Hartmut von Hentig im Interview "Voll Neid habe ich auf diesen Mann gesehen"

Über Jahrzehnte wurde er bewundert, jetzt sind viele bestürzt: Der große Pädagoge Hartmut von Hentig soll die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule leugnen und bagatellisieren - und damit seinen Lebensgefährten decken, den ehemaligen Schulleiter. Gegenüber dem SPIEGEL versucht er eine Erklärung.

Pädagoge Hentig (Archivfoto 2000): "In der letzten Woche erfahre ich das Geschehen vornehmlich aus den Medien"
DPA

Pädagoge Hentig (Archivfoto 2000): "In der letzten Woche erfahre ich das Geschehen vornehmlich aus den Medien"


Einen Tag lang rang er mit sich, dann entschied Hartmut von Hentig: Ja, er wolle sich den drängenden Fragen stellen, er wolle nicht schweigen zu den schlimmen Vorwürfen. Der große alte Mann der Reformpädagogik, eine Koryphäe und ein Idol, gab dem SPIEGEL ein schriftliches Interview.

Es sind schreckliche, intime Fragen, die man dem 84-Jährigen stellen muss. Sein Lebensgefährte war bis 1985 Leiter der Odenwaldschule, er war der Leiter, dem nun immer neue Missbrauchsvorwürfe gemacht werden. Der Mann, der die deutsche Schule zu einer besseren gemacht hat, lebt mit einem Mann zusammen, der - so sagen es ehemalige Schüler - Kinder geschändet hat.

Was hat Hentig gewusst, was hätte er wissen müssen? Und ist seine Pädagogik mitverantwortlich? Ein Reporter der Süddeutschen Zeitung hatte ihm vernichtendes Zeugnis ausgestellt, nachdem er ihn besucht hatte: "Hentig leugnet, verdrängt und bagatellisiert." Danach hat sich Hentig wieder von der Welt abgeschottet - bis auf die Antworten, die er dem SPIEGEL gab.

SPIEGEL: Herr Professor von Hentig, fast täglich werden neue Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bekannt. Haben Sie noch Kontakt zur Schule, oder wie verfolgen Sie das Geschehen?

Hentig: Seit Sommer 1999 habe ich keinen Kontakt mehr zur Odenwaldschule. Damals beendete - wie lange vorher angekündigt - der Nachfolger des jetzt beschuldigten Leiters seine Tätigkeit. Seitdem bin ich im "Verteiler" der Schule, erhalte also vermutlich alle von ihr ausgesandten Druckschriften. In der letzten Woche erfahre ich "das Geschehen" vornehmlich aus den Medien. Dabei wird - mit erstaunlichen Unterstellungen - immer häufiger auch mein Name genannt. Allerdings hat sich das Verhältnis umgekehrt: Nicht ich verfolge irgendwelche "Nachrichten" - ihre Macher verfolgen mich, so dass ich das Telefon nicht mehr abnehme, meine Wohnungstür nicht mehr öffne.

SPIEGEL: Wegen der Missbrauchsfälle steht auch Ihr Lebenswerk, die Reformpädagogik, in der Kritik. Hat die Reformpädagogik den Lehrern ihre Taten ermöglicht oder erleichtert?

Hentig: Diese richtige und wichtige Frage sollte eigentlich am Ende stehen. Zunächst geht es nicht um die Reformpädagogik, sondern um die Odenwaldschule und die früher an ihr tätigen Pädagogen, die von ehemaligen Schülern schwer beschuldigt werden. Die Beschuldigungen müssen geklärt worden sein, bevor man anfangen kann, einen Zusammenhang mit irgendeinem pädagogischen Programm herzustellen oder zu leugnen. Denn "Missbrauch" wird ja nicht darin stehen. Vollends schwierig ist es, ein geschlossenes Corpus von Theorien, Maximen, Praktiken der "Reformpädagogik" auszumachen. Zwischen Waldorfschulen, Summerhill, Salem, den Bielefelder Schulprojekten - lauter "reformpädagogischen" Einrichtungen - sind die Unterschiede größer als zwischen Ganztagsschulen und traditionellen Gymnasien. An vielen Gesamtschulen gab es Kuschelräume für die Schüler, an vielen humanistischen Gymnasien huldigte man dem Ideal der Kalokagathie der alten Griechen. Beides könnte sexuelle Verführung begünstigen, beides muss das nicht und hat das nicht, jedenfalls wird dergleichen derzeit nicht behauptet.

SPIEGEL: Die Reformpädagogik beruht aber doch unter anderem auf einer besonderen Hinwendung zum einzelnen Kind. Bringt dies nicht automatisch eine erhöhte Gefahr des Missbrauchs mit sich?

Hentig: Das Prinzip der Hinwendung zum Einzelnen ergibt sich nicht aus einer Ideologisierung des Individualismus, sondern schlicht aus dem Handwerk der Pädagogik: Sie soll die Persönlichkeit des Kindes und künftigen Erwachsenen stärken und seine besonderen Gaben zum Nutzen zunächst der jeweils größeren Gemeinschaft, schließlich der Gesellschaft entwickeln. Da beides gleichermaßen, d.i. in demselben Zuge angestrebt wird, wäre eine vollständige Vereinzelung zweckwidrig. Das Verhältnis von Jean-Jacques zu Emile ist ein Konstrukt, mit dessen Hilfe Rousseau veranschaulicht, wie leicht wir die Bedürfnisse und Besonderheiten des Kindes unseren Erwartungen, und schlimmer: unserer Bequemlichkeit, opfern. Die "Hinwendung zum einzelnen Kind" musste in der Reformpädagogik so hartnäckig gefordert werden, weil wir alle Bildungsmaßnahmen in kollektiven Einrichtungen untergebracht haben und auch die Erziehung immer stärker und früher aus der Familie herauslösen. Dass Hauslehrer im Zuge des "home-teaching" wieder auferstehen, ist möglich. Lenz' "Hofmeister" sollte uns davor warnen. Die Frage, ob die Mahnungen und Maßnahmen zur Beachtung des einzelnen Kindes "nicht automatisch eine erhöhte Gefahr des Missbrauchs" mit sich bringen, kommt mir recht künstlich vor. Ich versuche mir vorzustellen, was man dabei im Sinn haben könnte: Zweiergespräche zwischen Pädagogen und Kindern, Lehrern und Schülern? Einzelzimmer in Internaten für besonders nervöse Jugendliche? Die ermutigende Hand auf der Schulter eines verzagten Buben? Jürgen Bartsch ist zum Kinderschänder und -mörder geworden, vermutlich auch, weil ihm all das gefehlt hat. Schlafsäle, Refektorien, das antiindividualistische Prinzip von Kadettenanstalten und geistlichen Orden haben Missbrauch nicht verhindert, sondern hier und da möglicherweise begünstigt. Ein Problem der Schule ist, dass man noch zu wenig erkannt hat, in welchem Maß auch die Schule erzieht - und das meist negativ durch Unterwerfung dieser Erziehung unter das Ideal verwaltbarer Unterrichtung. Eine Erziehung aus der Distanz kann ich mir nicht vorstellen.

SPIEGEL: Die Theorie ist das eine, die Praxis das andere: Waren die Verfechter der Reformpädagogik aufmerksam genug, deren mögliche Ausnutzung durch pädophile Pädagogen zu erkennen?

Hentig: Erkennen kann man nur die tatsächliche Ausnutzung einer Theorie zu falscher Praxis. Der möglichen Ausnutzung kann man vordenken. Da ich einen Zusammenhang zwischen "Reformpädagogik" und sexuellem Missbrauch von Kindern nicht sehe, wüsste ich nicht, wohin meine Gedanken da gehen sollten. Mir scheint ein Schutz der Kinder allein in der Herstellung von zwei Voraussetzungen zu liegen: Jeder muss seines Bruders und seiner Schwester Hüter sein - und alle müssen in der Lage sein, über sexuelle Fragen frei (nicht medizinisch, nicht verklemmt, nicht mit der Brutalität der Gosse) zu reden. Das gilt für alle pädagogischen Einrichtungen.

SPIEGEL ONLINE: An der Odenwaldschule haben sich offenbar viele - vermutlich acht - Lehrer am Missbrauch beteiligt. Kann man da noch von Einzelfällen sprechen?

Hentig: Ich würde es nicht tun. Es tut wohl auch niemand. Aber kann man umgekehrt von "regelmäßigem" oder "massivem Missbrauch" oder gleich von einem "Kulturprogramm", also einer pädagogischen Instrumentalisierung pädophiler Verhältnisse reden? Müsste man nicht zunächst sagen, wie sich die Vorkommnisse auf welche Zeit verteilen und wie sich die Verteilung in anderen Lebensbereichen verhält? Davon abgesehen, dass ja bisher nur Aussagen gesammelt, nicht aber geprüft, Personen zugeordnet und kategorisiert worden sind.

SPIEGEL: Die heutige Schulleiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann, bemüht sich um Aufklärung. Geht sie mit dem Problem richtig um?

Hentig: Urteile ich aus dem, was mich erreichte, ist sie im Begriff, die Aufklärung zu versäumen, wenn nicht gar zu verderben, indem sie von vorneherein Aussagen der Beschuldiger, deren Erinnerung an lang Zurückliegendes, zum Teil auch bloße Mutmaßungen wie Fakten behandelt hat. Ich finde es richtig, dass sie ernst nimmt, was ihr ehemalige Schüler sagen. Aber solange sie nicht auch andere ehemalige Schüler, Erwachsene, Eltern angehört und nicht auch Verbindung zu den Beschuldigten wenigstens gesucht hat, sollte sie sich der rechtsstaatlich gebotenen Vorbehaltsklausel bedienen. Was in sämtlichen Zeitungen Deutschlands steht, ist nun "das Geschehen" und nicht "der Vorwurf", "die Beschuldigung". (...) Ebenso hat Frau Kaufmann nach meiner Wahrnehmung bisher die Möglichkeit verworfen, deren sich andere Institutionen bedienen, nämlich die, eine zwar mit Internaten vertraute, aber unabhängige "Autorität" einzusetzen, die die Untersuchungen mit der notwendigen Erfahrung, dem Verfahrensbewusstsein, ja der Weisheit dafür leitet. Ich nenne einige in Frage kommende Personen: Rita Süßmuth, Heiner Geissler, Knut Nevermann, Joachim Gauck, die mit anderen "Heimopfern" befasste Antje Vollmer. Die Schulleiterin begnügt sich weiterhin mit einem Psychologen, dessen Gutachten der Vorstand des Odenwaldschule-Trägervereins als unzureichend abgelehnt hatte. Dass Frau Kaufmann sämtliche Schüler, die im fraglichen Zeitraum an der Odenwaldschule waren, angeschrieben hat (in welcher Form ist mir nicht bekannt), ist zu loben. Aber auch hierbei wäre eine professionelle Form der Aufforderung einzuhalten. Eine Insinuation mit der Melodie "Auch …?" sollte es jedenfalls nicht sein. Was die Presse anrichtet, ist freilich noch viel schlimmer. Die "Süddeutsche Zeitung" titelt: "Gerold Becker (ist) Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. Hentig aber leugnet, verdrängt, bagatellisiert." Geleugnet habe ich - und zwar entschieden! - die Mitwisserschaft und die Behauptung, ich hätte die Gerold Becker vorgeworfenen Verfehlungen "gedeckt". Verdrängen kann man etwas, was man einmal gewusst hat und nicht wahrhaben will. Bagatellisieren kann man eine schlimme Tat, nicht eine schlimme Behauptung. Aber die drei Verben werden im Bewusstsein der Leser hängen bleiben.

SPIEGEL: Der ehemalige Schulleiter Gerold Becker, der schwer beschuldigt wird, ist Ihr Lebensgefährte. Sie wollen in all den Jahrzehnten, in denen Sie zusammen sind, nie etwas von dessen Übergriffen gemerkt haben. Wie ist das möglich?

Hentig: Gerold Becker ist mein Freund und seit 1994 mein Nachbar im selben Haus. In der Zeit, in der er erst "Kronprinz", dann Leiter der Odenwaldschule war (1969 bis 1985), habe ich ihn vermutlich einmal jährlich besucht, selten länger als einen Tag, meistens verbunden mit einer Tagung (zum Beispiel über Drogen), einer Vereinsgründung ("Akademie für Bildungsreform"?), einer besonders gerühmten Theateraufführung, einem Jubiläum. Wenn ich übernachtete, dann in der Regel im offiziellen Gästezimmer der Schule. Fast immer war der Leiter sehr beschäftigt, so dass ich oft, tagsüber in seiner Wohnung sitzend, meine eigenen mitgebrachten Arbeiten erledigte. Aber auch sonst hatte Gerold Becker meist nur abends für mich Zeit. Derweil gingen die "Familien"-Mitglieder aus und ein, kochten sich vielleicht Spaghetti, plauderten vielleicht ein wenig mit mir: unbefangen, höflich, bemerkenswert selbstsicher. Im Zusammenleben mit Schülerinnen und Schülern habe ich Gerold Becker eigentlich nur bei gemeinsamen Mahlzeiten im Speisesaal oder beim Überqueren des Schulgeländes erlebt, wenn sie auf ihn zusprangen und er freundlich abwehrte: Du siehst, ich habe einen Gast. Komm doch dann und dann wieder.

SPIEGEL: Haben Sie nie einen Verdacht geschöpft? In Ihrer Biografie berichten Sie von einer Reise nach Griechenland, die Sie beide gemeinsam mit einem zehnjährigen Kind unternommen haben, und schreiben von "Eifersucht" und besonderer Nähe zwischen Ihrem Lebensgefährten und dem Kind.

Hentig: Nein. Wer meine Wahrnehmung von, mein Interesse an, meine Bewunderung für Gerold Beckers Pädagogik verstehen will, sollte meinen Bericht über diese gemeinsame Reise mit dem Neffen Nikolaus lesen. Während Gerold Becker in dieser Lage das "Richtige" tat, tat ich das "Notwendige". Ihm gelang (fast) alles, mir nur weniges. In dem Bericht von 1996 - da wurde er erstmals unter dem Titel "Calling for attention" publiziert - frage ich mich in der Tat, indem ich mich in die Lage von damals (1968) zurückversetze: "Bin ich eifersüchtig auf das Einvernehmen der beiden?" Jedenfalls geht es um die Beschreibung einer "klassischen" pädagogischen Situation: Ein Kind kämpft verzweifelt um Anerkennung, will einen Erwachsenen "ganz für sich" haben, wobei ihm jedes Mittel recht ist: vom Zündeln bis zu wilder Aggression.

SPIEGEL: Machen Sie sich Vorwürfe, dass Sie etwas hätten bemerken müssen?

Hentig: Nein. Die könnte ich mir doch nur machen, wenn es einen Anlass dazu gegeben hätte - eine Verdacht erregende Wahrnehmung, ein Misstrauen, ein mir zugetragenes Gerücht. Ich habe ja dauernd und genau hingesehen: voll Neid, wie gut diesem Mann gelang, auf Kinder einzugehen, ihnen etwas zu erklären, sie durch Ablenkung oder geduldiges Zureden von einem Unfug abzuhalten. Voll Neid für "seine" wunderbare Schule. Aber solche Sätze wird man mir nach dem Vorbild der "Süddeutschen Zeitung" als "schlimme Gedankenlosigkeit" auslegen.

Die Fragen stellte Markus Verbeet

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.