Ganz harte Schule Eltern, Kinder und die ewige Frage, wer mit dem Hund rausgeht

Kinder, die freiwillig im Haushalt helfen? Das gibt's nur im Märchen, weiß Armin Himmelrath. Trotzdem hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. Überraschungen erlebt er allerdings nur in Form von kreativen Ausreden.

Gassi gehen mit dem Hund
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Gassi gehen mit dem Hund


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Es gibt elterliche Zeitschleifen. Spiralförmige Wurmlöcher im Elternkosmos, die keinen Anfang und kein Ende haben. Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Situationen, die seit Jahren immer, immer, immer gleich ablaufen.

"Wer geht heute Abend mit dem Hund raus?", frage ich beim Frühstück.

"Ich nicht", echot es aus drei Mündern, millisekundengenau koordiniert. Wie immer. "Ich mache gleich die Morgenrunde", sagt der Jüngste. "Ich war gestern Abend", der Älteste. "Ich die beiden Tage davor morgens und abends", sagt der Dritte, "und am letzten Donnerstag."

Dann folgen ein paar Minuten Diskussion darüber, wie lange rückwirkend Gassi-Geh-Zeiten gegeneinander aufgerechnet werden können, ob das Auslandsschuljahr des einen Sohns vor drei Jahren in diese Berechnungen mit einbezogen werden muss, welchen Einfluss das Wetter auf die Wertung hat ("Bei Regen gehen zählt doppelt, weil es draußen dann scheiße ist") und schließlich, wie sich der in ein paar Jahren anstehende geplante Wechsel des Wohnorts wegen eines Studiums schon heute auf die Pflicht zur Hunderunde auswirkt.

Paragraf 1619 BGB

Vergessen, verdrängt und verschwiegen wird, wie sich alle drei vor Anschaffung des Hundes in Versprechungen überboten haben. Dreimal am Tag, jedes Mal eine Stunde wollten sie mit dem neuen Familienmitglied in den Wald gehen. Mindestens. Sogar Verträge in kindlicher Krakelhandschrift gibt es dazu, spektakuläre Selbstverpflichtungen. Was soll ich sagen? Heiße Luft, sonst nichts. Oder, juristisch gesprochen: "Das ist doch längst verjährt." So sagen sie das selbst.

Vor ein paar Jahren habe ich mal in unserer Tageszeitung eine kleine Notiz gefunden. Es ging um die Frage, wie viel Kinder im Haushalt helfen müssen. Und da stand ein kleines Zitat, das mein Herz hüpfen ließ.

Im Bürgerlichen Gesetzbuch, §1619, heißt es demnach unter der Überschrift "Dienstleistungen in Haus und Geschäft": "Das Kind ist, solange es dem elterlichen Haushalt angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten." Ich weiß nicht, ob Sie sich das Gefühl vorstellen können, so etwas in den Fingern zu halten. Das fühlt sich an wie ein dreifacher Lottogewinn, wie pures Erziehungsgold - und seither prangt der Auszug aus dem BGB auf der Kühlschranktür. In jeder Hunde-Gassi-Diskussion verweise ich auf den §1619.

Kinderarbeit!

Meine Kinder haben sich im Gegenzug angewöhnt, ihnen unangenehme Wünsche und Anforderungen wahlweise mit dem Verweis auf das Verbot der Kinderarbeit (§5 Jugendarbeitsschutzgesetz), die Uno-Kinderrechtskonvention oder auch die schlichte Drohung, jetzt sofort das Jugendamt anzurufen, abzuwehren. An unseren vor Gesetzesverweisen nur so triefenden Diskussionen hätte mancher Familien- und Arbeitsrechtler seine Freude.

Zwischenzeitlich hatte ich erwogen, Jurastudenten und gestandenen Anwälten zu Weiterbildungszwecken und gegen Bezahlung die Teilnahme an unserem Frühstück zu ermöglichen. Es scheiterte letztlich daran, dass ich mich mit meinen Söhnen nicht auf einen Verteilungsschlüssel für die Einnahmen einigen konnte.

Vor einigen Wochen wurde dieses jahrelang gepflegte Familienritual jedoch jäh gestört. "Wer geht heute Abend…...", setzte ich an, und zweistimmig synchron schallte es zurück: "Ich nicht." Zweistimmig? Wir alle schauten uns mit großen Augen an, glaubten dem Gehörten nicht. Warum hatte der mittlere Sohn geschwiegen? Fragende, ach was, ungläubige Blicke gingen über dem Tisch hin und her. Er grinste breit, kostete die Aufmerksamkeit genüsslich aus. Und sagte dann: "Ich kann nicht. Ich muss fürs Abi lernen." Ende April fängt er mit den Klausuren an.

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (17, 19, 22) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

"Respekt", murmelte der Ältere nach einer kurzen Pause. "Saugut", nickte anerkennend der Jüngere. Ich war platt. "Aber… da musst du ja auch mal Pausen machen…", versuchte ich die Situation zu meinen Gunsten zu drehen. "Quatsch, du sagst doch selbst immer, wie wichtig Bildung ist!", redeten seine beiden Brüder auf mich ein, "da macht er sich mal selbstständig einen Arbeitsplan, und du zerschießt ihm den sofort mit irgendwelchen Hundepflichten!" Irgendwer sagte dann noch was von irgendeinem Paragrafen, nach dem Eltern verpflichtet sind, ihren Kindern optimale Bedingungen bei der Vorbereitung auf Schule und Prüfungen zu gewährleisten. Da habe ich schon nicht mehr richtig zugehört.

Der Hund will raus

Seither ist der Verweis auf die Vorbereitungen zur Hochschulreife das Killerargument meiner Kinder. Spülmaschine ausräumen? Müll rausbringen? Die alphabetische Ordnung meiner Plattensammlung überprüfen? "Ich muss fürs Abi lernen", heißt es dann. "Aber YouTube-Videos zu gucken, ist doch keine Abi-Vorbereitung", wende ich ein. Sie ahnen es schon: In irgendeinem Fenster auf dem Bildschirm läuft dann eben auch ein Mathe-Erklärvideo. Wahrscheinlich nur für den Fall, dass ich ins Zimmer komme.

Es hat übrigens keine zwei Tage gedauert, bis auch der jüngste Sohn das neue Argument adaptiert hatte. Er macht zwar erst in einem Jahr sein Abi, argumentiert aber wortreich, er fange eben "früh und intensiv" mit der Vorbereitung an. Ich würde ihm gerne mit einer versteckten Kamera das Gegenteil beweisen. Ist aber verboten, den genauen Paragrafen habe ich gerade vergessen.

So, ich muss Schluss machen. Der Hund will raus.



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Seite 1
mcbarby 26.04.2017
1. Ist das wirklich real?
Dann haben Sie aber viel falsch gemacht in der Erziehung Ihrer Kinder. Das klingt stark nach diesen verweichlichten 68-ern. Natürlich versucht man mit seinem Kindern harmonisch zusammen zu leben. Aber die Kinder müssen auch lernen, dass eine Familie keine Demokratie ist (und auch nicht sein kann). Irgendwann stoßen die Interessen von Kindern und Eltern aufeinander, und das ist nichts, was man in einem Gesprächskreis ausdiskutiert, sondern da werden administrativ Entscheidungen gefällt. Ist übrigens ein elementarer Lernprozess, dass man sich im Leben Autoritäten durchaus auch unterzuordnen hat.
peterbruells 26.04.2017
2. Da fehlt schlicht und ergreifend eine Aufgabe:
Da fehlt schlicht und ergreifend eine Aufgabe: In der Nachbarschaft „Hund zu verkaufen“-Zettel aufhängen lassen.
Saure Gurke 26.04.2017
3. Früh übt sich
Da mit dem zu erwartenden Auszug der Kinder die Frage, wer mit dem Hund rausgeht, ohnehin erledigt ist, hilft nur eins: die Einsicht, dass man spätestens in fünf Jahren ohnehin dafür zuständig ist.
gneitzel 26.04.2017
4. Haben Sie Kinder?
Wir haben 6 Kinder und so wie Sie es darstellen ist es im realen Leben nun auch nicht. - Da können Sie versuchen sich "durchzusetzen", wenn die Kinder das blockieren wollen, bleibt nur noch Strafen oder Frust. - Gelassenheit ist noch am besten. - Es ist besser sich subtil durchzusetzen als den autoritären Stil durchsetzen zu wollen, den halbwegs gesunde und intelligente Kinder sowieso verstehen zu unterlaufen. Bei uns ist es zwar nicht 1:1 so wie beim Autor, dennoch kommt mir einiges vertraut vor. - Beispiel Spüldienst/Küchendienst. - Wegen dieser Problematik haben wir als "Erziehungsmaßnahme über ein Jahr die Geschirrspülmaschine stillgelegt und haben von Hand spülen lassen. Die Vorgabe war, dass die Geschirrspülmaschine erst wieder in Betrieb genommen wird, wenn der Spüldienst eine Woche lang funktioniert, ohne das es etwas auszusetzen gibt oder man die Kinder groß auffordern muss. - Das Experiment war gar nicht schlecht, jedoch ist es trotzdem schwierig geblieben. letztlich hat es auch gezeigt, dass wenn Kinder einfach nicht wollen, Strafen auch nichts bringen, weil sie einfach in kauf genommen werden!
anna cotty 26.04.2017
5. Wie alt sind die 'Kinder' ?
Als ich den Artikel gelesen hatte, nahm ich an, dass die Kinder zwischen 8 und 12 waeren . Aber dann habe ich gesehen, dass die Soehne des Autoren 16, 18 und 21 Jahre alt sind. Ich fuerchte, in dem Alter wuerde ich etwas mehr von meinen Kindern verlangen. Sie haetten zwar ein gewisses Mitspracherecht, aber ansonsten bekaemen sie ihre Aufgaben zugeteilt . Meine 4 Kinder waren alle mit 18 Jahren aus dem Haus. Aber selbst als sie klein waren, hatten jeder seine Aufgaben, von denen ich erwartet habe, dass sie die auch erledigten. Man kann eigentlich nie zu frueh anfangen.
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