könne nebenbei noch traveln. Die nötige Disziplin, um für die Prüfungen zu lernen, traue sie sich zu.

Drei bis vier Stunden in der Woche braucht sie, um ihre YouTube-Videos zu drehen. Doch wie viel Zeit sie mit ihrem Smartphone am Tag verbringt, will Faye Montana nicht verraten. Ihre Mutter, die Schauspielerin Anne-Sophie Briest, ist entspannt. Sie sitzt als Gast in Plasbergs Show und ist sich sicher, dass Smartphones keine Gefahr für junge Menschen darstellen. Und das, obwohl sie bislang noch jeden einzelnen Post ihrer Tochter kontrolliert. Die Kinder müssten einfach nur lernen, sinnvoll mit Smartphones umzugehen - und zwar in der Schule.

"Kinder müssen auf die digitale Zukunft vorbereitet werden", sagt auch Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Die Politikerin weiß zwar auch, dass vielen Schulen in ihrem Bundesland Geld fehlt und sie sich in einem "grauenvollen Zustand" befinden. Doch das läge nicht an der Finanzierung, sondern an anderen Projekten in den Kommunen, die Priorität hätten.

Mit den fünf Milliarden Euro aus dem Digitalpakt könnten die Schulen in den nächsten Jahren mit schnellem Internet und digitalen Endgeräten ausgestattet werden. Bis dahin könnten die Schüler ihre eigenen Geräte in den Unterricht mitbringen, sagt Gebauer. Sie sieht die Schulen in der Pflicht, Smartphones und Tablets sinnvoll pädagogisch einzusetzen. Zur Bildung gehöre der Umgang mit moderner Technik.

Wenn Manfred Spitzer Aussagen wie diese hört, muss er sich arg zusammenreißen. Der Hirnforscher und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm ist wohl der radikalste Gast in Plasbergs Sendung. Wenn es nach ihm ginge, dürften Jugendliche erst mit 18 Jahren ein Smartphone benutzen: unter anderem, weil sie depressiv werden könnten, schlechter schlafen würden und mit den Handys Zugang zu Pornos und Gewaltdarstellungen hätten. "Wenn man das alles zusammenzählt, ist Rauchen fast ein Klacks", sagt er. Spitzer meint das ernst - und untermauert seine Meinung mit allerhand Studien.

Ein Smartphone erst mit 18?

Als die anderen Gäste beginnen, sich darüber lustig zu machen, schnaubt er in Richtung Plasberg: "Ich kann es wissenschaftlich nachweisen, deswegen haben Sie mich doch eingeladen." Vor allem Medienpädagoge Jöran Muuß-Merholz sieht sich genötigt, den Professor jetzt anzugreifen. Er stehe ja ohnehin in der Kritik, seine Thesen mit dazu passenden Studien zu belegen.

Die Eltern in der Sendung können nur müde lächeln, wenn sie Spitzer reden hören. Sie wissen, dass sie keine Chance gegen die Smartphones ihrer Kinder haben. "Wenn ich meinen Kindern gesagt hätte, sie bekämen erst mit 18 ein Smartphone, hätten sie mich darum gebeten, sie zur Adoption freizugeben", sagt Schauspieler Thomas Heinze. Auch er sieht keine andere Zukunft als die mit Smartphones in der Schule - allerdings macht er sich Sorgen um die zwischenmenschliche Diskussionskultur im Klassenzimmer.

Frank Plasberg leitet indes sehr charmant durch die Sendung, macht kleine Witzchen, nette Anmerkungen. Nennt seine Kollegin Brigitte Büscher, die Tweets, Posts und Mails der Leser vorliest, onkelhaft "die strenge Brigitte". Doch man fühlt sich recht aufgehoben bei ihm, die Sendung erscheint kurzweilig. Nur: Leider schafft er es nicht, in der Debatte in die Tiefe zu gehen.

Wie sollen Lehrer den Schülern Medienkompetenz beibringen? Was können Eltern tun, damit ihre Kinder nicht die ganze Zeit am Smartphone kleben? Wie können sie ihren Kindern den richtigen Umgang mit digitalen Medien beibringen, solange das die Schule noch nicht tut? Vielleicht hätte Plasberg Schulleiter und Lehrer einladen sollen. Oder Wissenschaftler, die schon jetzt in der digitalen Zukunft angekommen sind.

Video: Protest gegen Handynutzung - Emils Kinderdemo

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Nox Harrington 11.09.2018
1. Eine schlimme Sendung...
...zu einem unglaublich wichtigen Thema. Redeanteil Spitzer bei gefühlt 90% (die Studie dazu reiche ich nach), Kulturpessimismus und Populismus aller Orten (Drogen-Vergleich, apple-Bashing, Rotlichtmetaphern, schwarz-weiß-Malerei, apokalyptische Szenarien für Bildungsbürger) und nicht EIN konkretes Bsp für das Gelingen von gutem Unterricht mit digitalem Anteil. Oder zumindest, wie der zu erreichen wäre. Nichts! Die Bankrotterklärung einer überforderten Redaktion, die sich lieber mit dem Thilo Sarrazin (Studie dazu: kommt!)der digitalen Bildungsdebatte schmückt, als echt und ehrlich in die Zukunft zu blicken. Plasbergs Moderation: unterirdisch! @joeranDE auf schrecklich verlorenem Posten aber mit Chancen auf das goldene Wollknäuel für den längsten Geduldsfaden!
Nox Harrington 11.09.2018
2. Spitzer
ist übrigens nicht der radikalste Gast in der Sendung. Er ist der lauteste und kann sich damit als radikal profilieren. Was viel über die Qualität der Sendung aussagt! Die eigentlich radikalen Thesen, die diese Sendung gebraucht hätte und die man rasch bei @joeranDE hätte bekommen können, wenn man denn danach gefragt hätte, sind für Spitzers Weltbild viel zu anstrengend. Er ist und bleibt ein Ideologe.
kleinsteminderheit 11.09.2018
3. Entzugsqualen
Einmal abgesehen davon, dass gerade private Eliteschulen Smartphones konsequent aus dem Unterricht verbannen um eine hocheffektive Lernatmosphäre zu erhalten, gehört zwar der Computer zur Arbeitswelt, aber nicht unbedingt das individuelle Smartphone. Es gibt viele, durchaus interessante und gut bezahlte Jobs, bei denen das Handy vor Arbeitsbeginn im Spind eingeschlossen wird. Dort, wo es tatsächlich zur Arbeit dazugehört gibt es meist Firmenhandys und dazu einen entsprechenden Verhaltenskodex. Derzeit empfinden viele Schüler bereits handyfreie Praktika als Kulturschock mit Amputationserfahrung. Zwar ist nirgendwo die Handynutzung in Frühstücks- und Mittagspause untersagt, aber die Stunden dazwischen generieren bereits Entzugsqualen. Praktikaabbrüche und sogar geplatzte Lehrverträge infolge wiederholter unerlaubter Smartphonenutzung sind nicht ungewöhnlich. Ich glaube nicht, dass unser Bildungsstandard so schlecht ist, weil Schüler zu wenig Smartphone im Unterricht haben. Digitales Lernen gehört in den Lehrplan, aber bitte mit schuleigener Hardware und dort, wo es angebracht ist. Aber das wichtigste Bildungsziel in Bezug auf Smartphones erscheint mir, dass jSchüler lernen, einige Stunden offline zu überleben und eine klare Trennung zwischen digitalem Arbeiten und privatem Unterhaltungskonsum durchzustehen.
fördeanwohner 11.09.2018
4. -
Die Frage lautet, was eigentlich Umgang bedeutet. Definitiv sollten die Kids von ihren Eltern lernen, wie man digitale Endgeräte bedient, und auch beigebracht bekommen, was alles nicht erlaubt ist. Den Feinschliff, wie ein Smratphone, Tablet, Computer funktioniert, wie man sie sinnvoll einsetzen kann und welche konkreten Konsequenzen falscher Medienkonsum haben kann, übernimmt dann die Schule. Programmieren sollte auf keinen Fall verpflichtend sein, weil man es nicht braucht und es Kids gibt, für die das eine absolute Überforderung wäre. Für die Schule sollte gelten, dass man nur mit Erlaubnis der Lehrkräfte auf die Geräte nehmen können darf, da Kinder und Jugendlich zwar toll sind, aber eben nicht vernünftig. Nicht mal Erwachsene sind das. Wie sollten es da die Kids sein?! Also muss man in der Schule auch aufzeigen, dass man eben nicht ständig digital sein muss, um sein Leben zu meistern. Wo denn auch sonst?
MDen 11.09.2018
5.
Das Hauptproblem unserer Zeit ist doch, dass große Teile der Bevölkerung kein Interesse mehr an den Fakten haben und sich in den Informationsblasen der sozialen Medien ihre eigene kleine Welt bauen wollen. Medienkompetenz für die Zukunft heißt aber "Faktencheck", aber den muss man eben wollen. Für die meisten ist Digitalisierung im Moment nichts weiter als Medienkonsum. Und irgendwelche Programme z.B. für Mathe werden genauso wenig Interesse wecken wie zuvorprogrammierbare, davor grafikfähigen, davor einfache Taschenrechner, Rechenschieber... In den Schulen wird die Digitalisierung nur dazu führen, dass die Meisten Schüler sich noch weniger selbst merken und aneignen und durch die sozialen Medien noch mehr abgelenkt sind vom eigentlichen Unterricht.
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