Heimschüler in Frankreich Das Sofa als Schulbank

Die große Bildungsnation Frankreich ist stolz auf ihr Schulsystem. Doch immer mehr Eltern misstrauen den staatlichen Schulen und lassen ihre Kinder zu Hause lernen - sogar Lehrer sind unter den Fans des Heimunterrichts.


Nach den Herbstferien sind Frankreichs Kinder in die Schule zurückgeströmt - die meisten jedenfalls, denn für mehrere zehntausend Schüler findet der Unterricht zu Hause statt. Wachsendes Misstrauen gegenüber dem einst renommierten staatlichen Schulsystem ist einer der Hauptgründe, aus denen Eltern ihre Sprösslinge lieber zu Hause lassen und sie selber unterrichten. Die amtliche Zahl der Heimschüler liegt bei etwa 20.000, doch Privatschulen, die Fernkurse anbieten, berichten von explosionsartigem Wachstum.

Schülerproteste in Frankreich: Kein Vertrauen in die staatlichen Schulen
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Schülerproteste in Frankreich: Kein Vertrauen in die staatlichen Schulen

Das Urteil der Eltern, die sich vom Schulsystem der Republik abwenden, ist fast immer das gleiche: Den staatlichen Schulen wird nicht mehr zugetraut, den Kindern im Laufe der ersten sechs Schuljahre die Basis- Kenntnisse zu vermitteln. Jedes Jahr verließen 80.000 Kinder die Grundschule, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können, warnte der damalige Bildungsminister François Fillon Anfang des Jahres vor einem Parlamentsausschuss.

Eltern, die ihren Kindern bessere Chancen ermöglichen wollen, setzten daher auf Fernkurse, sagt Catherine Jousse, Chefin der Fernkursabteilung der traditionellen Pariser Privatschule Cours Hattemer. "Und diese Eltern sind keineswegs nur Städter aus den oberen Gesellschaftsschichten", so Jousse. Probleme mit der Schulpflicht gebe es nicht, versichert Jean-Claude Marcel von "Les Enfants d'Abord" (Kinder zuerst), einer Vereinigung von 400 Familien, die ihre Kinder zu Hause unterrichten. Heimunterricht sei gesetzlich erlaubt, "aber die meisten Franzosen wissen nicht, dass es diese Möglichkeit gibt".

Genaue Kontrollen durch den Staat

Der Staat kontrolliert Aussteiger sehr genau, vor allem um Kinder vor Missbrauch durch Sekten zu schützen. Wenn sie für anerkannte Fernkurse eingeschrieben sind, tun sie damit der Schulpflicht Genüge. Das zentrale Schulsystem hat einen Pflicht-Lehrplan für alle, den diese Einrichtungen mindestens erfüllen müssen.

Indes kann der Heimunterricht sehr teuer werden: Fernkurse kosten 330 bis 2000 Euro pro Jahr und Kind. Dazu kommt, dass in vielen Fällen eines der Elternteile seinen Job aufgibt. "Meist hört die Mutter auf zu arbeiten, um den Heimunterricht zu übernehmen", sagt Catherine Chemin, stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung CISE (Sein eigenes Kind unterrichten). "Wir hätten sicher einen höheren Lebensstandard, wenn wir beide berufstätig wären."

Dennoch scheint die Methode von Jahr zu Jahr beliebter zu werden. Während das Bildungsministerium versichert, die Zahl der Heimschüler sei konstant, berichten die Schulen über immenses Wachstum. Die Fernkurs-Grundschule Cours Sainte Anne wurde vor sechs Jahren mit einer Handvoll Schüler gegründet und hat heute 800. Patrick Isnard, Direktor der seit 15 Jahren bestehenden Fernschule Cours Pi, hat gar 1800 Schüler unter seinen Fittichen, "und die Zahl nimmt jedes Jahr rasant zu". Bei Cours Valin wächst die Teilnehmerzahl nach Angaben von Direktor Marc Gracia "um zehn bis 20 Prozent jährlich".

Besonders bemerkenswert: Viele Heimschüler sind Kinder von Lehrern sind. "Ich wollte meine Kinder nicht in die Schule schicken, nachdem ich sie von innen gesehen hatte", sagt Marcel von "Les Enfants d'Abord" und gibt sich als ehemaliger Lehrer zu erkennen. Ein anderer Lehrer, der immer noch in einer staatlichen Schule arbeitet und deshalb nicht genannt werden möchte, holte seine beiden Töchter aus dem öffentlichen System, nachdem er zwei Jahre dort gearbeitet hatte.

"Fast die Hälfte der Schüler beherrschen nach der Grundschule nicht die Grundlagen des Rechnens", berichtet dieser Pädagoge. Bei den Fernkursen, die er jetzt für seine Töchter gewählt hat, sei "das Niveau deutlich besser als das, was ich jeden Tag in der Schule erlebe".

Von Christina Mackenzie, AFP



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