Die Schulverbesserer, Teil 7 Sollen Eltern bei den Hausaufgaben helfen?

Nehmen die Hausaufgaben überhand, sitzt das Kind ratlos am Küchentisch. In der Serie "Wie werden unsere Schulen besser?" diskutieren Schüler, Lehrer und Bildungsexperten die Frage: Hilft es, wenn sich die Eltern einmischen?

Von Jan Friedmann, Hauke Goos und

Hausaufgaben: Besser mit oder ohne Eltern lösen?
Corbis

Hausaufgaben: Besser mit oder ohne Eltern lösen?


Hast du schon deine Hausaufgaben gemacht? Eine Frage, die viele Eltern ihren schulpflichtigen Kindern täglich stellen. Fällt die Antwort negativ aus, gibt es unterschiedliche Erklärungen: zu wenig Zeit, zu viele Hausaufgaben, zu schwierige Aufgaben.

Nicht selten werden Eltern dann selbst aktiv - sie setzen sich mit ihren Kindern hin und helfen bei der Lösung von Matheaufgaben, korrigieren Deutschaufsätze oder füllen Lückentexte aus. Andere fragen vor Klausuren Vokabeln oder Jahreszahlen ab. Doch was haben die Schüler davon? Sind Hausaufgaben überhaupt sinnvoll? Und wie können Eltern ihren Kindern wirklich helfen?

Um die Arbeitsbelastung am Nachmittag und Abend zu reduzieren, sollen zum Beispiel die Schüler an Hamburger Gymnasien in Zukunft nur noch fünf Stunden pro Woche mit Hausaufgaben verbringen. Diese neue Regelung von Schulsenator Ties Rabe gilt seit dem laufenden Schuljahr, spätestens zu Beginn des Schuljahres 2015/16 soll sie verbindlich umgesetzt werden. Die Schulkonferenzen der Schulen sind für das Gelingen verantwortlich. Dass sich die Eltern fortan aus der täglichen Hausaufgabenkontrolle zurückziehen, ist jedoch unwahrscheinlich.

Lesen Sie hier die Argumente von Bildungsministern, Experten, Lehrern und Schülern aus der großen SPIEGEL-Schulumfrage zur Frage: Sollen Eltern bei den Hausaufgaben helfen?


Nein, auf keinen Fall, sagen:

DPA

Kerstin Gleine, Friedrich-Ebert-Gymnasium Hamburg, Lehrerin des Jahres 2013 beim Klaus-von-Klitzing-Preis:
"Die Eltern sollten die Kinder weitgehend eigenständig an den Hausaufgaben arbeiten lassen, und sie - wenn überhaupt - nur unterstützen, keinesfalls aber zum Beispiel ganze Aufsätze für ihre Kinder schreiben. Für Schüler aus bildungsferneren Schichten ist die Nutzung eines Ganztagesangebotes in der Schule zur Unterstützung bei den Hausaufgaben sinnvoll."

AP

Manfred Prenzel, Bildungsforscher an der TU München und Leiter der deutschen Pisa-Studie:
"Eltern sollen nicht helfen, sie sollen allerdings die Bedingungen schaffen, damit ihre Kinder die Hausaufgaben erledigen."

Peter Roggentin

Ursula Walther, ehemalige Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands:
"Nein. Aber sie sollen viel vorlesen - auch älteren Kindern - und mit den Kindern über das sprechen, was diese gelesen und gehört haben, egal ob in der Schule oder außerhalb."

DPA

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands:
"Nein. Eltern sollten dafür sorgen, dass (!) die Hausaufgaben gemacht werden, aber nicht wie. Das hat mit Erziehung zur Eigenverantwortung zu tun. Die Lehrer wollen nicht sehen, wie gut die Mama eine mathematische Gleichung mit einer Unbekannten lösen kann. Kämen alle Kinder mit perfekten Hausaufgaben in die Schule, wäre der Lehrer dazu verführt, rasch im Stoff weiterzumachen."

DPA

Brunhild Kurth, CDU, Kultusministerin von Sachsen:
"Hausaufgaben sollten so gestellt werden, dass diese ohne elterliche Hilfe gelöst werden können."

Ja, Eltern sollten ihren Kindern helfen, sagen diese Experten:

SPIEGEL ONLINE

Mona Steininger, Preisträgerin beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb:
"Ich finde es sehr wichtig, dass Eltern bei den Hausaufgaben helfen. Natürlich können sie nicht jedes Fach noch genauso gut wie zu ihrer eigenen Schulzeit, manche Fächer hatten sie ja nicht mal, aber dann können sie wenigstens Vokabeln abfragen oder Ähnliches. So können sie auch besser kontrollieren, wie ihre Kinder mit dem Stoff zurechtkommen und ob sie die Hausaufgaben überhaupt machen."

DPA

Mathias Brodkorb (SPD), Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern:
"Selbstverständlich, aber sie sollten ihnen nur helfen, die Aufgaben zu lösen, und nicht selbst die Hausaufgaben erledigen."

DPA

Hans-Günther Roßbach, Professor für Elementar- und Familienpädagogik, Universität Bamberg:
"Ja, aber so, dass die Selbständigkeit der Schüler gefördert wird. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Effektivität von Hausaufgaben umstritten. Auf jeden Fall scheint Hausaufgabenhilfe durch die Eltern - wie umfangreiches Erklären der Hausaufgaben oder zusätzliches Üben - weniger wirkungsvoll zu sein als eine emotionale elterliche Unterstützung, die eine selbständige Bearbeitung der Hausaufgaben ermöglicht."

DPA

Christoph Matschie (SPD), Kultusminister von Thüringen:
"Es ist zu begrüßen, wenn Eltern ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen und nützliche Tipps geben. Als Erziehungsberechtigte sollten sie ohnedies immer Anteil an der schulischen Entwicklung ihrer Kinder nehmen. Wir sind uns allerdings einig, was das nicht bedeuten darf: dass Eltern die Hausaufgaben komplett übernehmen. Denn das nützt ihren Kindern am allerwenigsten."


Hausaufgaben sollten gänzlich abgeschafft werden, sagen dagegen:

DPA

Richard David Precht, Bestsellerautor:
"Hausaufgaben gehören abgeschafft. Eine Vertiefung des Gelernten ist notwendig, aber sie sollte in der Schule erfolgen und nicht zu Hause. Aus Hausaufgaben müssen Schulaufgaben werden."

Privat

Gerrit Petrich, Vorsitzender der Elternkammer Hamburg:
"Wenn Eltern bei den Hausaufgaben helfen müssen, ist es keine gute Schule. Generell fördern Hausaufgaben die Abhängigkeit der Schülerleistung vom häuslichen Umfeld. Ganztagsschulen können hier helfen, allerdings gibt es auch welche, an denen die Kinder nach der Schule - also nach 16 Uhr - noch Hausaufgaben machen müssen. Das ist aus meiner Sicht der schlechteste Fall. Idealerweise ist eine Schule in der Lage, die notwendigen Übungszeiten in den Schulalltag zu integrieren. Dann kann auf Hausaufgaben verzichtet werden. Dies gelingt in Hamburg bisher leider nur an ganz wenigen Schulen."


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Hausaufgaben

Sollen Eltern bei den Hausaufgaben helfen?

In Teil 1 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 2 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 3 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 4 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 5 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 6 fragten wir die Schulverbesserer:

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
dickebank 10.12.2014
1. Ganztagsschule
Hausaufgaben abschaffen. Es gibt keine größere Verschwendung von Freizeit als die Erledigung von Hausaufgaben. Hier werden lediglich Übungsteile, die zum Automatisieren des Gelernten dienen, aus Kostengründen auf die Elternhäuser übertragen, anstelle sie in der Schule in speziellen, fest im Stundenplan verankerten Lernzeiten unter Aufsicht erledigen zu lassen.
schamot 10.12.2014
2. hausaufgaben sind sehr wichtig
in der schule lernt man die theorie und zuhause übt man das erlernte. Man kann nur eine Sprache, wenn man sie spricht. Man kann nur Mathematik, wenn man sie übt. Da braucht man kein bischen drüber diskutieren! Und.. wem das zu viel ist soll sich seine Zukunft vor Augen halten...
hnf0506 10.12.2014
3. Realitätsferne der Experten
Gerade in der (vermeintlich) "bildungsaffinen", finanziell gut ausgestatteten Oberschicht ist das traditionelle Rollenmodell (Vati arbeitet, Mutti ist zu Hause) fest verankert. So ist sicher gestellt, dass sich Söhnchen/Töchterchen einer intensiven Hausaufgaben-Unterstützung erfreuen darf. Und dann auch, trotz mangelndem Intellekt, das Abi schafft! Dieser Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Schülern lässt sich kaum eliminieren.
gatsue 10.12.2014
4. Hausaufgaben..
Schön, dass alle einer Meinung sind. Aber Gewinner ist Pecht! (Klar, ist ja auch Filosof wie ich). Es müssen wieder Schulaufgaben werden.
Rolly 10.12.2014
5. Habe ich was falsch verstanden?
Die Nein-Sager: "Die Lehrer wollen nicht sehen, wie gut die Mama eine mathematische Gleichung mit einer Unbekannten lösen kann." -> das will ich auch nicht! "...keinesfalls aber zum Beispiel ganze Aufsätze für ihre Kinder schreiben." -> NATÜRLICH NICHT! Wer macht so was? Die Ja-Sager: "Selbstverständlich, aber sie sollten ihnen nur helfen, die Aufgaben zu lösen und nicht selbst die Hausaufgaben erledigen." -> klar! "Wir sind uns allerdings einig, was das nicht bedeuten darf: dass Eltern die Hausaufgaben komplett übernehmen." -> Eben! Ich verstehe schlicht den Widerspruch nicht. 1. Interessiert es mich was meine Kinder in der Schule machen. 2. Wenn es da Probleme gibt, dann HELFE ich. Hilfe heißt aber "Hilf mir es selbst zu tun". Meine Tochter liest sehr gerne und ist auch nicht schlecht bei Grammatikaufgaben, aber das selbständige Formulieren in Aufsätzen fällt ihr schwer. Als also eine Probe im Berichtschreiben angekündigt war, habe ich mir Beispielaufgaben aus dem Internet gezogen (Aufwand 10min), sie diese erledigen lassen während ich Haushalt gemacht habe und dann mit ihr besprochen (Aufwand 20 min). Ergebnis: eine 1, und zwar selbständig erarbeitet. Nicht immer klappt das so gut, aber die Botschaft ist doch: Wir Eltern haben zumindest die Verantwortung Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Alles darüber hinaus gehört in die Schule.
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