Chats von Helikoptereltern "Sie haben 27 neue Nachrichten"

Wohin geht der nächste Klassenausflug, wer hat die Läusekur gemacht, was gibt es in der Schule zu essen? Viele Mütter und Väter versuchen, auch digital alles zu kontrollieren. Die besten Auszüge aus nervigen Elternchats.

Mutter und Tochter mit Smartphones (Symbolbild)
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Mutter und Tochter mit Smartphones (Symbolbild)


50 Nachrichten am Tag auf dem Smartphone - für Eltern mit mehreren Kindern ganz normal. Davon enthält oft nur eine Nachricht essenzielle Infos, der Rest beschäftigt sich mit Befindlichkeiten und Banalitäten. Die Höchststrafe sind Gruppenchats.

Jede Kopflauskur, jede fixe Idee zum Klassenausflug, jedes vermisste Unterhemdchen wird schnell einmal rund um den Globus und an alle Eltern der Kita, der Klasse oder der Fußballmannschaft verschickt. "Ich bekomme zum Beispiel über Nacht 17 neue Nachrichten, weil ein Kind sein Freundebuch nicht findet", erzählt eine Mutter.

Vorbei sind die auch Zeiten, in denen Kinder per "Ranzenpost" einen Zettel in der Postmappe nach Hause transportieren und daran denken mussten, ihn den Eltern vorzulegen. Oder in denen Kinder sich Hausaufgaben notieren mussten - findige Helikoptereltern haben längst Workarounds für solch unzuverlässige Systeme entwickelt. "Eltern fotografieren Tafelbilder und Heftzeichnungen ab und stellen sie in die Gruppe", berichten genervte Grundschullehrerinnen.

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Und egal, wie banal - die WhatsApp-Gruppe brummt auch samstagabends, an Weihnachten oder in den Ferien. "Nach einem Jahr mit unserer Klasse hat sich der Klassenlehrer aus allen Chatgruppen abgemeldet", erzählte eine Mutter aus Kiel. "Er war die endlosen Diskussionen einfach leid. Nun gibt es eine neue Gruppe mit One-Way-Kommunikation: Da schreibt der Lehrer an Eltern. Antworten sind verboten."

In dem neuen Buch "Ich muss mit auf Klassenfahrt - meine Tochter kann sonst nicht schlafen" der SPIEGEL-ONLINE-Redakteurinnen Lena Greiner und Carola Padtberg packen Erzieher, Eltern, Lehrer, Ärzte und Anwälte aus, was sie mit übermotivierten Erziehungsberechtigten erlebt haben und berichten von irren Beispiele der digitalen Eltern-Kommunikation.

Lesen Sie hier Buchauszüge aus dem Kapitel "Das ist echt nervig! Die schlimmsten Elternchats" (Namen, Orte und signifikante Details wurden geändert und einige Chatverläufe gekürzt):

Manchmal werden die Nachrichten auch aggressiv: An einem sehr guten Hamburger Gymnasium schaukelten sich die gut situierten Anwälte, Ärzte und Unternehmer im Elternchat einer fünften Klasse so hoch, dass eine der Schulbehörde angeschlossene Vermittlungsstelle eingeschaltet werden musste.

Eigentlich ging es nur um Umgangsformen, doch einige Eltern meldeten daraufhin ihre Kinder sogar von der Schule ab.

  • picture alliance / Bildagentur-o
    Vom Dinkelzwang bis zur Notenklage: Sind Sie Hebamme, Lehrer, Erzieher, Kinderarzt, Studienberater, Professor, Anwalt, Sporttrainer - oder Nachbar/Freund/Bekannter? Haben Eltern schon mal absurde Forderungen an Sie gestellt oder versucht, Sie auszuhorchen, zu beeinflussen oder einzuspannen - zum vermeintlichen Wohle der eigenen Kinder?

    Schicken Sie uns hier Ihre absurden Anekdoten über Helikoptereltern und/oder anonymisierte (WhatsApp)-Dialoge. (Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.)

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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
mcmercy 28.09.2018
1.
Hab ich noch nie erlebt, bei uns ist es ja schon schwierig überhaupt alle Telefonnummern oder E-mail Adressen der Klasse zusammenzubekommen, der Lehrer darf die ja nicht weitergeben Datenschutz und so. Und die obligatorischen Zettel die im Toni vergammeln gibts leider immer noch, dabei wäre es viel einfacher, die Schule würde die per mail an die Eltern senden, das spart auch Papier.
toninotorino 28.09.2018
2. Helikoptereltern
Nannte es "Hinterherspionieren". Habe damit schlimme Erfahrungen gemacht. Für mich war es der Horror. Leider neigte meine Mutter dazu. Es gab zwar noch keine Handys aber das Telefon. Und damit wurde überall auf Verdacht angerufen, nur um irgendwelche informationen über mich herauszufinden. Trotz meiner Bitten, das zu unterlassen, wurde es ignoriert. Sogar meine jüngere Schwester wurde eingespannt. Diese Manie, so nannte ich es, grenzte an Besessenheit. Aus Frustration und Langeweile. Nach meinem Eindruck stand hinter der vermeintlichen "Sorge", die das "Hinterherspionieren" begründete, auch etwas Böswilliges. Ein "nicht Gönnen wollen". Nicht vertrauen können und wollen. Ich fand´s schlimm. Hat mir einiges versaut. Und: Mein Verhältnis zu meiner Familie auf ewig beschädigt. Bin dann früh ausgezogen um meine Ruhe zu haben. Ich glaube, Helikoptereltern sollten sich mal gründlich mit ihrem Verhalten auseinandersetzen. Es grenzt an einen Wahn.
seefahrer123 28.09.2018
3.
Da wollte ich gerade schreiben das mir das ein sehr deutsches Problem zu sein scheint und dann taucht in der WhatsApp Gruppe der Kindergarten Klasse meiner Tochter (4 Jahre, portugiesischer Kindergarten) eine Mutter auf die sich darüber beschwert, dass ihr Sohn aufeinmal Schimpfwörter kennt und das sicherlich Schuld der neuen Kinder ist... Glücklicherweise ist der Admin der Gruppe die Leiterin des Kindergartens und nun hat diese Mutter ein Meeting mit ihr. Aber davon ab, ist also kein deutsches Problem. Wobei ich als ehemaliges Dorfkind nur mit dem Kopf schütteln kann dass ein 1km Weg, zurückgelegt mit dem Fahrrad, für einen Shitstorm Sorgen kann...
dana_berlin 28.09.2018
4. Genug zu dem Thema
Soll einfach das Buch beworben werden? Sicher ist Eltern-Bashing im Moment im Trend, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Aufmerksamkeit und Hilfe für die Kinder thematisiert wird, deren Eltern nicht in der Lage sind, sie ausreichend zu begleiten. Ich habe im übrigen Verständnis für die als Helikopter-Eltern verunglimpften Eltern. Die Schule ist leider kein sicherer Ort mehr. Vom öffentlichen Nahverkehr ganz zu schweigen. Der Berliner Senat hält Schulwege von bis zu einer Stunde für zumutbar. Schulen rufen nicht mehr zu Hause an, wenn ein Kind nicht im Unterricht erscheint und nicht für den Tag entschuldigt ist. Ich wünsche daher jedem (Schul-) Kind aufmerksame Eltern. Wo liegt das Problem bei den im Moment derart verunglimpften Eltern? Sind die Kinder verwahrlost? Nein. Mir tun die Kinder leid, die von zu Hause aus nicht so eng begleitet werden können, wie es erforderlich ist. Wo ist die Lobby für die Kinder, die zum Teil in der Grundschule schon alleine aufstehen müssen, die ohne Essen in die Schule kommen und die auch sonst keine Unterstützung im Alltag erfahren? Viele Schulen geben heute keine regelmäßigen Rückmeldungen mehr, weder zum Lernerfolg noch zur sozialen Entwicklung. Wenn Eltern von sich aus regelmäßig nachfragen, gelten sie auch gleich als Helikopter-Eltern und werden häufig mit Sprüchen abgefertigt.
julia_märz 28.09.2018
5. 2.
Mir geht das Gelästere über das Helikoptern auf die Nerven. Mein Kind, ein vollkommen normales Kind, hatte in der Kita und auch schon in der Schule diverse Unfälle oder Auseinandersetzungen, bei denen keiner der Erzieher etwas mitbekommen hatte. Einmal fiel er direkt nach der Kita (auch eine völlig normale und eigentlich gute Kita) in Ohnmacht und ich bekam hinterher von der Kitaleitung eine Entschuldigung versehen mit der Erklärung, dass es bereits fachliche Diskussionen darüber gäbe, dass Erzieher im Garten leider nicht so aufmerksam seien wie im Haus und dass sich wahrscheinlich deshalb keiner rum gekümmert habe, ob das Kind etwas trinkt oder zu lange in der Sonne gewesen sei. Da hätte ich mich doch gerne mal hinter einem Busch versteckt und zugesehen, ich kann mein Kind nämlich gut leiden und hätte es nach der Fremdbetreuung gerne heil zurück. Ich fände es auch durchaus in Ordnung, wenn eines Tages ein Schulessen erfunden würde, dass die Kinder auch essen, vielleicht sogar gerne. Und ich finde die Miteltern in "unserer" Klasse auch teilweise nervig, teilweise aber auch nett, und traue jeden einzelnen Erwachsenen soviel Medienkompetenz zu, dass er sich seinen Alltag irgendwie erträglich organisiert. Und aus meiner Zeit als Lehrerin erinnere ich mich an Kinder, die einfach leere Rucksäcke in die Schule trugen, weil kein Elternteil sich dafür interessierte, ob sie Stifte, Schulhefte oder Pausenbrot überhaupt besitzen. Die Anzahl der Kinder, die keinen Schulabschluss machen - und das Niveau des BBA nach Klasse 9 ist wirklich nicht hoch - liegt jährlich bei 50.000 - mir tun die vernachlässigten Kinder deutlich mehr leid als die überbehüteten. Und so wahnsinnig komisch ist das Thema auch wieder nicht, dass man es wochenlang auf Spon breittreten muss, nur um dieses Läster-Buch zu promoten.
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