Schule "Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch"

Pädagogisch sinnlos, sozial ungerecht und ein Ärgernis: Hausaufgaben müssen abgeschafft werden, findet Armin Himmelrath. Alle Beteiligten stimmen ihm zu.

Hausaufgaben: immer wieder Zoff in den Familien
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Hausaufgaben: immer wieder Zoff in den Familien


Bei der Einschulung freut sich noch jedes Kind auf Hausaufgaben. Stolz kommen die Erstklässler am ersten Tag mit Arbeitsaufträgen nach Hause. Doch ziemlich bald sorgen Hausaufgaben vor allem für Stress und Streit in den Familien. Trotzdem glauben Lehrer, Eltern und Schüler schon seit Jahrhunderten, dass Hausaufgaben zum Schulalltag dazugehören. Bereits in Schulordnungen aus dem 15. Jahrhundert wurde stundenlange "Privatarbeit" zu Hause festgeschrieben.

Ein Dogma, das seither kaum hinterfragt wurde. Stattdessen wurde immer wieder darauf verwiesen, dass Hausaufgaben das eigenständige Lernen und Arbeiten fördern, zur Festigung des in der Schule gelernten Stoffs beitragen und die Selbstdisziplin der Schüler fordern. Floskeln, die bis sich bis heute in den Schulgesetzen finden, obwohl die angebliche Wirkung von Hausaufgaben auf den Lernerfolg und die Charakterbildung nie bewiesen wurden.

Glauben Sie nicht? Hier sind die fünf wichtigsten Fakten über Hausaufgaben, die belegen, dass die ungeliebten Arbeitsaufträge besser abgeschafft werden sollte:

  • Wer Lehrer fragt, hört drei Argumente gegen Hausaufgaben. Erstens: Das Formulieren und Kontrollieren der Aufgaben kostet wertvolle Unterrichtszeit. Zweitens: Schüler "vergessen" Aufgaben bewusst oder lassen sich von ihren Eltern helfen. Und drittens erledigen zumeist genau die Schüler die Hausaufgaben, die es eigentlich nicht nötig hätten - während diejenigen, bei denen zusätzliches Üben angebracht wäre, sie nicht machen.

  • Eltern berichten, dass durch Hausaufgaben viel Stress in die Familien gebracht wird. Zwar sollen die Aufgaben den Eltern einen Einblick in den Unterricht erlauben - de facto aber sind sie ein massiver Störfaktor an Nachmittagen, Abenden und am Wochenende. "Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch", sagte der frühere Vorsitzende des Bundeselternrats, Hans-Peter Vogeler, im Jahr 2013 auf der Bildungsmesse Didacta. "Überlegen Sie mal, wie viel Streit in eine Familie kommt und wie das Zusammenleben durch sie beschädigt wird."

  • Für Schüler sind Hausaufgaben ebenfalls eine enorme Belastung. Im schweizerischen Kanton Schwyz wurden sie 1993 komplett abgeschafft und vier Jahre später doch wieder eingeführt. Parallel wurden die Leistungen der Schüler aus Schwyz mit denen aus einem anderen Kanton verglichen. Ergebnis: Bei der Kompetenz gab es keine Unterschiede, aber die aufgabenfreien Schüler waren deutlich motivierter und fühlten sich geringer belastet als ihre Mitschüler mit Hausaufgaben.

Schon 1906 stellte der Dresdner Pädagoge Gustav Schanze fest: "Hausaufgaben in Volksschulen sind vom unterrichtlichen Standpunkte aus als entbehrlich anzusehen." Und 1958 ließ der Mülheimer Erziehungswissenschaftler Bernhard Wittmann Schüler aus dritten und sechsten Klassen in Duisburg in zwei Fächern keine Hausaufgaben machen - Resultat: "Hausaufgaben besitzen keinen materialen Bildungswert, Hausaufgaben bewirken keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten bei den Schülern."

Auch die Bildungsgerechtigkeit leidet unter Hausaufgaben, sagt die Bildungssoziologin Jutta Allmendinger, denn sie verschärfen je nach sozialer Herkunft die Kluft zwischen den Schülern: Wo im Elternhaus Ressourcen und Vorbildung vorhanden sind, gibt es tendenziell mehr Förderung als in Familien ohne akademischen Bildungshintergrund.

"Gute Schüler", sagt auch der Dresdner Erziehungswissenschaftler Hans Gängler, "werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser, und schlechte Schüler begreifen zu Hause durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben."

Wer sich Hausaufgaben verweigert oder sie vergisst, braucht am nächsten Morgen gute Argumente. Hier sind die perfekten Ausreden für Faulenzer, Langschläfer und Schussel:

Appell an die Berufsehre: "Sie haben doch nicht fünf Jahre studiert und dann noch ein Referendariat drangehängt, um anschließend den Lernerfolg der von Ihnen unterrichten Kinder - also meinen Lernerfolg - von Zufallsfaktoren wie der sozioökonomischen Situation meiner Familie abhängig zu machen! Der Lernprozess kann richtig gut nur in Ihrer professionellen Obhut gelingen - also in der Schule. Und nicht zu Hause, in einem ganz und gar unpädagogischen Umfeld."

Juristische Argumentation: "Wenn Sie sagen, ich muss die Hausaufgaben machen, dann sage ich Ihnen ebenfalls, was Sie laut Schulgesetz tun müssen: 'Hausaufgaben müssen regelmäßig überprüft und für die weitere Arbeit im Unterricht ausgewertet werden' (Beispiel aus NRW). Jetzt bin ich mal gespannt, wie Sie in 45 Minuten die Aufgaben von 28 Schülern angemessen überprüfen und für die weitere Arbeit im Unterricht auswerten wollen."

Die wissenschaftliche Tour: "Wie unter anderem Wittmann (1964), Hascher/Bischof (2000) oder auch Gängler (2008) nachgewiesen haben, ist der Effekt von Hausaufgaben auf die fachliche Leistung oder die Zeugnisnote gleich null. Wollen Sie bei Ihrer Stoffvermittlung tatsächlich auf eine ganz und gar unwissenschaftliche Vorgehensweise setzen?"

Mahnung an das historische Gewissen: "Was? Sie halten ernsthaft an so einem überkommenen, aus Zeiten schlimmster Kinderarbeit stammenden Bildungsinstrument fest? Dann können Sie auch gleich wieder den Rohrstock und die körperliche Züchtigung als zeitgemäße pädagogische Instrumente einführen. Und im Übrigen wissen Sie ja sicher, was der große deutsche Pädagoge Wilhelm Jakob Georg Curtmann einst sagte: 'Je weniger der Lehrer zustande zu bringen weiß, desto mehr verschärft er die Hausaufgaben.'"

Juristische Argumentation, Teil II : "Kennen Sie zufällig das Urteil mit dem Aktenzeichen 3 B 188/02 des Verwaltungsgerichts Braunschweig? Das besagt, es sei 'nicht zumutbar, dass drei Kinder im Alter von 7, 14 und 16 Jahren an einem Küchentisch mit den Maßen 1,10 m x 0,70 m gemeinsam Schularbeiten machen.' Meine Geschwister sind genau so alt, und wir haben leider nur einen Küchentisch - es wäre also ungesetzlich, wenn ich da Hausaufgaben machen müsste."

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Zum Autor: Armin Himmelrath ist Bildungsjournalist und hat als dreifacher Vater 32 Jahre lang mit Hausaufgaben zu tun gehabt. Seine These: Die Existenz von Hausaufgaben ist ein schulpolitisches Dogma ohne wissenschaftliche Basis, das Gerede vom eigenständigen Lernen und Arbeiten nur eine Floskel. Deshalb hat er das Buch "Hausaufgaben - nein danke!" (hep Verlag) geschrieben.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
peter_rot 12.11.2015
1. Hausaufgaben sind sinnvoll
Es ist illusorische anzunehmen, mit dem was man in der Schule mitbekommt eine fundamentale gute Ausbildung zu bekommen. Dazu gehört das Üben - und das geschieht mit Hilfe von Hausaufgaben. Was man aber hinterfragen kann, ob das jetzige System sinnvoll ist. Für mich wäre eine Ganztagsschule besser, in der die Schüler nachmittags "Hausaufgaben/Übungen" unter Aufsicht und mit Hilfe von Lehrern machen könnten. Andere Länder sind da wie bei vielem deutlich weiter.
fatherted98 12.11.2015
2. Stimmt...
...wenn Lehrer es nicht schaffen den Unterrichtsstoff in der Unterrichtszeit so rüber zu bringen, dass der Schüler es auf Dauer versteht, haben sie ihren Job nicht richtig gemacht. Der absolute Wahnsinn sind Hausaufgaben in Ganztagsschulen....da fragt man sich wann die Schüler das noch machen sollen...aber kein Wunder wenn am 13.00 Uhr nur noch "Aufsicht" geführt wird statt Unterricht zu machen.
tendust_remar 12.11.2015
3. An Hausaufgaben führt kein Weg vorbei
An Hausaufgaben führt kein Weg vorbei, nur so können sich Schüler ungestört und voller Konzentration mit dem Stoff beschäftigen.
stefanmller800 12.11.2015
4.
Naja.. gerade in Sprachen ist das NUTZEN der selbigen, extrem sinnvoll. Oder im Deutsch Unterricht.. wenn man Lektüren lesen soll.. soll etwa im Deutsch Unterricht Goethe durchgelesen werden. Wie war das mit wertvoller Unterrichtszeit. Und Belastung für die eltern.. ich kann es nicht mehr hören, wenn sie Eltern jammern... Blos keine Belastung mehr, blos nicht Streit lösen müssen.. alles muss immer Friede Freude Eierkuchen sein! Komischer Weise hatte ich nie Probleme mit den Hausaufgaben und auch gab es nie richtigen Stress. Dann mmüssen die Eltern sich halt mal durchsetzen.. auch das müssen Kinder lernen. Und dasargument: Fördern die ungleichheit.. was ist denn das für ein Schwachsinn.. entweder die Hausaufgaben haben keinen Effekt, ODER sie fördern die Ungleichheit.. anders geht es nicht... und wenn sie die Ungleicheit fördern... Die Gleichheit, bei denen die besseren Schüler schlechter gemacht werden, ist kotnraproduktiv und NICHT erstrebenswert. Nur leider ist das gefühlt das Ziel (z.B. Einheitsschulen). Selbst auf dem Gymnasium langweilen sich die Schüler, weil andere Schüler zu lahm sind. Setzten sie da einen Hauptschüler dazwischen.. Gute Nacht!
Thomas Schnitzer 12.11.2015
5.
Nun, da gibt es eine einfache Lösung, die vielen Beteiligten entgegenkäme. Wir brauchen endlich die verbindliche Ganztagsschule in Deutschland. Bis zum frühen Nachmittag normaler Unterricht wie gehabt, danach selbständiges Bearbeiten von erteilten Aufgaben unter Aufsicht. Damit ist sichergestellt, dass die Aufgaben auch selbst erledigt werden, die Schüler vergessen ihre Aufgaben nicht, berufstätige Eltern sind entlastet. Und die, die das Thema nicht verstanden haben, können entsprechend gefördert werden.
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