Hauptschul-Debatte Gymnasiasten als Sozialarbeiter

Rütli ist überall, behaupten die Gegner des dreigliedrigen Schulsystems. Sie fordern die Abschaffung der Hauptschule - sollen Gymnasiasten und Realschüler zukünftig die Aufgaben der Sozialarbeiter übernehmen?

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Eigentlich bieten die Zustände in der Rütli-Schule Anlass zur Freude - zumindest für jene üblichen Verdächtigen in der Bildungsszene, die in den vergangenen Wochen und Monaten Schwierigkeiten hatten, ihren ganz speziellen Interpretationen der Schulmisere Gehör zu verschaffen. Denn Rütli ist die ideale Projektionsfläche für Patentrezepte. Zur Auswahl stehen beispielsweise: mehr fördern, mehr fordern, mehr Deutschkurse für Ausländer, mehr Sozialarbeit, mehr Geld für die Schulen, mehr Lehrstellen, mehr Lehrerstellen.

Bezirksbürgermeister Buschkowsky vor der Rütli-Schule: Systemänderung?
DDP

Bezirksbürgermeister Buschkowsky vor der Rütli-Schule: Systemänderung?

Und der Klassiker unter allen Wiedergängern: die Abschaffung des dreigliedrigen deutschen Schulsystems. Diese Forderung hat sogar eine Pole-Position im vielstimmigen Chor der Mahnungen, haben sie doch die verzweifelten Lehrer der Berliner Hauptschule selbst angestimmt: "Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung", so heißt es in dem Appell an den Senat.

Rütli ist überall, lautet die Botschaft: Die Hauptschule wird zum Auffangbecken für Bildungsverlierer, zum Tummelplatz für "Intensivtäter", die gegenüber ihren Mitschülern den Ton angeben, zum Spielplatz für ethnisch abgeschottete Cliquen und Banden.

Breitseiten gegen das "selektierende Schulsystem"

"Der Brief beschreibt das, was jeder weiß, der Hauptschulen in benachteiligten Gebieten von Großstädten kennt", argumentiert Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) im "Tagesspiegel". An der Hauptschule zeige sich das Problem "unseres selektierenden Schulsystems" - die Hauptschule sammele die Schülerpopulation mit den geringsten Chancen.

Das ist zweifellos richtig - und doch droht im Vorfeld der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus die Debatte wieder in Richtung jenes verhängnisvollen Grabenkampfes zu driften, der die notwendige Reform der Schulen über Jahre hinweg blockierte. Gesamtschule versus dreigliedriges Schulsystem, so verlaufen die verhärteten Fronten. Für beide Lager lässt sich der Fall Rütli trefflich verwerten: Der Klassenverband muss sozial besser gemischt werden, also muss man alle Schüler in einer Schulform versammelen, sagen die einen. Die Hauptschule muss wieder aufgewertet werden, sagen die anderen.

Fest steht jedenfalls: Die Gesamtschule als einzige Schulform ist in der Bundesrepublik nicht durchsetzbar. Dagegen steht der Wille eines Großteils der Elternschaft und vor allem das föderale System. Es ist praktisch ausgeschlossen, dass sich alle 16 Bundesländer darauf einigen, ihr Schulsystem auf die Gesamtschule umzustellen - auch wenn sie einen anderen Namen bekommt und zum Beispiel fortan "Gemeinschaftschule" heißt.

Restschule - ein hässliches Wort

Wer dies akzeptiert, ist schon wesentlich weiter. Denn die Frage, ob die Hauptschule in ihrer derzeitigen Form noch zeitgemäß ist, ist durchaus berechtigt. Die Befunde über die Schulform aus jüngster Zeit sind ernüchternd. "Mehr als jeder zweite Hauptschüler erreicht beim Lesen nicht das unterste Kompetenzniveau", so lautete ein Ergebnis der Pisa-Studie. Laut der Desi-Schulstudie sind zwei Drittel der Neuntklässler an einer Hauptschule nicht in der Lage, einen gesprochenen englischen Satz zu verstehen - und das nach fünf Jahren Englischunterricht.

Nur noch in Bundesländern wie Bayern, wo 40 Prozent eines Altersjahrgangs die Hauptschule besuchen, ist das Binnenklima an den Hauptschulen einigermaßen intakt. In Großstädten besuchen dagegen nur rund zehn Prozent eines Jahrgangs die Hauptschule. Sie verkommt dort zur "Restschule" - ein hässliches Wort, offenbart es doch die unausgesprochene Bereitschaft, jenes abgehängte Zehntel seinem Schicksal zu überlassen.

Mitte der sechziger Jahre gegründet, um die oberen Klassen der Volksschule zu ersetzen, soll die Hauptschule eigentlich auf Berufe in Industrie und Handwerk vorbereiten. Zu Frühzeiten der Schulform besuchten 70 Prozent aller Schüler die Hauptschule. Doch selbst die Branchen, für die die Hauptschule eigentlich ausbildet, stellen heute lieber Realschüler und Abiturienten ein. Die Hauptschule sammelt diejenigen, die höchstens den Minimalanforderungen genügen.

Und mit jedem Gewaltskandal, jedem Hilferuf leidet der Ruf der Hauptschulen weiter. Die Schüler wehren sich mit Gewalt gegen das Stigma, für die Lehrer wird es immer schwieriger, die Lernverweigerer und Schulschwänzer zurückzuholen.

In den Abfalleimer der Geschichte?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will die Hauptschulen lieber heute als morgen auflösen. Sie hat in jüngster Zeit unverhofften Beistand bekommen: Vertreter aus Wirtschaft und Wirtschaftsforschungsinstituten wie Jenoptik-Aufsichtsrat Lothar Späth oder Ifo-Chef Hans-Werner Sinn plädieren ebenfalls für ein Umdenken. Das dreigliedrige Schulsystem, so argumentiert Sinn, sei mitverantwortlich für die hohe Arbeitslosigkeit und gehöre "in den Abfalleimer der Geschichte".

In mehreren Bundesländern steht die Hauptschule zur Debatte. Hamburgs Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) hat Überlegungen angestoßen, ob sie nicht abgeschafft und stattdessen ein zweigliedriges System installiert werden solle. Sachsen, eines der Gewinner-Bundesländer des Pisa-Ländervergleichs, hat ein zwei-Säulen-Modell aus Gymnasium und Mittelschule installiert. Auch das Saarland hat die Hauptschule abgeschafft und durch die erweiterte Realschule ersetzt.

Für die spezifischen Probleme in Neukölln würde aber eine einfache Umwidmung kaum taugen: In Sachsen ist nur jeder zwanzigste Schüler mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aufgewachsen, in einer Großstadt wie Hamburg jeder dritte, in Neukölln die große Mehrheit. So hält beispielsweise der bildungspolitische Sprecher der Berliner Grünen, Özcan Mutlu, nicht viel von einer Auflösung der Hauptschulen. Damit würde man das Problem nur an Gesamt- und Realschulen verlagern, so seine Argumentation.

Die Zugpferd-Theorie, wonach stärkere Schüler ihre schwächeren Kameraden mitziehen, könnte sich dort genauso gut ins Gegenteil umkehren: Die Leistungsunwilligen ziehen die Mitschüler, die auf der Kippe zwischen Aufsteigen und Abschmieren stehen, mit nach unten.

Gymnasiasten und Realschüler als verkappte Sozialarbeiter einzusetzen, wäre kaum der richtige Weg. Wer den deklassierten Hauptschülern Aufstiegschancen eröffnen will, muss wohl oder übel in der Hauptschule anfangen - unabhängig von weiteren Optionen für die Zukunft der Hauptschule. In einen neuen Glaubenskrieg um die richtige Schulform zu verfallen, wäre sicher am wenigsten hilfreich.

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