Warnung des Lehrerverbands Schulen "außer Kontrolle" - stimmt das?

Bewaffnete Schüler, Gewalt, verbale Attacken: Der Lehrerverband warnt vor "amerikanischen Zuständen an deutschen Schulen". Stimmt das?

Rauferei an Schule (Symbolbild)
Getty Images/F1online RM

Rauferei an Schule (Symbolbild)

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Anmerkung der Redaktion vom 27. März : In einer früheren Version dieses Textes, der am 26. März erschienen ist, haben wir uns auf Zahlen berufen, die leider veraltet sind. In mehreren Bundesländern hat es zuletzt laut aktuellen Polizeistatistiken durchaus einen Anstieg von Straftaten an Schulen gegeben. Wir haben den Text überarbeitet - bitte beachten Sie dazu die ausführlichere Anmerkung am Ende des Artikels. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.


Hilferuf aus dem Klassenzimmer: Die Situation an einigen Brennpunktschulen könnte außer Kontrolle geraten, warnt der Chef des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. Er spricht von Beleidigungen, religiösen Mobbingattacken und Schülern, die mit Messern und Tränengas bewaffnet zur Schule kommen.

Meidingers Äußerungen sind alarmierend. Doch wie geht es wirklich zu an deutschen Schulen?

Das deutsche Jugendinstitut sowie Soziologen sprechen zwar von einer seit Jahren sinkenden Zahl der Gewalttaten an Schulen, allerdings gibt es keine bundesweite Statistik dazu.

Das Jugendinstitut hat daher mehrere Dunkelfeldbefragungen ausgewertet. So wurden beispielsweise niedersächsische Schüler über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg befragt, welche Gewalt sie an ihrer Schule oder auf dem Schulweg erlebt haben, die nicht polizeilich gemeldet wurde. Im Schuljahr 2007/2008 berichteten noch fast 20 Prozent der Befragten von körperlicher Gewalt, 2015 waren es nur knapp 16 Prozent.

Aktuelle Erhebungen für die Jahre 2016 und 2017 in Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen zeichnen jedoch ein anderes Bild:

Wie die polizeiliche Kriminalstatistik in NRW zeigt, kam es seit 2015 zu einem Anstieg der Straftaten an Schulen. So wurden im Jahr 2015 insgesamt 25.596 Straftaten an Schulen in NRW verzeichnet, 2017 waren es 27.541. Die Zahl der Körperverletzungen stieg in diesem Zeitraum von 3811 auf 4343.

Saarbrücken-Bruchwiese: Eine Schule in Angst
  • action press
    Schüler und Eltern bedrohen Lehrer, beschimpfen sie aufs Übelste: An der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken ist Unterricht kaum mehr möglich. Was läuft da schief?

Auch in Bayern und Berlin zeichnet sich eine Trendwende ab, nachdem die Zahlen der Gewalt an Schulen zuvor jahrelang gesunken waren. In Bayern stieg die Zahl der angezeigten Gewalttäter an Schulen von 299 im Jahr 2015 auf 355 im Jahr 2016, also eine Zunahme um 18,7 Prozent.

In der Hauptstadt wurden im Jahr 2016 erstmals wieder "merklich ansteigende Zahlen schulischer Gewaltvorfälle polizeilich registriert". Dabei finden 43 Prozent dieser Gewaltvorfälle in einem vergleichsweise kleinen Teil Berlins statt, nämlich in nur 15 Prozent der Bezirksregionen - vermutlich an sogenannten Brennpunktschulen. Ob diese Entwicklung anhält, lässt sich noch nicht sagen.

Inwiefern sich die Gewalt an Schulen in Deutschland in den vergangenen drei Jahren verändert hat, kann man daher derzeit statistisch noch nicht genau beantworten, diese jüngsten Daten geben allerdings erste Hinweise. Was man hingegen sagen kann: Gefühlt hat die Gewalt auf jeden Fall zugenommen.

Das mag an besonders heftigen Vorfällen liegen, die in den vergangenen Wochen publik wurden: In Baden-Württemberg hat ein Siebenjähriger seine Lehrerin mit einem Messer verletzt. An Schulen in Sachsen-Anhalt und Saarbrücken bitten Lehrer in Brandbriefen um Hilfe, weil sie von Schülern und Eltern bedroht und beschimpft werden. Eine Berliner Grundschule hat mittlerweile einen Sicherheitsdienst angeheuert, um die Lehrer zu entlasten. Und in einem besonders tragischen Fall an einer Schule in Lünen hat ein ehemaliger Schüler einen 14-jährigen Mitschüler erstochen.

Diese Gewaltvorfälle zeigen: Trotz sinkender Gewaltstatistik läuft irgendetwas schief an Deutschlands Schulen. Doch was?

Der Schulleiter der Gesamtschule in Lünen klagt nach dem tödlichen Messerangriff auf seinem Schulflur über die Gewalt unter Jugendlichen. "Viele Jugendliche wissen nicht mehr, wo die Grenze ist und was passiert, wenn sie überschritten wird", sagte Reinhold Bauhus, im Interview mit dem SPIEGEL.

Auch früher habe es Prügeleien auf dem Pausenhof gegeben, "aber wenn damals einer am Boden lag, war Schluss. Heute fehlt die Beißhemmung, es müssen auch mal drei, vier Lehrer dazwischengehen und zwei Schüler auseinanderreißen, damit es nicht böse endet."

Besonders brisant ist die Situation laut Lehrerverbandspräsident Meidinger an Brennpunktschulen in Ballungsgebieten mit "einseitiger Sozialstruktur" wie Berlin oder dem Ruhrpott. An einigen Problemschulen würde eine "Quote an Migranten überschritten", so Meidinger. Das Ergebnis seien sozial-religiöse Konflikte, die auch durch das fragwürdige Frauenbild entstünden, das einige Schüler mit Migrationshintergrund hätten. Sätze gegenüber Lehrerinnen wie: "Von dir Schlampe lasse ich mir gar nichts sagen!", seien an einigen Schulen an der Tagesordnung.

Was ist dran an Meidingers Äußerungen?

Was Meidinger als "einseitige Sozialstruktur" bezeichnet, bedeutet für Brennpunktschulen meist schwierige Ausgangsbedingungen. Denn hier werden nicht nur Kinder aus bildungsfernen Familien unterrichtet, sondern auch Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen, Kinder mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, Kinder mit Behinderungen, Kinder mit Fluchthintergrund.

Was ist überhaupt eine Brennpunktschule?
    Eine klare Definition gibt es nicht. Als Brennpunkte gelten unter anderem Gebiete, die häufiger von Arbeitslosigkeit, Armut oder Integrationsschwächen betroffen sind als andere. Der Berliner Senat unterstützt beispielsweise vor allem Schulen, die von ärmeren Kindern besucht werden. Wenn mindestens die Hälfte der Schüler von der Zuzahlung von Lehrmitteln befreit ist, hat sie Anrecht auf ein Bonusprogramm, das zusätzliche Unterstützung vorsieht. Das gilt zum Beispiel für Kinder, deren Eltern Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Bafög beziehen oder für Kinder, die in Pflegefamilien oder Heimen leben.

Eine Studie des Forschungsbereichs beim Sachverständigenratdeutscher Stiftungen für Integration und Migration zeigt: Tatsächlich gibt es etliche Schulen, an denen die Mehrheit der Schüler einen Migrations- oder Fluchthintergrund hat, viele von ihnen sind außerdem sozial benachteiligt.

"Schuld daran ist die Segregation, die sich in der deutschen Schullandschaft seit Jahren abzeichnet", schreiben die Forscher. Sie sprechen von "segregierten Schulen", in denen mehr als 50 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben.

Tatsächlich zeigen Beispiele aus den Ländern, dass die neuen Schüler nicht gleichmäßig auf die Stadtteile und Schulformen verteilt werden. So besuchen zum Beispiel in Hamburg überproportional viele Flüchtlingskinder Schulen in sozial benachteiligten Gebieten. Und in Rheinland-Pfalz etwa gingen von den Schülern, die aus typischen Flüchtlingsstaaten zugewandert waren, ungefähr knapp die Hälfte auf eine Grundschule, 40 Prozent auf eine Realschule, sechs Prozent auf eine Berufsschule und nur fünf Prozent auf ein Gymnasium.

Kurz: Die Gymnasiasten in den gut situierten Stadtteilen bleiben zumeist unter sich, die Schulen in den Problemvierteln bekommen durch die neuen Schüler noch mehr Aufgaben zugeteilt, als sie ohnehin schon zu bewältigen haben. Der Kriminologe und Psychologe Friedrich Lösel fordert deshalb eine Durchmischung von deutschen und ausländischen Schülern.

Wie Schulen es schaffen können

Eine Gesamtschule, die es aus dem Brennpunkt herausgeschafft hat, ist die Refik-Veseli-Schule in Kreuzberg in der Nähe des Görlitzer Parks. Die Schule geriet ständig in Schlagzeilen wie "Erste Schule in Deutschland ohne deutsche Schüler" oder "Unterrichtssprache: Türkisch". Vor wenigen Jahren machten fast 30 Prozent der Schüler hier keinen Abschluss, es gab kaum Anmeldungen und noch weniger Lehrer, die dort arbeiten wollten.

Seither hat sich vieles geändert. Die Schule hat an mehreren Förderprojekten teilgenommen. Eltern, Lehrer und Schüler haben gemeinsam Ziele entwickelt, die ihre Schule besser machen sollten. Die Vernetzung im Kiez war groß, auch die umliegenden Grundschulen beteiligten sich an dem Projekt.

"Ein wichtiger Punkt war die Einführung einer gymnasialen Oberstufe", sagt Schulleiterin Ulrike Becker. Dadurch seien mehr Kinder aus bildungsnahen Familien an die Schule gekommen. Davon hätten alle Schüler profitiert, die Schülerschaft hätte sich mehr durchmischt.

Droht ein Schüler, den Abschluss nicht zu schaffen, bekommt er einen Lerncoach. Meist sind das Lehramtsstudenten, die mit dem Schüler, mit Eltern und Lehrern einen Bildungsvertrag ausarbeiten. Mittlerweile machen nur noch zehn Prozent der Schüler keinen Abschluss. Das ist Berliner Durchschnitt. Dass sich die Situation der Schule geändert hat, liegt allerdings auch am Stadtteil. Das einstige Problemviertel Kreuzberg ist inzwischen sehr beliebt. Die Mieten steigen, bildungsferne Familien werden verdrängt. Die Probleme der Schule haben sich deshalb auch in andere Stadtteile verlagert.

Dennoch, das Beispiel zeigt, dass es Schulen mit geeigneten Bildungsprogrammen aus dem Brennpunkt herausschaffen können. Auch wenn die statistischen Zahlen rückläufig seien, fordert Kriminologe Lösel deshalb, den Blick nicht von Brennpunktschulen abzuwenden oder die Situation mit Statistiken zu beschönigen. Er fürchtet, dass die Gewalt an Schulen sonst in Zukunft stärker nach oben gehen könnte.

Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe, fordert indes bessere Aus- und Weiterbildung für Lehrer in Sachen interkultureller Kompetenz und mehr Sozialpädagogen an den Schulen, um auf die Konflikte angemessen reagieren zu können.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde das Zitat von Lehrerverbands-Präsident Meidinger in zugespitzter Form ("Unsere Schulen sind außer Kontrolle") wiedergegeben. Tatsächlich sagte Meidinger: "An einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken laufen wir Gefahr, dass die Situation außer Kontrolle gerät." Wir haben die Überschrift und die Passage im Text entsprechend angepasst.

Weitere Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurden Daten von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention des deutschen Jugendinstituts zitiert, wonach die Gewalt an Schulen kontinuierlich seit den Neunzigerjahren gesunken sei. Allerdings sind diese Daten zumindest teilweise bereits überholt, und die bundesweite Polizeistatistik wertet die Gewalt an Schulen nicht gesondert aus. Es gibt also derzeit keine aktuelle Erhebung, die bundesweit zeigt, ob die Gewalt an Schulen steigt oder sinkt. Wir haben die Passage im Text daher angepasst. Die aktuellen Daten für einzelne Bundesländer zeigen demnach folgendes: In NRW, Bayern und Berlin sind die Gewalttaten an Schulen seit 2015 gestiegen. Ob dieser Trend anhält, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Wassup 26.03.2018
1. Von Indien lernen: Kameras in Klassenzimmern
Deutschland sollte von Indien lernen, das als Multi-Kulti-Land mit ethno-religiösen Konflikten Erfahrung hat: Dort sind Kameras in den Klassenzimmern installiert. Übergriffige Schüler können so leichter zur Rechenschaft gezogen werden.
Nordstadtbewohner 26.03.2018
2. Die Schule meiner Kinder hat diese Probleme nicht
"Bewaffnete Schüler, Gewalt, verbale Attacken: Der Lehrerverband warnt vor "amerikanischen Zuständen an deutschen Schulen". Die Statistik sagt etwas anderes" Die Schule meiner Kinder hat die im Artikel beschriebenen Probleme nicht. Das liegt allerdings auch daran, dass diese Schule eine Schule in freier Trägerschaft ist, die Schulgeld erhebt und damit potentielle Unruhestifter außen vor lässt. So können meine Kinder angstfrei lernen. Ich muss allerdings den Autorinnen des Artikels deutlich widersprechen. Nur weil die Statistik etwas "anderes" sagt, heißt es noch lange nicht, dass die Probleme vor allem an öffentlichen Schulen nicht zugenommen haben. Ich erinnere da nur an einen Artikel hier kürzlich auf Spon, wo laut einer Studie Schüler von öffentlichen Schulen genauso gut sind wie an Privatschulen. Dass bestimmte Schülergruppen in dieser Studie nicht erfasst wurden, erklärt dann natürlich die "Ergebnisgleichheit".
KaWeGoe 26.03.2018
3. Nicht nur an Schulen mangelt es an gegenseitigem Respekt !
Das Problem nur auf Schulen zu beziehen, ist meiner Meinung nach deutlich zu kurz gegriffen. Es mangelt insgesamt an gegenseitigem Respekt in unserer Gesellschaft ! Es ist auch nicht nur ein Problem von Migranten oder Problem-Viertel. Auch gutbürgerliche Bio-Deutsche verhalten sich immer unzivilisierter. Der Umgang der Menschen insgesamt ist für mein Empfinden zu respektlos, rücksichtslos und egoistisch ! Das fängt bei Kleinkindern in der Kita an, geht über rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr bis zu den raffgierigen Managern der DAX-Konzerne, die millionenfachen Betrug begehen und sich dann die Taschen mit Tantiemen vollstopfen. Mein Vorschlag: Der Staat muss sich wieder Respekt verschaffen ! Härtere Anwendung vorhandener Gesetze - bei jedem Vergehen ! Ganz gleich, ob Ladendiebstahl, unerlaubte Straßenrennen oder millionenfacher Betrug an Autokäufern ! Schluss mit der Samthandschuh-Justiz. Wer einmal eine Bewährungsstrafe erhalten hat, hat sein Bewährungsstrafen-Budget ausgeschöpft. Ab dann heißt es 100 % absitzen, weil der Verurteilte bewiesen hat, dass eine sanfte Bestrafung sich bei ihm "nicht" bewährt hat.
slider 26.03.2018
4. Ich kann nur Lachen und das Lachen bleibt mir im Hals stecken
Als Vater von drei Kindern in Berlin sehe ich ich über Jahrzehnte wie sich die "Schule" entwickelt ( Erstes Kind 1981 , drittes Kind 2005 geboren). Es werden nicht alle Gewalttaten gemeldet, es könnte ja den "guten Ruf" der Schule beschädigen.
lynx999 26.03.2018
5. Viel kleinere Schulen!
Nicht nur kleinere Klassen braucht es, sondern auch viel kleinere Schulen. Die hier im Artikel beschworene „Durchmischung“ geht nicht und widerspricht dem Leistungsprinzip. Also müssen die „Schlimmsten“ isoliert werden, damit diese sich nicht mit anderen zusammenrotten und gemeinsam sich noch weiter herunter ziehen. Das herunter ziehen betrifft natürlich nicht nur schulische Leistungen, sondern auch kriminelle Ersterfahrungen usw. Ziel wäre je höher der Förderbedarf ist, desto kleiner sind die Schulen und Klassen - bis hin zu 1:1 Unterricht. Je intelligenter die Schüler sind, desto mehr profitieren diese von den Besten in der Klasse... Kleine Schulen führen dazu, dass niemand durch das Raster fällt und problematische Kinder und Jugendliche sich nicht noch weiter gegenseitig das Leben schwer machen und sich „nach unten“ orientieren.
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